zur Navigation zum Inhalt
Foto: Nimmervoll-Schütz
Aufsicht auf eine normale Leber nach Biopsie-Entnahme.
 
Innere Medizin 3. Dezember 2008

Hepatitis Delta – eine Gefahr kehrt zurück

Aufgrund der Durchseuchungsrate einzelner Schwellen- und Entwicklungsländer könnte sich das Hepatitis-D-Virus wieder in Mittel- und Westeuropa ausbreiten.

Die Globalisierung und die da- mit einhergehende Mobilität und Migration der Menschen fordern auch die Gesundheitspolitik heraus. Denn Krankheitserreger, die lange Zeit auf bestimmte Gebiete oder Regionen beschränkt geblieben sind, tauchen nun unerwartet fernab ihrer „Heimat“ auf. Aber auch Infektionskrankheiten, die schon längst als besiegt und ausgerottet gegolten haben, werden wieder vereinzelt in unseren Breitengraden diagnostiziert. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Hepatitis D (Delta).

 

Die Hepatitis D ist unter den virusinduzierten Leberentzündungen die, die am raschesten zu Leberzirrhose und Leberkrebs führt. Andererseits ist das Hepatitis-D-Virus ein sogenanntes inkomplettes Virus, es muss sich – um die Leber überhaupt infizieren zu können – eines Oberflächenproteins des Hepatitis-B-Virus „bedienen“, das heißt, ohne Hepatitis B gibt es auch keine Hepatitis-D-Infektion der Leber.

Dass Hepatitis D in den vergangenen 10 bis 15 Jahren bei den heimischen Hepatologen-Kongressen kaum ein Thema war, ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass man Hepatitis-D-Infektionen in Mittel- und Westeuropa über viele Jahre nur vereinzelt gesehen hat. Zuletzt war es in den 1970er-Jahren zu ei-nem gehäuften Auftreten in Italien gekommen. Danach beschränkten sich die Infektionen in unseren Breiten wieder auf Einzelfälle. Doch damit könnte es unter Umständen bald vorbei sein, meinte der Hepatologe Prof. Dr. Cihan Yurdaydin von der Universitätsklinik Ankara beim Gastroenterologen-Kongress, der im Oktober in Wien stattfand.

Gefahr sollte nicht unterschätzt werden

Von einzelnen Schwellen- und Entwicklungsländern, die eine beachtliche Durchseuchungsrate, aber keine Ressourcen zur Eindämmung derselben haben, könnte sich das Virus auch wieder in Mittel- und Westeuropa ausbreiten, sagte Yurdaydin. Immerhin sei bereits ein Ansteigen der Infektionen zu beobachten – und zwar unter anderem in Ländern wie Italien, Deutschland und Großbritannien; aber auch in den USA sieht man, wie Yurdaydin von amerikanischen Kollegen in Erfahrung brachte, immer mehr Hepatitis-D-Infektionen. Auch in Österreich sehe man immer wieder – wenn-gleich tatsächlich nur vereinzelt – Fälle von Hepatitis D, sagt der Hepatologe Prof. Dr. Wolfgang Vogel von der Universitätsklinik Innsbruck. Gefahr in Verzug sei seiner Meinung nach jedoch nicht. Oder müsste es eher „noch nicht“ heißen? Cihan Yurdaydin meint jedenfalls, dass die Gefahr nicht unterschätzt werden dürfe und „awareness“ gefordert sei.

Womit haben wir es beim Hepatitis-D-Virus eigentlich zu tun? Das Hepatitis-D- oder Delta-Virus ist eine Rarität der Natur, es ist sozusagen ein defektes Virus, das nur aus einem stark verdrillten RNA-Ring besteht und keine eigene Hülle hat. Aber es kann die Hüllproteine (HBsAg) des Hepatitis-B-Virus binden und dann auch die Leber infizieren.

Welche Länder haben eine hohe Durchseuchungsrate?

Das Hepatitis-D-Virus dürfte so alt wie die Menschheit selbst sein, meint der Hepatologe Vogel. Die ersten gesicherten Daten über ein endemisches Auftreten von Hepatitis D stammen aus dem Amazonas-Delta. Dort hatte man bei Menschen, die laut ursprünglicher Diagnose an Schwarzwasserfieber (fiebrige Hämoglobinurie) verstorben waren, im Zuge einer nachträglichen Leberbiopsie gesehen, dass die Verstorbe-nen allesamt mit dem Hepatitis-D-Virus infiziert waren. Danach gab es in den späten 1970er-Jahren – wie bereits erwähnt – größere Ausbrüche in Italien und auch in Südrussland. In Italien konnte die Seuche durch eine groß angelegte Hepatitis-B-Impfaktion eingedämmt werden, denn ohne Hepatitis B gibt es bekanntermaßen auch keine Hepatitis D.

