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Innere Medizin 29. April 2008

Herzsplitter

Plötzlicher Herztod

Für immer verbunden

Plötzlicher Herztod tritt gehäuft am Todesdatum naher Verwandter auf. Der jährlich wiederkehrende Todestag nahe verwandter Personen – besonders der eigenen Eltern – ist ein kardialer Risikofaktor. Das gilt insbesondere für Männer, wie eine beim 57. Kongress des American College of Cardiology vorgestellte Untersuchung zeigt. Forscher versuchen seit langem, die Ursachen und Auslöser des plötzlichen Herztodes besser zu verstehen. Beim plötzlichen Herztod tritt der Exitus unerwartet und schnell auf, oft innerhalb einer Stunde nach Eintreten der ersten Symptome und häufig als Folge letaler Arrhythmien.

Keine Kleinigkeit

„Der plötzliche Herztod ist ein großes Problem der Volksgesundheit und verantwortlich für fast die Hälfte aller kardial bedingten Todesfälle“, erläuterte dazu Dr. Juan Marques von der Central University, Venezuela, ein Co-Autor der Studie. Ein besseres Verständnis jener Mechanismen, welche den plötzlichen Herztod auslösen können – und dazu zählt für Marques der Todestag-Effekt – könnte zu innovativen Präventionsstrategien führen, mit deren Hilfe die pathologischen Konsequenzen trauriger Jubiläen abgefangen werden könnten.
Die venezuelanischen Wissenschaftler evaluierten 102 konsekutive Fälle von plötzlichem Herztod. Die betroffenen Individuen waren im Alter von 37 bis 79 Jahren verstorben, die Lebensumstände der Verstorbenen wurden untersucht. Bei 70 Prozent der Fälle lag eine Koronarerkrankung vor, und bei 13 Prozent der Teilnehmer ereignete sich der plötzliche Herztod zum Todestag eines Elternteiles. Zu Todesfällen anderer Familienmitglieder ergab sich keine Korrelation. Etwa ein Drittel der plötzlich Verstorbenen (n = 4) war in einem ähnlichen Alter wie die Eltern gestorben.

Gefährliche Gedenktage

„Wir alle kennen Menschen, die innerhalb von Stunden, Wochen, Monaten oder Jahren nach ihren Partnern gestorben sind. Der wiederkehrende Todestag scheint ein devastierender Auslöser für plötzlichen Herztod zu sein“, sagte dazu Prof. Dr. Ivan Mendoza von der Central University in Venezuela, der Hauptautor der Studie: „Seelische Belastungen wie der Todestag nächster Verwandter können bei gefährdeten Individuen den plötzlichen Herztod auslösen. Dessen sollten sich Ärzte immer gewahr sein.“
Nach Dr. Mendoza sind besonders jene Patienten betroffen, in deren Krankengeschichte Herzanfälle und kardiovaskuläre Risikofaktoren vorkommen. Ein zusätzliches Risiko besteht dann, wenn in der Verwandtschaft Fälle von plötzlichem Herztod bekannt sind. Stress, Ärger und emotionale Traumata tragen ebenfalls ein Scherflein bei.
Fast achtzig Prozent (n =10) der an plötzlichem Herztod Verstorbenen waren Männer. Der Grund dafür ist unbekannt, könnte jedoch an der zwischen Mann und Frau unterschiedlichen Verarbeitung von Stresssituationen liegen. Dr. Marques vermutet, dass Frauen etwa auf Grund protektiver Östrogenwirkung weniger empfänglich für hohe Stresshormonspiegel sind. Diese und vorangegangene Studien haben die Verbindung zwischen kardiovaskulärer Mortalität und psychologischer Belastung, auch durch symbolbeladene Ereignisse, gezeigt.  n

Adipositas

Rund und – krank?

Rasche Gewichtszunahme in den ersten Lebenswochen könnte das KHK-Risiko erhöhen. Niedriges Geburtsgewicht wie etwa bei Frühgeborenen wird allgemein mit verringerter Herzgesundheit im Erwachsenenalter verknüpft. Daraus wurde abgeleitet, dass rasche Gewichtszunahme nach der Geburt herzprotektiv wirkt. Neue Erkenntnisse weisen in die Gegenrichtung: Beschleunigte Gewichtszunahme bei früh oder termingerecht geborenen Babies scheint im späteren Leben mit einer Häufung von Erkrankungen wie KHK, Diabetes und hohem Blutdruck assoziiert zu sein. Das ist das Ergebnis einer im Rahmen des 57. Kongresses des American College of Cardiology ACC vorgestellten Studie.

Der verflixte zehnte Tag

Die Wissenschaftler fanden unter anderem heraus, dass rasche Gewichtszunahme bereits am zehnten Lebenstag zu einer Zunahme des systolischen Blutdrucks um 0,5 mmHg und Arterienversteifung führt.
„Wie es scheint, kann während der ersten Lebenstage eine Art Programmierung späterer kardiovaskulärer Erkrankungen stattfinden, und dabei dürfte die Ernährung eine gewichtige Rolle spielen“, sagte Dr. Mariette Charakida vom University College London, die Hauptautorin der Studie: „Kardiovaskuläre Prävention im Erwachsenenalter oder auch während der Kindheit reicht möglicherweise nicht aus. Zusätzliche Ernährungsstrategien im Säuglingsalter könnten von Vorteil sein.“
Mehr als 6.000 Kinder im Alter von zehn Jahren nahmen an der Studie teil. Blutdruck und Body Mass Index wurden ebenso erhoben wie die arterielle Gefäßsteifigkeit. Erfasst wurden weiters das Geburtsgewicht und das Gewicht nach dem zweiten Lebensmonat – woraus sich der Gewichtszuwachs in den ersten zwei Lebensmonaten ergibt. Überdurchschnittlich schnelle Gewichtszunahme in den ersten zwei Monaten war später, im Alter von zehn Jahren, mit höheren Blutdruckwerten assoziiert. Und das unabhängig von Alter, Geschlecht, Puls, Body Mass index oder Blutfetten. Ebenso zeigte sich rasche Gewichtszunahme als mit erhöhter Arteriensteifigkeit assoziiert. „Diese Studie beweist, dass beschleunigtes Zunehmen in den ersten Wochen des Lebens einen negativen Einfluss auf die Herzgesundheit hat. Die Aufmerksamkeit der betreuenden Ärzte und entsprechende Ernährung könnten notwenig sein, um dieses Risiko zu reduzieren“, sagte Dr. Charakida.

Zu wenig Daten

Weitere Untersuchungen werden notwendig sein, um zu bestimmen, ob der beobachtete Effekt durch Akkumulation von Risikofaktoren (wie Bluthochdruck und erhöhtes Cholesterin) mit zunehmendem Alter verschlimmert wird, und ob Lifestylemodifikationen die frühen Einflüsse ungeschehen machen können. Der eigentliche Pathomechanismus hinter den beobachteten Messwerten ist für Charakida ebenfalls von großem Interesse.


Kommentar

Die Zahl – eine heilige Kuh?

