zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 30. April 2008

Sturzvermeidung im Alter

Sturzereignisse bei älteren Personen haben multifaktorielle Ursachen wie bestimmte Krankheitsbilder, Nebenwirkungen von Medikamenten oder physische Faktoren. Die am meisten gefürchteten und häufigsten Sturzfolgen sind Oberschenkelhalsfrakturen. Als einzig gesicherte Maßnahme zu deren Vermeidung stehen Hüftprotektoren zur Verfügung. Weil sie von den Betroffenen selbst bezahlt werden müssen, werden sie jedoch zu selten tatsächlich getragen.

Sturz wird in der Fachliteratur als ein unfreiwilliges, plötzliches, unkontrolliertes Herunterfallen oder -gleiten des Körpers auf eine tiefere Ebene aus dem Stehen, Sitzen oder Liegen definiert. Personen über 60 Jahre verunglücken laut Kuratorium für Verkehrssicherheit (2004) am häufigsten durch Sturz. Ein Drittel aller stationär behandlungsbedürftigen Unfälle betrifft über 60-Jährige.
Aus dem Geriatrischen Pflegekrankenhaus Haus der Barmherzigkeit in der Wiener Seeböckgasse kann außerdem berichtet werden, dass ein Großteil der gestürzten Personen ihre ursprüngliche Beweglichkeit nicht mehr zurückerlangt und ein Teil der Personen sogar langfristig pflegebedürftig wird.

Vermeidung von Stürzen

Präventionsmaßnahmen sollten sich auch an die ältere Allgemeinbevölkerung richten. Eine weitere Zielgruppe sind jene Personen, die einer Risikogruppe angehören oder bereits gestürzt sind. Es hat sich gezeigt, dass alle Interventionen zur Vermeidung von Stürzen nur eingeschränkt wirksam sind. Sehr gut belegt ist das Tragen von Hüftprotektoren zum Schutz vor Schenkelhalsfrakturen. Es werden dabei zwei unterschiedliche Prinzipien genutzt: In der einen wird das Prinzip der Energieumverteilung genützt und der Aufprall auf die umliegenden Weichteilgewebe umgeleitet und das Aufprallareal vergrößert. Bei der zweiten Kategorie wirkt das Prinzip der Energieabsorption.
Begleitend werden Sehkontrolle, medikamentöse Anpassung sowie umgebungs- und verhaltensbezogene Maßnahmen empfohlen.

Sturzprävention im Haus der Barmherzigkeit

Im Haus der Barmherzigkeit Seeböckgasse entwickelte ein Team bestehend aus Pflegedienstleitung, Pflegepersonen, Ärzten, Therapeuten, Patiententransportdienst, Sicherheitsbeauftragtem und Qualitätsmanagerin ein Präventionsprogramm mit multifunktioneller Risikoeinschätzung zur Sturzvermeidung für die durchschnittlich 87-jährigen und schwer pflegebedürftigen Patienten. Diese Interventionen wurden in einer verbindlichen interdisziplinären Regelung (Richtlinie) für Mitarbeiter des Hauses der Barmherzigkeit festgelegt.
Das Präventionsprogramm zur Sturzprävention besteht aus den Schwerpunkten: Information des Patienten, Sturzrisikoeinschätzung, präventive Interventionen – individuell ausgerichtet auf die identifizierten Risikofaktoren des Patienten sowie Erfassung und Analyse der Stürze.
In der ersten Woche nach der Aufnahme wird der Tinetti-Test von der Physiotherapie durchgeführt. Bei diesem „Performance Oriented Mobility Assessment” (entwickelt von Mary Tinetti) werden 17 Items zur Gleichgewichts- und Gangevaluation bewertet. Ein Item ist zum Beispiel der Stoß gegen das Brustbein. Liegt das Ergebnis unter 20 Punkten so ist das Sturzrisiko signifikant erhöht. Ein Gangsicherheitstraining ist zwingend nötig. Unter neun Punkten sind gezielte physiotherapeutische Maßnahmen indiziert. Basierend auf den Ergebnissen des Standardtests werden individuelle Maßnahmen wie Muskelaufbau, Balance-Training etc. geplant. Im Haus der Barmherzigkeit wird allen sturzgefährdeten Patienten das Tragen eines Hüftprotektors angeordnet, da Hüftprotektoren die einzige wirksame Intervention gegen Oberschenkelfakturen sind. Die Praxis zeigt jedoch, dass Patienten die Hüftprotektoren nicht tragen, da sie diese nicht finanzieren können.
In den beiden geriatrischen Pflegekrankenhäusern Haus der Barmherzigkeit Seeböckgasse und Tokiostraße wurde ein interdisziplinäres Sturzpräventionskonzept umgesetzt.
Anhand von Daten aus neun Monaten im Vergleich zu jenen im Vorjahr sind folgende Resultate zu beobachten:
• Verringerung der Anzahl an Stürzen und der unerheblichen Sturzfolgen wie Hämatom, Kontusio, Exkoreation und Rissquetschwunde um die Hälfte;
• kein feststellbarer Rückgang der Oberschenkelhalsfrakturen (offenbar spielen hier die Krankheiten wie Osteoporose des Patienten eine wesentliche Rolle);
• sichererer Umgang des interdisziplinären Betreuungsteams mit dem Thema Patientensturz;
• erhöhte Bewusstseinsbildung durch die laufenden Datenauswertungen im Haus.
Überraschend bei der Datenanalyse im Haus der Barmherzigkeit ist, dass die unerheblichen Sturzfolgen durch das neue interdisziplinäre Maßnahmenprotokoll zurückgegangen sind. Daher empfehlen wir, in Österreich eine flächendeckende strukturierte und standardisierte Risikoanalyse mit einem Interventionsprotokoll in allen stationären Einrichtungen einzuführen. Schließlich bedeutet eine Rissquetschwunde an der Hand Schmerzen und eine Beeinträchtigung im Alltag für den Patienten, was sicherlich zu einer Verminderung der persönlichen Lebensqualität führt. Bereffend der Hüftprotektoren könnte eine Kostenübernahme der Krankenversicherung den Überzeugungsaufwand der Pflegepersonen in den Pflegeheimen verringern und das Tragen von Hüftprotektoren selbstverständlich machen. Nichtsdestoweniger müssen die sturzgefährdeten Personen täglich vom Nutzen der Hüftprotektoren überzeugt werden, da diese häufig unbequem und als unpraktisch erlebt werden. Vielleicht gelingt es in der Zukunft Produzenten, innovative Hüftprotektoren zu entwickeln, die nicht nur Oberschenkelhalsfrakturen reduzieren, sondern auch für alte Menschen gut handhabbar sind.

 Maßnahmen zur Sturzvermeidung

PDL Mag. Astrid Lang, Haus der Barmherzigkeit Seeböckgasse, Wien. Mitarbeit: Mag. Emel Yahsi, bis Herbst 2007 Qualitätsmanagerin im Haus der Barmherzigkeit.

Der Originalartikel erschien in procare 01-02/08, Seite 14, ©Springer-Verlag GmbH.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben