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Foto: pressefotos.at/Thomas Preiss
V.l.n.r.: Dr. Arschang Valipour (Oberarzt an der 1. Internen Lungenabteilung, Otto-Wagner-Spital), Dr. Hanns Moshammer (Oberarzt am Institut für Umwelthygiene, MedUni Wien), Prof. Dr. Anita Rieder (Institut für Sozialmedizin, MedUni Wien), Dr. Karin Vonba
 
Innere Medizin 19. November 2008

Problemfall Asthma: Jeder Zweite ohne Therapie

Bis zu acht Jahre vergehen zwischen dem ersten Auftreten von Beschwerden und der eigentlichen Diagnose.

Die schleichende Symptomatik und ein mangelndes Bewusstsein für asthmaspezifische Beschwerden verhindern gerade bei Kindern oft eine zeitgerechte Diagnose. In der kalten Jahreszeit ist laut Experten besondere Aufmerksamkeit geboten, denn: Nicht jeder, der im Winter hustet, leidet an Grippe, Bronchitis oder Lungenentzündung!

 

Keine Frage, Asthma bronchiale zählt zu den großen Herausforderungen an die moderne Medizin. Die Zahl der Erkrankten ist imposant – und alarmierend: Weltweit leiden etwa 300 Millionen Menschen an dieser chronischen Atemwegserkrankung, in Österreich liegt die Prävalenz bei 5,8 Prozent der Erwachsenen – bei Kindern und Jugendlichen sind die Zahlen noch um einiges höher. Die Folgen: Geringere Lebenserwartung und -qualität bei den Erkrankten, hohe Kosten für das Gesundheitssystem.

Therapiedefizit kostet viel Geld

Die unzureichende Therapie verursacht auch volkswirtschaftliche Belastungen durch Krankenstände. „Schätzungen zufolge betragen die erkrankungsbezogenen Kosten für Asthma in Europa rund 17 Milliarden Euro“, berichtet Barbara Leitner von der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer Österreich beim 3. P-AIR Presseclub von AstraZeneca. Der Hauptanteil von rund zehn Milliarden Euro sei durch indirekte Kosten wie verlorene Arbeitszeit und Produktivitätsverlust bedingt.

Nach dem sogenannten Fehlzeitenreport 2007 entfallen in Österreich laut Leitner 37,4 Prozent der Gesamtkrankenstandsfälle auf Krankheiten der Atmungsorgane. Aufgeteilt nach Altersgruppen, seien vor allem jüngere Beschäftigte betroffenen: „Während in der Altersgruppe 15 bis 29 Jahre 41,4 Prozent der Fälle auf Atemwegserkrankungen entfallen, sind es in der Gruppe 50 bis 65 Jahre 27,7 Prozent“, sagte Leitner. Nach Angaben Valipours haben 38 Prozent der asthmatischen Kinder wegen Asthmasymptomen Fehlzeiten in der Schule.

Was den Experten besondere Sorgen bereitet, ist der Umstand, dass die korrekte Diagnose in lediglich 25 bis 50 Prozent der Fälle gestellt wird: Das bedeutet also, dass mindestens jeder zweite von Asthma Betroffene ohne entsprechende Diagnose und Therapie bleibt.

Erschwerte Diagnose

Erschwert wird die Diagnose durch den Umstand, dass es mehrere Formen von Asthma mit unterschiedlichen Ursachen gibt, wobei man allgemein zwischen allergischem und nicht-allergischem Asthma unterscheidet. Alle Asthma-Formen zeigen eine erhöhte Reizbarkeit der Bronchialschleimhaut, für die sowohl angeborene als auch erworbene Komponenten bekannt sind.

Als Hauptsymptom gelten Anfälle von Atemnot: „Die Atemnot wird durch eine Verkrampfung der Bronchialmuskulatur, eine entzündliche Schwellung der Bronchialschleimhaut und eine verstärkte Schleimsekretion bedingt“, erklärt Dr. Hanns Moshammer vom Institut für Umwelthygiene an der Medizinischen Universität Wien.

Frühzeitige Therapie wichtig

„Ein breites Verständnis für die asthmatypischen Beschwerden wie wiederholte Hustenanfälle oder pfeifende Atmung ist für die rechtzeitige Diagnosestellung von großer Bedeutung“, weiß Dr. Arschang Valipour von der 1. Internen Lungenabteilung am Otto-Wagner-Spital in Wien. „Schließlich führt die Verzögerung der Diagnose und Therapie von Asthma zu wiederholten Asthma-Attacken, verstärkten Beschwerden und den damit verbundenen sozialen, emotionalen und gesundheitsökonomischen Problemen, nicht zuletzt zum Fortschreiten der entzündlichen Prozesse der Atemwege.“ Der rechtzeitige Einsatz einer gezielten Asthma-Medikation könnte in vielen Fällen diesem Progress entgegenwirken.

Nach einer britischen Studie werden Kleinkinder bis zu 16-mal beim Arzt vorstellig, bevor die Diagnose Asthma bronchiale gestellt wird1.

Späterkennung bei Kindern und Jugendlichen

Einer aktuellen dänischen Untersuchung2 zufolge wurden Verzögerungen zwischen dem Zeitpunkt des erstmaligen Auftretens der Beschwerden und der eigentlichen Diagnose Asthma von bis zu acht Jahren beobachtet. 30 Prozent der Eltern berichteten über mehr als fünf Spitalsaufnahmen aufgrund von Atemwegsbeschwerden vor der Diagnosestellung. Und besonders alarmierend: Den meisten der betroffenen Kinder wurde anstelle von Asthma bronchiale andere Diagnosen wie Grippe, Bronchitis oder eine Lungenentzündung attestiert. Behandelt wurden die Kinder in vielen Fällen mit Antibiotika anstelle von asthmaspezifischen Medikamenten.

Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung, die schleichende Symptomatik und das mangelnde Bewusstsein für asthmaspezifische Beschwerden sind laut Dr. Valipour die Hauptgründe für die Späterkennung von Asthma. „Da in vielen Fällen die körperliche Untersuchung nur wenig Hinweise für eine Asthmaerkrankung liefert, ist eine genaue Befragung der betroffenen Kinder und vor allem der Eltern unerlässlich.“

Problem kalte Jahreszeit

Die erhöhte Sensibilität der Schleimhäute von Asthmatikern führt zu einer besonders starken Reaktion auf diverse – auch durch die Jahreszeit bedingte – Umwelteinflüsse. So können unspezifische Reize wie Kälte und kalter Nebel bei Erkrankten vermehrt Anfälle auslösen. Außerdem halten sich laut Dr. Moshammer im Winter mehr Menschen häufiger und länger in schlecht gelüfteten Innenräumen auf, so dass gerade in dieser Jahreszeit die Belastung durch Innenraumschadstoffe oft höher ist: „Ebenso steigt das Risiko für Atemwegsinfekte, die auch ein bestehendes Asthma verschlimmern können. Viele Formen des Asthmas nehmen daher in der kalten Saison einen schwereren Verlauf.“

Als zusätzlicher Risikofaktor tritt in der kalten Jahreszeit die Kälteexposition bei Wintersportarten auf den Plan, wie Dr. Karin Vonbank, Klinische Abteilung für Pulmologie an der Medizinischen Universität Wien, feststellt. „Als Ursache für die Verengung der Bronchien in kalter Luft und unter Belastung wird die geänderte Osmolarität durch die erhöhte Atemflussrate angenommen, die zu einer Inflammation der Bronchien führt. Die Prävalenz von Belastungsinduziertem Asthma bronchiale bei Leistungssportlern wird zwischen zehn und 50 Prozent angegeben, wobei besonders Sportarten unter Kaltluftbedingungen davon betroffen sind.“

Belastungsinduzierte Beschwerden seien sehr häufig – nämlich bei 50 bis 90 Prozent der Patienten, bei denen Asthma bereits bekannt ist, bei 40 Prozent der Patienten mit allergischer Rhinitis und bei zehn bis zwölf Prozent der „gesunden“ Menschen.

Die Häufigkeit der chronischen Atemwegserkrankung sei je nach Sportart verschieden und betrage z. B. 50 Prozent beim Skifahren und 35 Prozent beim Eishockey-Spielen – bei Schulkindern seien es im Vergleich zwölf Prozent. „Die Hintergründe sind noch nicht genau geklärt. Auch Zahlen, um wie viel die Betroffenen in der kalten Jahreszeit mehr belastet sind, gibt es noch nicht“, so Vonbank.

Wintersport ist möglich

Grundsätzlich sei Asthma keine Behinderung für Sport: „Mit der entsprechenden Vorbereitung – einem 15- bis 20-minütigen Warming-Up – und einer guten medizinischen Einstellung kann man Sport ausüben“, erklärt Vonbank. Dabei sollte man zur Einstimmung ein Intervalltraining machen: „Laufen, langsamer traben, wieder schneller laufen“, erklärt die Expertin. Welche Sportart der jeweilige Betroffene machen könne, hänge grundsätzlich von den Symptomen ab – eine Sportart von vorneherein auszuschließen, sei nicht nötig.

Gerade in der kalten Jahreszeit. rät Vonbank, sollte man sich nur mit entsprechender Bekleidung ins Freie wagen, um einem möglichen Infekt entgegenzuwirken: „Regelmäßige Bewegung an der frischen Luft stimuliert das Immunsystem.“ Auch sollte man auf genügend Luftfeuchtigkeit in den Innenräumen achten. Gutes Durchlüften vor dem Schlafengehen und vor allem ein nicht zu warmes Umfeld während der Nachtruhe würden sich positiv auswirken.

Wer ständig mit Infekten zu kämpfen hat, profitiere möglicherweise von einer Immunmodulation – diese hätten in Studien aber positive sowie auch negative Wirkungen gezeigt.

 

1 Charlton I, et al.: Delay in diagnosis of childhood asthma and its influence on respiratory consultation rates. Arch Dis Child 1991; 66: 633-635

2 Levy M, Bell L.: General practice audit of asthma in childhood. BMJ 1984; 289: 1115-1116

 

Weitere Informationen unter: www.atemwege.at

Foto: pressefotos.at/Thomas Preiss

V.l.n.r.: Dr. Arschang Valipour (Oberarzt an der 1. Internen Lungenabteilung, Otto-Wagner-Spital), Dr. Hanns Moshammer (Oberarzt am Institut für Umwelthygiene, MedUni Wien), Prof. Dr. Anita Rieder (Institut für Sozialmedizin, MedUni Wien), Dr. Karin Vonbank (Oberärztin an der Klinischen Abteilung für Pulmologie, MedUni Wien) und Mag. Barbara Leitner (Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit, Wirtschaftskammer Österreich).

Mag. Ingo Schlager /APAmed/EM, Ärzte Woche

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