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Innere Medizin 4. Juni 2008

Nur ein gesundes Immunsystem reagiert mit Fieber

Alle Säugetiere verfügen über die Fähigkeit, im Fall einer Entzündung die Körpertemperatur zu erhöhen. Kaltblüter, die dazu nicht fähig sind, legen sich stattdessen in die Sonne. Instinktiv wissen sie wohl, dass sie mit der Erzeugung künstlichen Fiebers den Heilprozess fördern. Die Ärzte Woche bringt Ausschnitte aus dem Buch von Bert Ehgartner.

Richtiges Fieber ist weit mehr als bloße Überwärmung. Kürzlich hat Sharon Evans vom Roswell Park Krebsinstitut in Buffalo, New York, die Ergebnisse von Tierexperimenten publiziert, die erklären, wie das Fieber zur Krankheitsbekämpfung beiträgt. In den Tests wurde bei einem Teil der Mäuse die Körpertemperatur um 2,7 Grad Celsius auf 39,5 Grad gesteigert. Da Mäuse eine ähnliche Körperwärme wie Menschen entwickeln, hatten sie damit also hohes Fieber. Nun wurden besonders eingefärbte Lymphozyten injiziert, um zu beobachten, wie sich diese Abwehrzellen verhalten.
Der Effekt war enorm: Bei den fiebrigen Mäusen verdoppelte sich die Zahl der Abwehrzellen, die in die Lymphknoten eindrangen. „Es ist eine Art thermischer Alarmplan, der bei einer Infektion zur Ausführung kommt“, erklärt Evans. Es sei kontraproduktiv, dieses Fieber zu senken, sagt Evans, weil man damit die Abwehrkraft schwächen würde. „Das sollte man erst erwägen, wenn das Fieber wirklich sehr hoch steigt.“
„Vieles von der Fieberangst der Menschen hat sich kollektiv aus den Zeiten von Pest und Cholera vererbt“, erklärt der britische Kinderarzt Iwan Blumenthal aus Oldham. Millionen haben Goethes Erlkönig auswendig gelernt, wo das Kind von Fieberfantasien gequält wird, bis es schließlich in den Armen des Vaters stirbt. Woran hat es gelitten? Eine Hirn-, eine Lungenentzündung? Für Goethes Zeitgenossen war es das Fieber selbst, das die Krankheit darstellte. Erst im Jahr 1868 hatte der Leipziger Mediziner Carl Wunderlich zum ersten Mal die These formuliert, dass Fieber bloß ein begleitendes Symptom ist. Im Tierversuch wurde klar demonstriert, dass das Sterberisiko bei Infektionen nicht daher rührt, dass die Temperatur immer weiter steigt. Die Experimente zeigten stattdessen, dass jene Tiere das höchste Sterberisiko hatten, bei denen das Fieber über Aspirin, Paracetamol & Co. gesenkt wurde.
Aus der ärztlichen Praxis gibt es ähnliche Hinweise. Am deutlichsten äußert sich Burke A. Cunha, der Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten an der Winthrop Universitätsklinik in New York. Er plädiert dafür, dass fiebersenkende Medikamente, außer in ganz speziellen Fällen, überhaupt nicht mehr verwendet werden sollten. „Wenn ich das Fieber senke“, sagt er, „so beraube ich damit nicht nur den Patienten seiner Hilfe, sondern verliere als Arzt auch diagnostische Informationen.“

Fieber versiegt auch leicht

Die empfängliche Zeit für Fieberkrankheiten reicht meist von der Geburt bis zu einem Alter von etwa sieben Jahren. Bei den Erwachsenen wandelt Fieber seine Bedeutung völlig. Influenza oder grippale Infekte sind die einzigen typischen fieberhaften Krankheiten des Erwachsenenalters. Mit anderen Infekten oder auch mit Ausbrüchen verschleppter Kinderkrankheiten wie Masern oder Windpocken können Erwachsene hingegen nur noch schwer umgehen. „Sie sind dadurch oft wirklich existenziell bedroht und fühlen sich sterbenskrank“, beschreibt Stefan Schmidt-Troschke, der ärztliche Direktor des anthroposophischen Krankenhauses Herdecke im Ruhrgebiet, solche Fälle. „Aber Fieber gehört auch in die Kindheit, im Erwachsenenalter werden solche Krankheiten wirklich bedrohlich.“ Das heißt nun aber nicht, dass Erwachsene gar nicht mehr fiebern sollten. Die Fähigkeit, den biologischen Heizregler hochzudrehen, zeichnet ein fittes, flexibles Immunsystem regelrecht aus. Und es ist eher eine Gnade, wenn es gelingt, dieses System bis ins höhere Lebensalter aufrechtzuerhalten. Denn Fieber versiegt auch leicht und kann dann dazu beitragen, dass Krankheiten so dahinköcheln und nie zu einem Ende kommen.

Stress und Fieber

Auch Stress spielt bei der Entstehung von Fieber eine bedeutende Rolle und zeigt, wie komplex dieser Regelungsmechanismus in Wahrheit ist. Die von außen kommenden Bazillen können immer nur dann Fieber auslösen, wenn diese Reaktion von innen verstärkt wird. „Das Immunsystem kontaktiert dabei das Nervensystem und bittet regelrecht um Fieber“, so erklärte mir das der Münchner Hans Reul, der nun Professor für Neurowissenschaften an der Universität Bristol ist. Das kann über Botenstoffe geschehen, die über das Blut verschickt werden, wesentlich effizienter aber gleich über eine Direktverkabelung von Immun- und Nervenzellen. Diese Ankoppelungspunkte lassen sich mithilfe des Elektronenmikroskops überall im Gefäßsystem des Körpers nachweisen. Nervenzellen und Lymphozyten docken aneinander an und sind so lange neutrale Nachbarn, bis von irgendeiner Seite ein Notfall gemeldet wird. Und dann fließt der direkte Infodraht bis in die Fieberzentrale im Hypothalamus. Reul gelang in seinen Experimenten ein interessanter Nachweis, wie sensibel das Zusammenspiel zwischen Immun- und Nervensystem funktioniert. Wenn er seine Versuchstiere mehrfach unter starken Stress setzte, so waren sie bei einer nachfolgenden Infektion nicht mehr in der Lage, mit hohem Fieber zu reagieren. Ihre Temperatur stieg auf Werte, die im Schnitt um mehr als ein Grad unter der Temperatur ihrer ungestressten Artgenossen lagen. Chronischer Stress, so Reul, kann über längere Sicht dazu führen, dass die Fieberreaktion abstirbt und das Immunsystem geschwächt wird.

In der nächsten Ärzte Woche: Gesundheitsrisiko Antibiotika

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