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Innere Medizin 19. Juni 2008

Ein Wundermittel verliert seine Wirkung

Für die Humanmedizin ist das Versiegen der Wirkung immer weiterer Antibiotikaklassen eine Katastrophe. Manche können in den Kliniken schon gar nicht mehr eingesetzt werden, weil bereits bis zu einem Drittel der Patienten darauf nicht mehr ansprechen. Die Ärzte Woche bringt Original-Textteile aus dem Buch.

Die Innovationen können den Verlust bei Weitem nicht decken. „Wir sollten Antibiotika als eine ähnliche Ressource betrachten wie das Erdöl“, drückte dieses Problem kürzlich der Australische Mediziner Dr. Chris del Mar aus, „als eine nicht erneuerbare Energiequelle. Was wir heute verwenden, fehlt uns in der Zukunft.“ Wie aber könnten Ärzte dazu gebracht werden, weniger zu verschreiben, und die Patienten, die „Wunderpillen“ weniger energisch zu verlangen?
Durch Aufklärung, zumal ja die Ergebnisse der Studien bloß bekannt gemacht werden müssten. Beispielsweise, dass Antibiotika bei den meisten Kinderinfekten nur eine minimale Wirksamkeit zeigen. Das betrifft nicht nur Infekte durch Erkältungsviren, sondern auch solche, die normalerweise von Bakterien ausgelöst werden. Besonders Hals- und Mittelohrentzündungen sprechen extrem schlecht auf diese Wirkstoffe an.
Eine weitere Taktik ist die Ausstellung eines Rezeptes durch den Arzt, das jedoch nur „zur Not“ in der Apotheke eingelöst werden soll, wenn sich das Befinden des Kindes binnen 48 Stunden nicht bessert. Studien haben gezeigt, dass bei Mittelohrentzündung 62 Prozent dieser Medikamente dann nicht abgeholt werden und dennoch sind die Eltern beruhigt, weil sie etwas in der Hinterhand haben.
Als drittes Hilfsmittel bleibt die Aufklärung der Patienten selbst. Zum einen mit dem Argument, dass die Verwendung eines Mittels bei einer leichten Infektion das Risiko drastisch erhöht, dass dasselbe Mittel später, wenn eine wirklich schwere Infektion erfolgt, nicht mehr wirken könnte. Zum anderen mit dem Hinweis, dass eine dauerhafte Heilung eines Infekts eher möglich ist, wenn nicht über Antibiotika künstlich eingegriffen wird, sondern das Immunsystem seine Arbeit ungestört erledigen kann.
Trotz aller Warnungen werden Antibiotika weltweit eher mehr denn weniger verschrieben. Bei Kindern ist eine jährliche kontinuierliche Zunahme mit einem Trend, der speziell seit der Jahrtausendwende immer steiler nach oben zeigt, festzustellen. Am häufigsten werden Antibiotika während des zweiten und dritten Lebensjahres verschrieben, wie eine Studie aus Dresden zeigt. Der häufigste Anlass war eine Mittelohrentzündung, gefolgt von Atemwegsinfekten, Mandelentzündung und Bronchitis. Die Detailauswertung der Mediziner ergab, dass in bis zu 43 Prozent der Fälle die Verschreibung für das jeweilige Krankheitsbild nicht indiziert war.

Gesundheitsrisiko Antibiotika

In den letzten Jahren zeigen immer mehr Studien, dass Antibiotika auch selbst ein Gesundheitsrisiko darstellen. Sie sind einer der wichtigsten Auslöser von Asthma. Die Indizienkette dafür wird immer enger. So zeigte eine britische Arbeit mit knapp 30.000 beobachteten Kindern, dass jene, die im ersten Lebensjahr viermal oder öfter Antibiotika bekamen, später ein um das Dreifache höheres Asthmarisiko hatten. Ein Team aus Neuseeland, das 1.600 Kinder von der Geburt bis zum siebten Lebensjahr begleitete, fand, dass sogar eine einzige Verabreichung der Mittel im ersten Lebensjahr genügte, um das Risiko beinahe zu verdoppeln. Eine aktuelle niederländische Arbeit bestätigt diesen Trend abermals: Wenn die Kinder während der ersten beiden Lebensjahre über die Muttermilch mit Antibiotika in Kontakt kamen, erhöhte sich das Risiko auf Asthma bis zum zweiten Lebensjahr um 55 Prozent, wenn sie selbst Antibiotika bekamen, um glatte 265 Prozent. Je nach Arbeit zeigte sich daneben auch noch ein höheres Risiko für andere allergische Erkrankungen wie Neurodermitis oder Heuschnupfen. Am anfälligsten für den Einfluss von Antibiotika war aber durch die Bank Asthma.
Tausend Gründe also, hier endlich bei der Schulung der Ärzte eine wirkliche Bildungsoffensive einzuleiten. Doch es genügt nicht nur die Vermittlung von nackten Fakten, es braucht auch einer Schulung, wie diese Kenntnisse den Patienten vermittelt werden können, sodass diese bei der Ablehnung eines Medikamentes nicht gleich zum nächsten Arzt laufen, der es dann verschreibt.

Im dritten Teil: Wer zu Hause bleibt, hat auch Recht.

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