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Prof. Dr. Leopold Öhler

Internist und Hämatoonkologe Leitender Oberarzt der Allgemeinen Bettenstation der Klinik für Innere MedizinI
AKH Wien

 
Innere Medizin 17. September 2009

„Wir sind alle Internisten!“

Der ÖGIM-Kongress 2009 betont trotz fortgeschrittener Spezialisierung das Gemeinsame.

Tagungssekretär Prof. Dr. Leopold Öhler bringt die wichtigsten Neuerungen der 40. Jahrestagung der Gesellschaft für Innere Medizin auf den Punkt und erklärt, welche Anreize Ärzte und Ärztinnen zu dem Besuch der Tagung bewegen sollen.

 

Für nur drei Tage ist die 40. Jahrestagung der Gesellschaft für Innere Medizin (ÖGIM) im Wiener AKH anberaumt. Was man in so kurzer Zeit an Inhalt vermitteln kann, warum es sich auch für junge Ärzte lohnt, zu kommen, und was unter einem „All-inclusive“-Kongress verstanden wird, erklärt der Internist und Hämatoonkologe Prof. Dr. Leopold Öhler im Gespräch.

 

Die diesjährige Jahrestagung wurde auf nur drei Tage eingedampft. Gibt es so wenig zu sagen?

ÖHLER: Ganz im Gegenteil, gerade in der Inneren Medizin gehen uns die Themen nie aus. Wir nehmen aber Rücksicht auf das Publikum und haben die Inhalte sinnvoll komprimiert. Dadurch müssen die KollegInnen ihre Ordinationen nur zwei Tage schließen bzw. zwei Tage Urlaub vom Spital nehmen, für den dritten Kongresstag muss halt das Wochenende herhalten.

Zur Planung haben wir sämtliche Fachgesellschaften der Inneren Medizin eingeladen, uns zu unterstützen und ihre Schwerpunkte zu nennen. Wir glauben, dass wir die wichtigsten Anregungen der rund 20 Internistischen Gesellschaften gut unter einen Hut bringen konnten. Diesbezüglich ist es mir ein besonderes Anliegen, die hervorragende Zusammenarbeit mit den beiden anderen Tagungssekretären der heurigen ÖGIM, Prof. Stix und Prof. Köller, zu betonen.

Natürlich haben wir bei der Konzeption darauf geachtet, dass sich die Hauptsitzungen thematisch nicht überschneiden. So laufen beispielsweise jene Sitzungen parallel, die kaum gemeinsame Bezugspunkte haben, etwa kardiologische und onkologische Fächer. Nebstbei erwähnt: es bedeutet mir trotz zeitlicher Raffung viel, dass alle Besucher genügend Zeit für die Industrieausstellung, Posterbesichtigung und zum kollegialen Austausch finden.

 

Kongresse suchen in der Regel glamouröse Tagungsorte. Sie haben das schlichte Ambiente des AKH Wien gewählt. Haben Sie keine Lust, dem Spitalsalltag zu entfliehen?

ÖHLER: Hierfür gibt es mehrere gute Gründe. Zum einen fühlen wir „einheimischen Ärzte“ uns durchaus wohl an diesem unseren Arbeitsplatz. Zum anderen stecken natürlich auch rationelle Überlegungen dahinter, denn auch wir müssen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigen und uns nach der Decke strecken. Das Hörsaalzentrum des AKH Wien bietet uns alle technischen Finessen und ist dabei günstiger als viele – wie Sie es nennen – glamourösen Tagungsorte. Außerdem ist Wien in diesem Jahr ein sehr beliebter Kongressort, da war es nicht einfach, einen freien Platz zu bekommen. Wir konnten aus der Not aber eine Tugend machen und stellen einen europaweiten – möglicherweise sogar weltweiten – Rekord auf, was die Anzahl der Live-Übertragungen aus den Eingriffsräumen betrifft. Hier möchte ich vor allem auf die Direktschaltungen von den kardiologischen Katheterräumen verweisen, weshalb wir gleich zwei kardiologische Plenarsitzungen einplanen mussten. Dies wäre bei einem Tagungsort außerhalb des AKHs nicht möglich gewesen

 

An welchen Vorträgen sind Sie persönlich besonders interessiert?

ÖHLER: Ich habe ein vielleicht eher anachronistisches Arbeitsverständnis und betrachte mich selbst als Internist, der das Gesamtfach repräsentiert und die ganze Breite der Inneren Medizin einigermaßen überblicken und beherrschen möchte. Natürlich musste auch ich meinen Schwerpunkt setzen. Dieser fiel auf die Hämatoonkologie, daher bin ich neugierig auf die Vorträge in diesem Fach, die ich zum Teil mit geplant habe. Hier stand der Gedanke im Vordergrund, was für den Allgemeininternisten, gerade auch für den niedergelassenen, wichtig ist. Dazu zählten Überlegungen rund um die Anämie, Thrombozytopenie sowie erhöhte Tumormarker und die Frage, wie der Arzt mithilfe von Untersuchungsprogrammen Krebserkrankungen vorbeugen bzw. früher bemerken kann. Diffizile Spezialbehandlungsprotokolle wollen wir auf diesem Kongress nicht haben, denn diese werden ohnehin auf den spezifischen Tagungen besprochen.

 

An diesem Punkt stellt sich ja fast immer die Frage nach dem Anspruch einer Tagung. Sollen vor allem neue wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt werden oder liegt das Gewicht eher in der klinischen Praxis? Und jetzt sagen Sie bitte nicht: beides – Sie haben ja nur drei Tage …

ÖHLER (lacht): Nun haben Sie aber die Antwort vorweggenommen. Es ist ja tatsächlich so, dass wir bei der Planung auf beides Rücksicht genommen haben und den Spagat versuchten. Und doch ist die ÖGIM kein Berufsverband, sondern eine wissenschaftliche Gemeinschaft, daher müssen wir auch so agieren. Dementsprechend haben wir attraktive Posterpreise ausgeschrieben und sind mit der Anzahl der Abstracteinreichungen mehr als zufrieden.

 

Aber es kommt ja nicht nur auf die Menge an. Vor allem die Qualität der eingereichten Abstracts gibt darüber Auskunft, wie es mit dem Nachwuchs steht. Wie sind Sie mit den diesjährigen Einreichungen zufrieden?

ÖHLER: Es ist nicht so leicht, junge Wissenschaftler für eine Einreichung zu motivieren. Da stehen die Fachtagungen, vor allem die internationalen, natürlich viel höher im Kurs. Das kann ich gut nachvollziehen. Und trotzdem haben unsere Reviewer den hohen wissenschaftlichen Standard vieler eingereichten Arbeiten bestätigt.

 

Apropos junge Kollegen. Welche Anreize bieten Sie jungen Ärzten, den Kongress zu besuchen?

ÖHLER: Die stark komprimierte Form kommt nicht nur den niedergelassenen Kollegen entgegen, sondern gerade auch den jungen, zumeist in Spitälern angestellten Medizinerinnen und Medizinern. Fortbildungen mit so vielen Möglichkeiten in dieser kurzen Zeit finden sich kaum.

Außerdem: Was für junge Kollegen eine besondere Rolle spielt, sind die finanziellen Aufwendungen für Kongressbesuche. Und hier möchte ich betonen, dass wir in Wien keine versteckten Kosten implementiert haben. So ist beispielsweise die Teilnahme an allen Workshops in der Kongressgebühr inkludiert, was zu den wesentlichsten Neuerungen der diesjährigen Tagung gehört.

 

Sie haben erwähnt, dass Sie sich vor allem als Internist sehen. Trotzdem fällt auf, dass einerseits viel von interdisziplinärer Arbeitsweise die Rede ist und andererseits die Fächer innerhalb der Inneren Medizin stärker denn je auseinanderdriften ...

ÖHLER: Diese Entwicklung kann nicht gestoppt werden. Die Wissensexplosion zwingt uns zur stärkeren Spezialisierung. Natürlich versuchen wir, den Trend etwas aufzuweichen, und haben mit der Bestellung der drei Tagungspräsidenten Prof. Dr. Christoph Zielinski aus der Onkologie, Prof. Dr. Gerald Maurer, Kardiologe, und Prof. Dr. Josef Smolen aus der Rheumatologie bewusst ein Signal gesetzt. Nämlich, dass die Innere Medizin trotz ihrer vielen Subdisziplinen eine Einheit bildet. Wir sind alle Internisten und wollen trotz mancher Interessenskonflikte Geschlossenheit demonstrieren.