„Hot spots“ mit relativ hoher Durchseuchungsrate sind heute die Türkei, und zwar die Ost- und Süd- ost-Türkei (mit ihren Grenzen zum Irak, zu Syrien und dem Iran, aber auch zu Armenien und Aserbeidschan, wo die Infektionen ebenfalls weit über Einzelfälle hinausgehen), sowie Zentralasien, die Mongolei, Tadschikistan und Kirgisistan, sagt Yurdaydin. Daneben weisen auch Rumänien und Albanien eine hohe Durchseuchungsrate auf. Endemisch ist das Virus auch auf der arabischen Halbinsel, in Teilen von Afrika sowie von Mittel- und Südamerika.

Schwer zu schätzen sei nach Yurdaydin die Zahl der Infizierten in Mittel- und Westeuropa. Die Dunkelziffer werde wahrscheinlich unterschätzt, weil nicht zuletzt „unter den illegalen Immigranten viele Infizier-te sein dürften“, so Yurdaydin.

Mögliche Übertragungswege

Aber jeder/jede nicht identifizierte Infizierte werde zum Ansteckungsrisiko für andere, sagt der Hepatologe Yurdaydin. Übertragen wird das Hepatitis-D-Virus ähnlich wie das Hepatitis-B-Virus durch Blut und andere Körperflüssigkeiten (es kann nicht nur durch sexuellen Kontakt, sondern auch durch engen Körperkontakt übertragen werden). Ein besonderes Ansteckungsrisiko bergen naturgemäß kontaminierte Spritzen bei intravenöser Drogenapplikation. Ein gewisses Risiko stellen nach Yurdaydin auch die mitunter unzureichenden medizinischen Hygienestandards in manchen endemischen Gebieten dar; da sei jedenfalls nicht auszuschließen, dass das Virus im Zuge einer medizinischen Versorgung über ein „infiziertes Instrument“ übertragen werde. Der beste Schutz vor einer Infektion ist naturgemäß eine Hepatitis-B-Impfung.

Während für Yurdaydin die Migration die Ursache für die steigende Zahl an Hepatitis-D-Infektionen ist, sind für Vogel die „klassischen“ Hepatitis-D-Patienten auch heute noch meist Menschen „mit einer Drogenvorgeschichte“, denn über die „Drogenstraße käme auch das Hepatitis-D-Virus zu uns herein“.

Aufwendiges Nachweisverfahren

Über die Zahl der in Österreich tatsächlich Infizierten kann jedenfalls nur gemutmaßt werden, denn es werden nicht einmal die Men-schen mit akuter oder chronischer Hepatitis B auf Hepatitis D untersucht, nicht zuletzt deswegen, weil das Nachweisverfahren aufwendig ist und weil es auch nur drei Labors in Österreich gibt, die das Hepatitis-D-Virus mittels Real-Time-quantitativer PCR nachweisen können. Erst wenn eine Hepatitis-B atypisch verläuft – so der Innsbrucker Hepatologe –, werde untersucht, ob eventuell auch eine Hepatitis-D-Infektion vorliegt; etwa wenn eine Patientin/ein Patient mit Hepatitis B zwar gut auf die entsprechende Therapie (Interferon; Nukleosid- und/oder Nukleo-tid-Analoga) anspricht und es zu einer starken Reduzierung der Virus-last kommt, die Leberentzündung aber manifest bleibt. Auch bei Leberversagen im Zuge einer Hepatitis B sehe man laut Vogel immer wieder einmal eine „aufgepfropfte“ Hepatitis-D-Infektion.

Apropos „aufgepfropft“: die Hepatitis D kann gleichzeitig mit einer Hepatitis B erworben werden, wo- bei eine Co-Infektion immer dramatischer verläuft als eine Hepatitis-B-Infektion allein. Nach Yurdaydin führt die Kombination von Hepa- titis-B- und Hepatitis-D-Infektion dreimal häufiger zu Leberzirrhose als eine Hepatitis-B-Infektion allein. Und über der Leberzirrhose hängt das Damoklesschwert Leberkarzinom. Die Hepatitis-D-Infektion kann aber nicht nur im Zuge einer Hepatitis-B-Infektion erworben werden, sie kann sich auch auf eine bereits bestehende chronische Hepatitis-B-Infektion „aufpfropfen“. Das führt dann oft zu einer schweren akuten Leberentzündung und mitunter auch zur Elimination der Hepatitis-B-Viren. Das bedeutet aber nicht, dass damit die Gefahr gebannt ist, denn die Hepatitis-D-Viren, die die Leber bereits infiziert haben, können ihrerseits dort überleben und ihr zerstörerisches Werk in Richtung Leberzirrhose fortsetzen.

