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Innere Medizin 29. September 2008

Die ekligen Würmer

In den letzten Jahren beruhen die Hoffnungen zunehmend auf Helminthen, parasitisch in Mensch und Tier lebenden Würmern. Noch vor hundert Jahren hatten auch in Europa noch die meisten Menschen zumindest zeitweilig Würmer im Darm. Etwa 150 verschiedene Arten können den Menschen befallen. Die meisten davon sind harmlose Parasiten und verursachen keine Beschwerden. Während in Entwicklungsländern auch heute noch der Großteil der Bevölkerung befallen ist, ist das in Europa bereits die Ausnahme. Ähnlich wie Bakterien gehen die Würmer mit dem Immunsystem konkrete Beziehungen ein.

Im Tierversuch zeigte sich in einigen ermutigenden Experimenten, dass Würmer in der Lage sind, ein unbalanciertes und gegen sich selbst aggressives Immunsystem zu besänftigen. Die wirklichen Bewährungsproben in größeren Einsätzen am Menschen stehen jedoch noch bevor.

Dein Freund, der Peitschenwurm

Die meisten Erfahrungen existieren bisher mit dem Schweine-Peitschenwurm, einem bei Haus- und Wildschweinen auftretenden Darmparasiten aus der Ordnung der Fadenwürmer. Er wurde bisher bei Patienten mit Autoimmunkrankheiten wie Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa mit recht guten Ergebnissen getestet. Die Selbsthilfeorganisation Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) schätzt, dass etwa 300.000 Menschen in Deutschland unter diesen chronischen Darmentzündungen leiden. Für Betroffene bedeutet das Krämpfe, Durchfall, Blutungen bis hin zu chirurgischen Eingriffen, bei denen der Darm abschnittsweise entfernt werden muss. Viele Patienten sind auf Cortison oder andere Immunsuppressiva angewiesen, mit oft erheblichen Nebenwirkungen. Die Patienten wären dankbar für jede sanftere Alternative.
Für den Mensch ist der Schweine-Peitschenwurm ein Fehlwirt. Deshalb schlüpfen die Eier zwar und werden auch zu Wurmlarven, doch bereits nach zwei Wochen gehen sie von selbst wieder ab, noch bevor sie sich zu erwachsenen Würmern entwickelt haben, erklären die Pioniere der Wurmtherapie, Joel Weinstock und Robert Summers, Gastroenterologen der Universität von Iowa. In einer aktuellen Studie behandelten sie 54 Patienten mit der entzündlichen Darmkrankheit Colitis ulcerosa. Die Hälfte der Patienten schluckte dafür alle zwei Wochen rund 2.500 Wurmeier, die zuvor bestmöglich von eventuellen anderen bakteriellen oder viralen Rückständen der Schweine gesäubert worden waren. Insgesamt dauerte die Therapie zwölf Wochen. Die Ergebnisse waren durchaus ermutigend: Fast die Hälfte der Teilnehmer in der „Peitschenwurmgruppe“ reagierten mit einer deutlichen Verbesserung ihres Befindens, gegenüber nur 17 Prozent in der Placebogruppe. Robert Summers führt das darauf zurück, dass die Eier und später die winzigen Wurmlarven unter anderem die Produktion regulatorischer T-Zellen fördern und damit einen besänftigenden Einfluss auf die bei Autoimmunkrankheiten hyperaktive Th1-Reaktion des Immunsystems ausüben. „Im Darm wird die Art der Immunreaktion festgelegt“, erklärt Summers, „auch deshalb befinden sich die Würmer am richtigen Ort.“
Veterinäre allerdings warnen, dass man niemals sicher sein kann, dass ein tierischer Parasit sich tatsächlich immer unwohl fühlt im Menschen und nach getaner Immunstimulation auch wieder abgeht. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Parasiten dann ihrerseits wieder Krankheiten auslösen, indem sie etwa in die Nieren wandern“, erklärt Herbert van Kruiningen, Veterinär an der Universität von Connecticut, und verweist auf einen Fall eines 16-jährigen Patienten mit Morbus Crohn, bei dem jüngst ein erwachsener Schweine-Peitschenwurm gefunden wurde, trotz der Behauptung, dass schon die Larven unauffällig verschwinden würden. „Ärzte, die derartige Patienten untersuchen, sollten sich also nicht wundern, wenn sie Würmer an ungewöhnlichen Stellen im Organismus finden.“ Robert Summers reagiert auf diese Einwände gereizt. „Beim Fall dieses Jungen handelt es sich um eine besonders schwere Verlaufsform von Morbus Crohn. Er wurde zuvor mit Cortison, Cyclosporin und vielen anderen nebenwirkungsreichen Medikamenten behandelt, sogar mit Thalidomid, dem Wirkstoff von Contergan. Und alle Medikamente haben versagt.“ Es sei deshalb völlig überzogen, ein neuartiges Therapiekonzept zu diskreditieren, nur weil bei einem Patienten im Darm ein Wurm gefunden wurde.
Unterstützung für die These der Amerikaner kommt aus Buenos Aires, wo 24 Patienten mit Multipler Sklerose über einen Zeitraum von viereinhalb Jahren regelmäßig untersucht wurden.
Die Hälfte der Patienten war mit harmlosen Darmwürmern befallen. Und genau in dieser Gruppe kam die MS nahezu zum Stillstand. Während in der Vergleichsgruppe ohne Würmer insgesamt 56 der gefürchteten Schübe mit Zerstörungen des Nervensystems weiterhin auftraten, waren es in der Gruppe mit den Darmparasiten insgesamt nur drei. Die Ergebnisse wurden sowohl über Magnetresonanz-Aufnahmen des Gehirns als auch über Immunwerte bestätigt. „Möglicherweise haben es die Würmer im Laufe der Evolution erlernt, das Immunsystem zu besänftigen, damit sie selber nicht das Ziel von Angriffen werden“, vermutet der Neurologe Jorge Correale, der die argentinische Studie leitete. Bis Wurmpräparate in Apotheken abgegeben werden dürfen, dauert es wohl noch einige Jahre. Denn nicht nur die Veterinäre, auch die Behörden haben Schwierigkeiten bei der Einschätzung des möglichen Gefährdungspotenzials. Gezüchtet werden die Würmer aber schon. Und zwar in Barsbüttel bei Hamburg vom weltweit größten Produktionsbetrieb für Biotherapie in der Medizin, Ovamed. Neben anderen nützlichen Tieren wie Maden zur biologischen Reinigung von Wunden oder Blutegeln. Ovamed-Geschäftsführer Detlev Goj hat bereits 2005 bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMEA) die Zulassung für das Wurmeipräparat beantragt. Derzeit laufen erste Vorarbeiten, allerdings ist die Liste der behördlichen Auflagen lang. „Bei uns wird es wohl noch länger dauern als üblich“, befürchtet er, „denn so ein Medikament gab es noch nie.“
Würmer gegen Asthma
Weinstock und Summers tes­ten einstweilen im Kleinen weiter. Neben den Autoimmunkrankheiten wollen sie die Würmer nun auch bei allergischen Krankheiten wie beispielsweise Asthma erproben. „Wir haben dazu sehr ermutigende Daten aus Tierversuchen“, erklärte mir Robert Summers.
Hinter diesen ungewöhnlichen Ansätzen steht natürlich wieder das theoretische Konzept der Hygiene-Hypothese. Die Würmer und die Bakterien sollen dem kindlichen Organismus jene Kontakte bieten, die eine allzu saubere Umgebung und die immer seltener werdenden Infektionen nicht mehr liefern können. Das Besondere an den Würmern ist allerdings, dass sie auch bei bestehenden Krankheiten den kranken Erwachsenen zu helfen scheinen. Möglicherweise sogar auf Dauer und ohne wesentliche Nebenwirkungen. Das ist eine Perspektive, die herkömmliche Medikamente, die vor allem auf die Unterdrückung einzelner Funktionen der Immunabwehr abzielen, bislang nicht bieten.
Oft genug hilft die Medizin aber auch mit, diese Situation zu verschärfen. Als Ärzte in Venezuela beispielsweise damit begannen, Kinder in einem Slum von Caracas mit Medikamenten gegen die allgegenwärtigen, aber meist harmlosen Wurminfektionen zu behandeln, bemerkten sie zu ihrem Erstaunen, dass diese darauf mit einer enormen Steigerung der Allergiewerte reagierten. Eine zweite Gruppe von Kindern aus dem Slum hatte sich anfangs ebenfalls untersuchen lassen, sich dann aber geweigert, die Wurmmedikamente zu nehmen. Bei ihnen ergab die abschließende Untersuchung nach zwei Jahren, dass sie zwar enorme Antikörper gegen die Würmer hatten, dafür aber zeigten sie keinerlei Reaktion auf die Allergietests. Eine nähere Analyse ihrer Blutproben ergab, dass die Mastzellen, die bei Allergien den Entzündungsprozess einleiten, passiv und unempfindlich waren – vom ständigen Clinch mit den Würmern also scheinbar völlig ausgelastet.

Wird heute überreagiert?

Die Wissenschaftler schließen ihre Arbeit mit der etwas umständlichen, aber doch originellen Feststellung: „Die Unterdrückung der allergischen Reaktionsbereitschaft ist mit der Einleitung einer Anti-Wurmbehandlung umkehrbar.“ Was übersetzt so viel heißt wie: Man kann Nichtallergiker mithilfe von Entwurmungsmitteln allergisch machen. Diese Erkenntnis liegt nun schon mehr als zehn Jahre zurück und wurde inzwischen durch viele weitere Arbeiten bestätigt. Doch anstatt über neue Arten der Wurmtherapie nachzudenken oder einen harmlosen Verlauf einfach mal sein zu lassen, wird in der Praxis sofort zu Medikamenten gegriffen, wenn sich auf der Toilette mal was Lebendiges im Häufchen ringelt.
Das war noch vor wenigen Jahrzehnten auch bei uns in Mittel­europa anders. Meine Mutter, erinnere ich mich, hat sich wegen Würmern keine Sorgen gemacht, „solange es keine Bandwürmer sind“. Uns Kinder ließ sie in der Folge rohes Sauerkraut essen. „Denn das mögen sie nicht.“ Ich weiß nicht, ob sich diese Erkenntnis wissenschaftlich belegen ließe, dass die Würmer auf Sauerkraut wirklich das Weite suchen. So etwas wird jedoch gar nicht untersucht. Es wird auch wenig differenziert, welche der unzähligen Wurmarten nun mehr, weniger oder gar kein Risiko für uns bedeuten. Wozu denn auch? Würmer gelten generell als unhygienisch und als eklig. Und wenn das Risiko für Krankheiten auch noch so klein ist, so gehören sie dennoch schnellstens entsorgt. Einem medizinischen Geist leuchtet offenbar nur sehr schwer ein, dass die Vermeidung von Risiko und Krankheiten überhaupt irgendwelche Nachteile haben könnte.

„Nicht erfüllbares Programm“

Dies untermauert auch ein Erfahrungsbericht aus Uganda vom August 2007, in dem sich Melissa, Tim und Julie, drei britische Entwicklungshelfer, so richtig ihre Sorgen von der Seele schreiben. Sie wollten sich in einem Programm namens „Afrikas vergessene Krankheiten“ engagieren und suchten sich die Würmer aus. Die Medikamente gab es gratis, die armen kranken Schwarzen konnten also kommen. Doch es kam niemand. Also drehten sie den Spieß um und gingen eben selbst zu den Afrikanern. Doch diese lehnten die Pillen skeptisch lächelnd ab. „Die Erwachsenen verweigern die Behandlung“, schreiben die drei empört. „Und zwar weil sie befürchten, die Wurmmittel könnten Nebenwirkungen haben.“ Inzwischen sind die drei traurig wieder heim auf ihre Insel gefahren und haben ihren Ratschlag an die Programmverantwortlichen, der schon beinahe wie eine knallharte Strategie klingt, so zusammengefasst: „Daraus folgt also, dass dieses Programm seinen Zweck, einen örtlichen Bedarf für die Massenbehandlung zu schaffen, nicht erfüllen kann, solange es nicht gelingt, eine Verhaltensänderung – selbstverständlich in einer sozial akzeptablen Form – herbeizuführen.“ Dann kann ja beim nächsten Anlauf nichts mehr schief gehen.

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