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Innere Medizin 1. Oktober 2008

Sandmücken und durch Sandmücken übertragene Erreger von Infektionen des Menschen in Mitteleuropa aus der Sicht von Klimaveränderungen

Sandmücken (Diptera: Psychodidae: Phlebotominae) sind in Europa typische mediterrane Faunenelemente von geringer Expansivität, die in über 20 Spezies im Mittelmeerraum weit verbreitet sind. Einzelne Arten dringen nordwärts in extramediterrane Gebiete (Westeuropa, Osteuropa) vor, in Mitteleuropa nördlich der Alpen wurde das Vorkommen von Sandmücken jedoch bis vor kurzer Zeit ausgeschlossen. Seit 1999 allerdings wurden Phlebotominae u.a. in einigen Teilen Deutschlands und Belgiens gefunden; diese Nachweise wurden ursprünglich mit Klimawandel und globaler Erwärmung in kausalen Zusammenhang gebracht. Inzwischen muss man aber annehmen, dass Sandmücken lange Zeit, vermutlich seit den holozänen Optima (ca. 4500 und 2500 v. Chr.) als Ein-(Rück-)Wanderer aus mediterranen Refugien in Mitteleuropa sporadisch vorkommen und bisher einfach übersehen worden sind. Dass aber eine Klimaerwärmung zur weiteren Ausbreitung in Mitteleuropa führen wird, steht außer Zweifel. Klimatologische Analysen der bisher bekannten Fundorte haben ergeben, dass die Temperatur den Schlüsselfaktor darstellt. Vergleiche mit den Klimaverhältnissen in Österreich (von wo bisher keine sicheren Funde von Phlebotominae vorliegen) haben ergeben, dass bereits eine Temperaturerhöhung um 1°C im Vergleich zum Zeitraum 1971–2000 in vielen Gebieten zu Bedingungen führen würde, die für ein Vorkommen von Sandmücken geeignet sind. (Die Szenarien für eine Klimaerwärmung schwanken zwischen 1,5°C bis 4,5°C zum Ende des Jahrhunderts; 3°C erscheint auch kritischen Autoren als realistische Größe.) Eine Erhöhung der Winter-(Januar-Durchschnitts-)Temperaturen könnte im Westen Österreichs zur Etablierung von Ph. mascittii führen, eine Erhöhung der Sommertemperatur würde besonders im Osten und Südosten zu für Ph. neglectus geeigneten Bedingungen führen. Leishmanien kommen ursprünglich in Mitteleuropa sicher nicht vor, doch sind in den letzten Jahren zunehmend autochthone Infektionen bei Menschen und Tieren festgestellt worden. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind diese Infektionen auf autochthon vorkommende Sandmücken zurückzuführen, die sich an Hunden infiziert haben. Mit Leishmanien infizierte Hunde werden von mitleidvollen Mitteleuropäern immer wieder – meist illegal – von Südeuropa mitgebracht, und es hat sich sogar ein florierender Markt entwickelt, in dem solche erkrankten Hunde aus dem Mittelmeerraum per Internet von geschäftstüchtigen Personen angeboten werden. Angesichts der Gefährlichkeit der viszeralen Leishmaniose (besonders für Kleinkinder und Immunsupprimierte) muss dieser Situation große Beachtung geschenkt werden. Phleboviren sind bisher in Mitteleuropa nicht festgestellt worden, könnten sich aber bei Klimaerwärmung und bei Einschleppung möglicherweise etablieren, insbesondere, wenn es sich um Stämme handelt, bei denen außer dem Menschen andere Vertebraten als Reservoir fungieren können.

Horst Aspöck, Thomas Gerersdorfer, Herbert Formayer, Julia Walochnik, Wiener klinische Wochenschrift

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