Hepatitis-B-Viren sind sehr heimtückisch

Eine erfolgreiche Hepatitis-B-Behandlung bedeutet nicht immer gleichzeitig auch eine Elimination der Hepatitis-D-Viren, vor allem dann nicht, wenn die Therapie mittels Nukleosid- oder Nukleotid-Analoga erfolgte, denn diese zeigen bei Hepatitis-D-Viren keine Wirkung.

Erfolgversprechender bei Hepatitis D scheint hingegen – wenn auch nicht in allen Fällen – die Behandlung mit pegyliertem Interferon zu sein. Wenngleich Hepatitis-Viren allesamt sehr heimtückisch sind, so ist das Hepatitis-B-Virus nach Vogel das heimtückischste, denn es kann selbst nach erfolgreicher Behandlung „als Schläfer“ in der Leber verbleiben und sich wieder ver- mehren, wenn die/der Infizierte etwa mit immunsupprimierenden Medikamenten (wie etwa bei Krebs, Autoimmunerkrankungen, nach Organtransplantation etc.) behandelt wird. Und mit den sich vermehrenden Hepatitis-B-Viren bekommen auch eventuell schlummernde Hepatitis-D-Viren wieder, was sie brauchen, um die Leber infizieren zu können.

Daher ist nach Yurdaydin von der Universitätsklinik Ankara – wo auch mehr Fälle an Hepatitis D gesehen werden als etwa in Österreich – wichtig, eine Hepatitis-D-Infektion zu erkennen und auch zu behandeln. Während Vogel, Universität Innsbruck, meint, dass die derzeit in Österreich gepflogene Praxis, bei einer Hepatitis B nur bei Vorliegen entsprechender Verdachtsmomente auch auf Hepati-tis D zu testen, ausreichend ist, tritt Yurdaydin dafür ein, dass möglichst alle Hepatitis-B-Patienten auf Hepatitis D untersucht werden sollten – vor allem, wenn die Betroffenen einen Migrationshintergrund haben.

Medikamente sind Mangelware

„Die Moral dieser Geschichte“ ist nach Yurdaydin aber noch eine andere: Während in die Entwicklung von Medikamenten zur Behandlung der auch in den westlichen Industrieländern stärker verbreiteten Hepatitis B und C viel investiert werde, sehe dies bei Hepatitis D, die man hauptsächlich in Schwellen- und Entwicklungsländern antrifft, ganz anders aus. In der Entwicklung von speziell gegen Hepatitis D wirksa-men Medikamenten tue sich kaum etwas. Vielleicht müsse die Hepati- tis D auch in der westlichen Welt erst zu einem größeren Problem werden, damit die Entwicklung von Wirksubstanzen vorangetrieben werde – wovon dann eventuell auch die Menschen in den ärmeren Ländern profitieren würden (so sie sich diese Medikamente überhaupt werden leisten können).

Da wir aber nicht zuletzt durch die Globalisierung immer näher zusammenrücken und auch Krankheitserreger innerhalb kürzester Zeit um den Erdball wandern können, sollte – und Hepatitis D ist ein gutes Beispiel dafür – auch Gesundheitspolitik stärker als bisher global gedacht werden, meint Yurdaydin.

Foto: Nimmervoll-Schütz

Aufsicht auf eine normale Leber nach Biopsie-Entnahme.

Foto: Nimmervoll-Schütz

Frühe Fettleberzirrhose bei Laparaskopie.

Foto: Nimmervoll-Schütz Eveline /  American Gastro Association

Voll entwickelte Zirrhose bei Lebertransplantation.
Eine Infektion mit Hepatitis-D-Viren kann entweder gleichzeitig mit Hepatitis B erfolgen (Simultaninfektion) oder nachträglich (Superinfektion). Im letzteren Fall leidet die Leber deutlich stärker. Es kommt auch schneller zu Leberzirrhose und/oder Leberkrebs. Bei stark fortgeschrittener Leberkrankheit können Hepatitis-B- und -D-Koinfizierte transplantiert werden.

Foto: Privat

Von Dr. Eveline Nimmervoll-Schütz, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben