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Innere Medizin 19. Juni 2008

Die Kraft mobilisieren

Bis zu 30 Prozent aller Krebspatienten leiden unter psychischen Belastungsreaktionen als Folge der Lebenskrise, die durch die Diagnose einer Krebserkrankung ausgelöst wird. Psychoonkologische Betreuungsangebote helfen Patienten, mit ihrer Erkrankung besser zurechtzukommen.

„Die Basis jeder erfolgreichen Therapie ist eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung.“ So schlicht umriss es Prof. Dr. Alexander Gaiger, Hämatoonkologe und Psychoonkologe an der Klinischen Abteilung für Hämatologie und Hämostaseologie der Universitätsklinik für Innere Medizin I am Wiener AKH, im Zuge einer Veranstaltung der Austrian Breast and Colorectal Cancer Study Group (ABCSG) im April in Wien. „Dabei geht es um klare, ehrliche Information, um ein geordnetes Therapie-Setting, das Rhythmus, Konstanz und menschliche Wärme vermittelt und unter Einbeziehung aller Ressourcen dem Patienten in physischer wie auch psychischer Hinsicht die bestmögliche Behandlung ermöglicht.“ Vor diesem Hintergrund hat sich das Fachgebiet der Psychoonkologie entwickelt, das sich, aus der Onkologie kommend, mit psychosomatischen und sozialen Faktoren beschäftigt, die den Verlauf einer Tumorerkrankung begleiten und die Lebensqualität der betroffenen Patienten wesentlich beeinflussen. In diesem Sinn ist die Psycho-Onkologie aus der modernen Onkologie heute nicht mehr wegzudenken.

Eine Krebspersönlichkeit gibt es nicht

Ziel der Psychoonkologie ist, die Patientin und den Patienten in ihrer Krankheitsbewältigung zu unterstützen. „Die meisten Menschen reagieren im Zuge der Diagnosestellung ihrer Krebserkrankung ähnlich wie in früheren belastenden Situationen“, sagte Gaiger. Je nach Persönlichkeitsstruktur sei die Reaktion auf eine Krebsdiagnose unterschiedlich. „Natürlich stellen sich viele Patienten dabei auch die Schuldfrage“, hielt Gaiger anlässlich der Veranstaltung „Open minds“ fest. „Aber alle Studien haben klar gezeigt, dass es eine sogenannte Krebspersönlichkeit nicht gibt.“ An der Entstehung von Krebs sind zahlreiche Faktoren beteiligt. Die vererbte Veranlagung spielt bei manchen Krebserkrankungen eine Rolle; dazu kommen äußere und innere Faktoren, die das Erbgut der Zelle nachhaltig verändern können. Noch immer gilt, dass bei den meisten Krebserkrankungen eine eindeutige einzelne Ursache nicht bekannt ist. Allerdings konnte klar belegt werden, dass seelische Belastungen, Charaktermerkmale oder die Art der psychischen Verarbeitung von Problemen keine Auslöser für Tumorerkrankungen sind.
„Zwei wesentliche Bereiche sind für die Psychoonkologie wichtig“, erklärte Gaiger, „die Coping-Strategien des jeweiligen Patienten, aber auch seine sozioökonomische Situation.“ Wenn ein Mensch an Krebs erkrankt, beeinflusst dies das Leben der ganzen Familie. Nicht nur was die Bewältigung des praktischen Alltags anbelangt, sondern vor allem auch in Bezug auf die Gedanken und Gefühle aller Beteiligten.
Für den Umgang mit der Krankheit gibt es keine Patentlösung: Jeder Mensch ist einzigartig und bringt seine eigene Art und Weise im Umgang mit der Krankheit mit. Daher gibt es auch keine „richtige“ oder „falsche“ Art der Krankheitsbewältigung. Angst ist ein Gefühl, das die meisten Betroffenen erleben: Angst vor der Behandlung und ihren Nebenwirkungen, Angst vor einer „Apparatemedizin“. Diese Angst ist eine notwendige und normale seelische Reaktion auf die Krebsdiagnose. Angst entsteht auch oft durch fehlende oder unzureichende Informationen.

Häufige Depressionen

Besonders jüngere Patienten mit geringem Einkommen und niedrigem Bildungsstatus weisen im Verlauf einer Krebserkrankung häufig psychische Probleme wie Angst und Depressionen auf. „15 bis 30 Prozent aller Krebspatienten zeigen Belastungsreaktionen wie erhöhte Angst- und Depressivitätsneigung“, erläuterte Gaiger im Rahmen seines Vortrags. Zwischen einem niedrigen Einkommen und Depressionen besteht zudem ein linearer Zusammenhang, wie Gaiger nachwies: „Etwa 45 Prozent aller Patienten mit einem Einkommen von weniger als 800 Euro pro Monat erkranken an einer behandlungsbedürftigen Depression; unter Menschen mit einem Einkommen von über 2.200 Euro ist das nur in 18 Prozent der Fall.“

Eingeschränkte Wirksamkeit

Nicht in allen Fällen wirke eine medikamentöse antidepressive Behandlung bei Depressionen von Krebspatientinnen und -patienten: „Ein wesentlicher Bestandteil der antidepressiven Therapie ist die psychotherapeutische Begleitung der Betroffenen und ihrer Angehörigen sowie eine genaue Abklärung der Genese der depressiven Symptomatik. So stehe bei einem Chronic Fatigue Syndrome, bedingt durch eine Tumoranämie, die Anhebung des Hämoglobinwerts im Vordergrund, bei einer schwierigen sozialen Situation von Personen, die in oder nahe der Armutsgrenze leben, seien es Sozialarbeit oder finanzielle Überbrückungshilfen, wie sie beispielsweise von der Krebshilfe angeboten werden. Rezente Studien in der Psychoonkologie untersuchen, inwieweit eine chemotherapieassoziierte Beeinträchtigung höherer zerebraler Funktionen ein der Depression ähnliches Störungsbild verursachen könnte.

Gute und schlechte Nachrichten kommunizieren

Besonders wichtig sei in jedem Fall die umfassende Aufklärung des Patienten. „Die meisten Patienten wollen alle Informationen über ihre Erkrankung, gute wie schlechte“, hielt Gaiger fest. „Aus Zeitmangel und wegen gesetzlicher Vorschriften findet allerdings meist nur eine forensische Aufklärung statt.“ Durchschnittlich vier Minuten und 17 Sekunden verbringt ein behandelnder Arzt mit seinem Patienten im Gespräch.* „Und die Zeit, in denen mit Angehörigen gesprochen wird, beträgt sogar nur 20 Sekunden“, sagte Gaiger. Eine psychoonkologische Betreuung, wie sie heute bereits an vielen Krebsstationen gewährleistet ist, kann dieses grundlegende Defizit ansatzweise abfangen.

Beeindruckende Erfolge

Die Wirkungen einer psychoonkologischen Versorgung sind vielfältig. Studiendaten zeigen, dass etwa Stress unter einer psychoonkologischen Betreuung abnimmt und Schmerzen gelindert werden.
Ein wesentlicher Bestandteil ärztlich psychoonkologischer Arbeit ist es, durch begreifbare Information den Betroffenen zu ermöglichen, mit dem Krebs zu leben. „Sie beginnt bei der psychoonkologischen Basisdiagnostik und führt über psychotherapeutische Einzelgespräche und Psychoedukation bis hin zur Angehörigenberatung“, erläuterte Gaiger. „Beeindruckend in der gemeinsamen Arbeit von Ärzten und Betroffenen ist das Ausmaß an Kraft und Gesundheit, das in dieser Krisensituation mobilisiert werden kann“.

* Dorothee Kempf: Untersuchung der Gesprächszeit mit Patienten und Angehörigen unter Zugrundelegung der Arbeitszeitverteilung von Krankenhausärzten, Dissertation, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau, 2007

Sabine Fisch, Ärzte Woche 25/2008

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