 Prof. Dr. Heinz F.W. Sterz

Die Zahl ist das Fundament der auf Daten basierenden Wissenschaft, heute als Evidence based medicine (EBM) oder beweisgestützte Medizin bezeichnet. Sie ermöglicht eine exakte Erfassung von Menge, Ausmaß, Gewicht und zeitlicher Abfolge, also Aussagen über das „Wie viel“, „Wie groß“, „Wie schwer“, „Wie oft“ und „Wann“.
Zahlenreihen lassen auch Zukünftiges, Gegenwärtiges und Vergangenes festlegen. So auch zum Beispiel, wann der Beginn einer fundierten Kardiologie war. Gibt es dafür ein Datum, eine Jahreszahl, eine Epoche oder war es etwa die Gründung einer Institution? War etwa der berühmte Leonardo aus Vinci der Erste, der 1530 den Schluss der Herzklappen durch Wirbelbildungen des Blutes erkannte, was erst kürzlich mithilfe der Magnetresonanztomographie bestätigt werden konnte. War Leonardo ein Hellseher oder schlussfolgerte er als kluger Denker? Und gab es nicht schon vor ihm Anatomen (Galen, Vesal u.a.), die das Herz zeichnerisch sehr genau darstellen konnten. Sie bedienten sich dabei kaum des Messens – dafür waren ihre Möglichkeiten zu wenig entwickelt –, sondern lediglich der exakten Beobachtung.
Heute fordert man in der Wissenschaft Zahlen, entweder durch Messungen oder durch statistische Daten ermittelt. „Show me the figures“, sagen die Anglikaner, wenn etwas Neues, schier Unglaubliches behauptet wird – „Zeig mir die Daten!“. Versuche, messbar zu machen, was es vordem nicht gewesen war, und du wirst Unwissen und Chaos verringern.
Die messende Kardiologie am Menschen begann zwar schon mit der Aufzeichnung von Pulskurven (Marey, 1850), aber erst richtig mit der Einführung der Elektrokardiographie durch Einthoven, Ende des 19. Jahrhunderts. Damit konnten die elektrischen Eigenschaften des Herzens in Hinblick auf Rhythmus, Frequenz, Leitungszeiten und anderes festgelegt werden.
Pulskurvenvermessungen waren die Vorläufer jener Erkenntnisse, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch Sondierung des Herzens mittels Herzkatheter zur Ermittlung von Drucken und Blutgaswerten gewonnen wurden (Forßmann, Cournand). Sie waren auch die Grundlagen für die Chirurgen, um operative Eingriffe am Herzen unter Zuhilfenahme der Herzlungenmaschine (Gibbon) korrigierend vorzunehmen. In diesem Zusammenhang soll daran erinnert werden, dass die ersten Operationen am offenen Herzen in Österreich 1962 durch Spath, Kraft-Kinz und Klinner in Graz durchgeführt wurden. Zuvor war aber die messende Diagnostik notwendig, die ich Jahre zuvor aus London von MacMichael und der Mayo Clinic (Swan) heimgebracht hatte. Derzeit wird das diagnostische Armamentarium der Kardiologen unter anderem durch die Echokardiographie (Edler, Hertz) und die Magnetresonanztomograpie (Lauterbur, Mansfield) bereichert.
Vor allem hat sich aber eine andere Messart etabliert: Studien auf der Basis von Statistiken: Erfassung von Risikofaktoren sowie Wertigkeit von diagnostischen und therapeutischen Eingriffen, wie etwa mit Herzkathetern, Koronaroperationen oder konservativen Behandlungsformen. Durch die Zahl beobachteter Fälle werden Resultate objektiviert und untermauert. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass ein gut beobachteter Fall oftmals besser ist als zehn schlampig gedeutete. Daher können Statistiken leider auch verunsichern – man denke als pars pro toto an die vielen gegensätzlichen Äußerungen zu den Blutfetten und deren Beeinflussbarkeit. So hat ein stadtbekannter Zyniker den Begriff „S-T-U-D-I-E“ als Abkürzung für Subventionierte Talente Unterstützen Die Industriellen Erwartungen“ gedeutet. Tatsächlich sind schlecht angelegte statistische Untersuchungen oft verwirrend und widersprüchlich. Dann stellt sich die Frage, wo trotz der vielen Zahlen die Wahrheit liegt.
Die Zahl bleibt eine heilige Kuh. Vergessen wir dabei trotz aller „Zahlenspiele“ nicht die ehrliche individuelle Beurteilung durch den echten, wahrheitssuchenden Arzt!

Prof. Dr. Heinz F. W. Sterz war nach zahlreichen Auslandsstudien Mitbegründer der invasiven kardiologischen Diagnostik und der offenen Herzchirurgie in Österreich. Er arbeitete jahrelang als Internist und Kardiologe, auch an weltbekannten Stätten, wie der Mayo-Klinik und der Medical School in London

 

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 18/2008

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