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Innere Medizin 14. Oktober 2009

Wissen alleine reicht nicht

Nur Patienten-Empowerment bewirkt Verhaltensänderung.

Fundierte Kenntnisse über die Mechanismen einer Krankheit genügen nicht, um die Compliance des Patienten zu verbessern. In diesem Rahmen spielt die Selbstbestimmung über Krankheit und Gesundheit wahrscheinlich die größere Rolle.

 

Je mehr Wissen ein Patient über seine chronische Krankheit hat, desto eher werden Therapieziele erreicht. Richtig? Falsch!, sagt DGKS Barbara Semlitsch von der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Nuklearmedizin an der Universitätsklinik für Innere Medizin, Graz. „Nach Vermittlung von Wissen erwartet man als Betreuer eines Patienten natürlich auch eine Veränderung des Verhaltens. Wir haben diese Annahme allerdings untersucht und festgestellt, dass beispielsweise das Wissen über Diabetes nicht mit dem erreichten HbA1C korreliert“, berichtet die seit 20 Jahren in der Diabetes-Schulung tätige Diplomkrankenschwester.

Wissen alleine reicht also nicht. „Gesundheitsförderung bei Menschen funktioniert nur, wenn eine hohes Maß an Selbstbestimmung über Krankheit und Gesundheit möglich ist“, erklärt Semlitsch – und das wiederum setze „Empowerment“ (engl. Übertragung von Verantwortung) voraus, also die Möglichkeit des Patienten, die Herrschaft über eigene Angelegenheiten zu haben und selbst etwas gegen die Krankheit zu tun. Für den Betreuer bedeutet Empowerment, anzuerkennen, dass jeder Patient autonom und selbstbestimmend ist – und somit allerdings auch eine Eigenverantwortung hat. „Damit sind drei entscheidende Punkte verbunden: Der Patient fällt die Entscheidung über sein Handeln, er übernimmt die Kontrolle, aber auch die Konsequenzen.“

Problemidentifikation

Einige Richtlinien für das „Empowerment-Gespräch“ in der ärztlichen Praxis sollten beachtet werden, erklärt Semlitsch: „Wichtig ist natürlich das aktive Zuhören mit Blickkontakt, den Patienten seine Sätze fertig sprechen lassen – auch wenn er oft länger braucht –, und eventuelle Widersprüche in der Aussage benennen. Der Patient hat dann das Gefühl, der Arzt hat wirklich zugehört. Auch ein abschließendes Nachfragen und Zusammenfassen des vom Patienten Gesagten ist wichtig – ist es auch beim Arzt so angekommen, wie er es gemeint hat?“ Wer eine Verhaltensänderung beim Patienten erreichen will, müsse das Problem identifizieren, Ziele setzen, Pläne aufstellen und das Ergebnis konstant beurteilen. Schlüsselsätze zu diesen Schritten sind im Kasten 1 zusammengefasst.

Auch wissenschaftlich ist dieser Ansatz bereits untersucht worden. Semlitsch berichtet über eine Studie an 60 Hypertonie-Patienten über 65 Jahren, von denen sich eine Gruppe einer Empowerment-Schulung unterzog, während die andere Gruppe einem Compliance-Model folgte. „Nach drei Monaten zeigte die Empowerment-Gruppe eine Reduktion des Blutdrucks um 7 mmHg, und 70 Prozent unterzogen sich einer Blutdruck-Selbstkontrolle, während es in der Compliance-Gruppe nur 45 Prozent waren. Das ist ein recht beeindruckendes Ergebnis.“

Semlitsch fasst zusammen: „Unsere Patienten sollten uns erlauben, ihre Erkrankung aus ihrer Sicht zu sehen und gemeinsam mit ihnen ihre Ziele zu erreichen, und wenn wir die Vorstellung des Patienten verstehen, können wir auch unsere eigene Sichtweise verdeutlichen.“

Kasten:
Schlüsselsätze für das Patientengespräch
• Die Behandlung der Hypertonie funktioniert nicht so recht, was bedeutet das für Sie? Was sind Ihre größten Bedenken, was ist das Schlimmste an der Behandlung?
• Wenn das Ziel nicht erreicht wird, nachfragen: Warum hat das nicht funktioniert? Was können wir anders machen?
• Pläne und Verträge helfen. Beispiel: Wenn Sie nun vier Wochen lang die Stiegen statt des Aufzugs nehmen, was gönnen Sie sich dann?

Von Dr. Lydia Unger-Hunt, Ärzte Woche 42 /2009

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