 

Interessant ist, dass es viele Pro-und-Kontra-Diskussionen geben wird. Spiegelt dies die mannigfaltigen Kontroversen innerhalb der Medizin wider, frei nach dem Motto: zwei Ärzte – drei Meinungen bzw. für jede Studie gibt es eine Gegenstudie?

ÖHLER: Es ist kein Geheimnis, dass es in der Medizin viele Probleme gibt, für die es keine klaren Lösungen bzw. nur unvollkommene Richtlinien gibt. Im besten Fall könnte man sagen, dass viele Wege nach Rom führen. Andererseits fehlt immer wieder der beweisgesicherte Behandlungsansatz. Doch vielleicht macht gerade das den Reiz und die Faszination der Medizin aus. Nämlich, dass es eben nicht immer eine detaillierte Checkliste oder eine einfache Formel für die richtige Behandlung gibt. Ganz egal, welche tollen Erfindungen wir machen, es wird immer genügend Platz für Erfahrung, Intuition und Gespür eines Arztes bleiben.

An dieser Stelle sei zudem erwähnt, dass die Pflege bzw. die Wiederentdeckung der ärztlichen Intuition uns vor der drohenden Kostenexplosion des Gesundheitswesens schützen könnte. Sie bewahrt uns Ärzte davor, reflexartig jedem Patient eine Reihe von teuren Untersuchungen mit potenziellen Risiken zuzumuten.

 

Gibt es wieder die Einbeziehung des Podiums mittels Digivote?

ÖHLER: Ja, wir haben dieses Element in die Pro- und Kontra-Sitzungen eingebaut. Dort wird zu Beginn der Sitzungen die Meinung des Podiums zu einer bestimmten Fragestellung eingeholt. Anschließend folgen die Vorträge, die sich dem Thema aus konträren Perspektiven nähern, und dann wird das Publikum erneut befragt. Es ist unglaublich spannend, die Meinungsverschiebung im Anschluss zu analysieren. Der Erfolg des letzten Jahres hat uns ermuntert, diese – durchaus kostspieligen Befragungen – auch heuer durchzuführen.

 

Im letzten Jahr fiel eine Neuerung sehr positiv auf, nämlich die kostenlose Kinderbetreuung. Gibt es die wieder?

ÖHLER: Wir waren im letzten Jahr sehr stolz auf die Einführung dieses Services und hielten sie für einen bemerkenswerten Durchbruch. Doch wurden wir, was die Annahme dieser Innovation betrifft, eher enttäuscht. Wir wollen diesen Dienst trotzdem auch in diesem Jahr anbieten – allerdings mit der Einschränkung „bei Bedarf“, das heißt bei Voranmeldung.

 

Für den Gesellschaftsabend haben Sie sich etwas Besonderes einfallen lassen …

ÖHLER: Wer in wirtschaftlich schwierigen Zeiten einen Kongress ausrichtet, hat es wirklich nicht leicht. Da der Kongress selbst aber in seiner Qualität nicht beeinträchtigt werden durfte, mussten wir freilich am Rundherum den Rotstift ansetzen und sagten beispielsweise das Referentendinner ab. Was wir uns aber trotzdem nicht nehmen lassen wollten, war, einen unvergesslichen Gesellschaftsabend zu organisieren, der am Freitag, den 18. September, in der Kuppelhalle des Kunsthistorischen Museum stattfindet. Einen schöneren Rahmen für ein Essen kann man sich kaum wünschen. Neben der bildnerischen Kunst kommt aber auch das Ohr nicht zu kurz, das mit Musik aus allen Stilrichtungen verwöhnt wird. Hier zeigen Ärzte, dass sie trotz ihres anspruchsvollen Jobs anspruchsvolle Kunst praktizieren können. Wer dieses Angebot nicht annimmt, der ist durch nichts mehr zu begeistern.

 

Das Gespräch führte Raoul Mazhar

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