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Foto: Buenos Dias/photos.com
 
Innere Medizin 21. November 2008

Das alte Herz will gefordert werden

Die seit je her geforderte „Schonung“ für ältere (Kardio-)Patienten ist längst obsolet.

Das alternde Herz ist leistungsfähig! Die durch die Alterung auftretenden physiologischen Veränderungen erlauben durchaus körperliche Belastungen, Experten fordern sie sogar ein. Doch nur rund 25 Prozent der kardiologischen Patienten erhalten außerhalb spezialisierter Zentren eine richtliniengemäße Behandlung. Zudem sind ältere Herzpatienten aufgrund asymptomatischer Infarkte besonders gefährdet.

 

„Ja, auch das ältere Herz ist leistungsfähig und verträgt Herausforderungen. Sie sind sogar notwendig, um die Leistungskraft zu erhalten. An sich ist das gesunde Altersherz nicht schwach“, betonte Prof. Dr. Helmut Brussee, Klinische Abteilung für Kardiologie Graz, auf der Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer in Pörtschach zum Thema „Aspekte der Geriatrie“. Die Spannungsfähigkeit und die systolische Funktion in Ruhe bleiben sogar unverändert. Im Vergleich zum jungen Herzen nimmt hingegen die Stimulierbarkeit ab, die Gefäßsteifheit nimmt zu, die maximale Herzfrequenz sinkt bei Belastung, das Schlagvolumen und der periphere Gefäßwiderstand steigen. Brussee: „Aber auch das alte Herz ist trainierbar. Seniorensport verbessert unter anderem die linke ventrikuläre systolische Funktion, dazu steigt die Sauerstoffaufnahme, und die Muskeln werden besser durchblutet.“

Pathologische Alterung

Den pathologischen Veränderungen des alternden Herzens gehen vor allem Folgen des ungesunden Lebensstils voraus. Dazu zählen Hypertonie, hoher Cholesterinspiegel und Diabetes – kurz jene Faktoren, die unter dem Begriff Metabolisches Syndrom zusammengefasst sind. Die daraus resultierenden kardiovaskulären Erkrankungen stehen in Österreich mit 48 Prozent an erster Stelle. Betrachtet man die Todesfallstatistik für Herz-Kreislaufkrankheiten seit 1990, so zeigt sich, dass mehr Frauen als Männer (54 % versus 42 %) an einer Herz-Kreislauferkrankung sterben. Sie stehen auch hinsichtlich der Spitalsaufnahmen an erster Stelle. „Ein großer Risikofaktor im Alter ist die isolierte, systolische Hypertonie, die zu einer Steifheit der Aortenwand und einem peripheren vaskulären Widerstand führt. Dadurch können stille Insulte und Demenz ausgelöst werden“, erläuterte Brussee.

Drei Krankheitsbilder

Die chronische Herzinsuffizienz nimmt im Alter naturgemäß deutlich zu. Mit 65 Jahren leiden etwa zwei Prozent der Bevölkerung daran, bei den über 80-Jährigen sind es bereits zehn Prozent. In Österreich leiden etwa 200.000 Menschen an Herzinsuffizienz und ihren Folgen, etwa 15.600 sterben jährlich daran. Die Versorgung sollte auf der Basis von kürzlich erstellten Leitlinien der österreichischen Gesellschaft für Kardiologie erfolgen. Allerdings erhalten nur etwa 25 Prozent der Patienten außerhalb spezialisierter Zentren eine adäquate Behandlung. „Die chronische Herzinsuffizienz ist eine fatale Multisystemerkrankung. Patienten mit arterieller Hypertonie, Diabetes mellitus und Herzinfarkt haben ein besonders hohes Risiko“, warnte Kardiologe Brussee. Eine Frühdiagnose und rechtzeitige Therapie können das Überleben aber deutlich verbessern. Mit dem NT-proBNP-Schnelltest kann festgestellt werden, welche Patienten besonders gefährdet sind. Für die Therapie stehen nicht-medikamentöse und medikamentöse Maßnahmen zur Verfügung (vor allem ACE-Hemmer, Diuretika, Herzglykoside, β-Blocker und AT1-Blocker). Ziel ist vor allem, die kardiale Dysfunktion zu verbessern.

Koronare Herzkrankheiten

Bei Menschen zwischen dem 70. und 80. Lebensjahr liegt häufig eine anatomisch nachweisbare koronare Herzkrankheit vor. Die atherosklerotischen Wandveränderungen sind gegenüber jüngeren Menschen schwerer ausgeprägt und befallen diffus die Koronargefäße. Zwei Drittel aller Myokardinfarkte und 80 Prozent aller infarktbezogenen Todesfälle kommen bei Patienten im Alter über 65 Jahren vor. Im Vergleich zu jüngeren Patienten erleiden sie öfter einen Nicht-ST-Strecken-Elevations-Myokardinfarkt (NSTEMI), der häufig von einer Herzinsuffizienz begleitet wird. Während bei jüngeren Patienten eine akute koronare Ischämie oft mit einem klassischen Schmerzsymptom verbunden ist, fehlt bei älteren Menschen häufig das klassische Beschwerdebild. Aufgrund dieses Umstandes kommt es bei älteren Patienten oft zu einem stummen Myokardinfarkt: Die Cardiovascular Health Study und die Framingham Study konnten aufzeigen, dass ein nicht diagnostizierter Myokardinfarkt bei 22 Prozent aller Patienten über 65 Jahren und bei 40 Prozent der Patienten zwischen 75 und 85 Jahren nachweisbar war. Damit steigt die Letalität allerdings deutlich an.

Klappenfehler

Zu den häufigsten Klappenfehlern zählen die Aortenstenosen. Sie sind meist degenerativ bedingt, treten vorwiegend im Alter zwischen 70 und 80 Jahren auf und können lange kompensiert sein, bis jedoch eine rasche Dekompensation eintritt. Als Möglichkeiten der Behandlung stehen die Einsetzung eines Stents in die Koronargefäße oder der Ersatz der Aortenklappe durch eine Kunst- oder Schweineherzprothese zur Verfügung. Auch nach diesen Eingriffen muss das Herz jedoch durch Training wieder belastbar gemacht werden, da sie bei zu geringer Belastung weiter verkalkt.

Als stärkende Mittel für das alternde Herz empfiehlt Brussee unter anderem digitaloide Präparate und Weißdorn, der den Blutdruck reguliert, die Durchblutung der Herzkranzadern fördert und ein guter Radikalfänger ist.

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Von Dr. Gerta Niebauer, Ärzte Woche

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