zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 20. Mai 2008

Ein Loblied der Krankheit

Jede zweite Familie ist von chronischen Krankheiten betroffen. Dass die hygienischen Umweltbedingungen und der Medizinbetrieb selbst dazu beitragen, chronische Krankheiten zu fördern, erklärt Buchautor Bert Ehgartner in seinem Lob der Krankheit an Hand einer Fülle von Fakten.

Das Buch mit dem provokanten Titel rührt an Tabus. Der langjährige Medizinjournalist Bert Ehgartner hat die Idee, etwas über die positiven Seiten von Infektionskrankheiten für die Gesundheit des Menschen zu schreiben, mehr als zehn Jahre lang reifen lassen. Ehgartner, der sich mit Vorliebe der Lektüre medizinischer Studien hingibt und diese nicht nur mit wachem Interesse, sondern auch mit geschultem Blick zu lesen weiß, sammelte die zunehmend häufigen Hinweise über unerwünschte Wirkungen von Impfungen, Antibiotika und der „über-hygienisierten“ Umwelt. Und er stellte sich die Frage: „Könnte Krankheit sinnvoll sein?“

Was schwach macht

Als Antwort zeichnet der Autor Stück für Stück ein Bild davon, was des Menschen Immunsystem langfristig schwächt: übertriebene Hygiene und „altbewährte“ medizinische Interventionen – Antibiotika, Kortison, Medikamente zur Fiebersenkung und vorbeugende Impfungen. Er argumentiert – an Hand von Studien und Gesprächen mit Experten –, warum viele der gut gemeinten Maßnahmen auf lange Sicht gesehen ungünstige Folgen haben. Wie kann das Immunsystem gesund und fit erhalten, oder, wenn es schwächelt, wieder gestärkt werden? Ehgartner plädiert für mehr Gelassenheit und Selbstvertrauen: Wenn beispielsweise ein Kind fiebert, dann sei das ein gutes Zeichen – das Immunsystem arbeitet.
„Bruder Virus, Schwester Bakterie“, so seine These, sind nicht die zu bekämpfenden Feinde, sondern Teil einer nutzbringenden Symbiose mit dem Menschen. Jeder trägt immerhin eineinhalb Kilo Bakterien an und in sich.
„Viele Ärzte reagieren auf die Erwartungshaltung ihrer Patienten und verschreiben oft Antibiotika, obwohl sie wüssten, dass das in vielen Fällen nicht nötig sei oder sogar schade“, erzählte der Autor bei der Präsentation seines Buchs.Ist es also ein Buch gegen die Ärzte? „Nein“, betonte Ehgartner, „Patienten sollten sich ‚ihren’ Arzt aussuchen, zu dem sie Vertrauen haben und der die Familie über viele Jahre kennt und begleitet. Denn dann können Mediziner ihren Patienten gut vermitteln, dass Nichtstun manchmal besser ist als Tun, und dass das Immunsystem Infektionen besiegen und an der Krankheit wachsen kann.“

Inge Smolek, Ärzte Woche 21/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben