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Infektiologie 17. April 2008

Masernviren auf ihrem Weg um die ganze Welt

Von einer in Salzburg gelegenen Waldorf-Schule ging die Maserninfektionskette aus, welche mittlerweile zu mehr als 210 Masernerkrankungen geführt hat. „Das heißt, wir haben bereits jetzt zehn Mal mehr Maserninfektionsfälle als in den letzten beiden Jahren“ erläuterte Prof. Dr. Heidemarie Holzmann vom Institut für Virologie der MedUni Wien bei ihrem Vortrag anlässlich des 17. Österreichischen Impftages für Ärzte und Apotheker am 5. April 2008 in Salzburg.

 Masernvirus
Vermutete Reiserouten und geografische Verteilung jener Masernviren, welche die jüngsten Ausbrüche in der Schweiz, in Niederbayern und in Österreich ausgelöst haben. Der Entnahmezeitpunkt des Untersuchungsmaterials für die Genotypisierung ist als Meldewoche angegeben. Der vermutete Übertragungsweg wurde mit den Nukleotidsequenzdaten und den epidemiologischen Falldaten rekonstruiert und ist durch gestrichelte blaue Pfeile gekennzeichnet.

Bildquelle: Robert-Koch-Institut

Ein Großteil der mit Masern infizierten Schüler war nicht geimpft, die lokalen Behörden unter Landessanitätsdirektor Dr. Christoph König reagierten sofort und wollten mit Abriegelungsimpfungen beginnen. Nur wurden die Impfungen großteils abgelehnt. „Diese Klientel steht Impfungen sehr skeptisch gegenüber. Daraufhin wurde die Schule geschlossen“, so Holzmann. Trotz dieser Maßnahme sind mittlerweile mehr als zehn Salzburger Schulen betroffen. Die Dunkelziffer schätze Landessanitätsdirektor König bei deutlich mehr als 210 Fällen ein, erklärte Holzmann, da die meisten Patienten aus sehr kinderreichen Familien kämen. „In Salzburg sind mittlerweile fünf Hospitalisierungen bekannt geworden, mit zum Teil schweren Verläufen, und eine Masernpneumonie. Abriegelungsimpfungen, Aufklärung und eventuell weitere Schulschließungen haben höchste Priorität“, betonte Holzmann.
Ausgehend von Salzburg sind einzelne Fälle in andere Bundesländer verschleppt worden. In Vorarlberg gibt es einen Fall im Rahmen eines Schulschikurses, in Oberösterreich drei Fälle und in Wien eine Hospitalisierung. Auch 31 deutsche Kinder, die diese Waldorfschule besuchten, sind betroffen. Die genaue Bestimmung des Virusstammes läuft laut Holzmann noch – höchstwahrscheinlich stammt das Virus aus der Eidgenossenschaft, wo zur Zeit eine starke Epidemie herrscht. „Genau zwei Wochen vor den ersten Erkrankungsfällen war eine Musikkapelle aus der Schweiz in eben dieser Waldorfschule zu Besuch. Das ginge sich von der Inkubationszeit genau aus“, berichtete Holzmann.

Masern sind kein Kinderspiel

Masern sind keineswegs ungefährlich, wie die Virologin betont: „Kinderkrankheit klingt harmlos, aber das ist nicht der Fall. Masern sind eine hochinfektiöse Erkrankung: Wenn in einem Raum hundert Personen sitzen und eine hat Masern, dann gehen 99 mit Masern nach Hause – wenn sie nicht immunisiert sind.“ Und auch bei guter Ernährungslage ohne Vitamin-A-Mangel beträgt die Komplikationsrate 20 Prozent. Die häufigsten Komplikationen sind Otitis media und Bronchopneumonie. Holzmann: „Die Otitis kann zu Taubheit führen, die Pneumonie ist ebenfalls gefährlich und kann sogar letal verlaufen.“ Selten, aber gefürchtet ist die Masernenzephalitis mit einem Erkrankungsrisiko von 1:1.000. Sie kann tödlich verlaufen, bei Überlebenden können schwere Residualzustände erhalten bleiben. Mögliche Spätfolge ist die subakute sklerosierende Panencephalitis (SSPE), eine Slow-Virus-Erkrankung, die sieben bis zehn Jahre nach einer akuten Masernerkrankung auftritt. „Dazwischen entwickeln sich die Kinder völlig normal. Dann beginnt diese langsame Zerstörung des Gehirns.“ Seit den starken Masern-Jahren in den Neunzigern wurden am virologischen Institut 16 Fälle von SSPE diagnostiziert. Drei dieser Kinder seien noch am Leben, eines davon apallisch, so Holzmann. Die Häufigkeit dieses Krankheitsbildes beträgt 1:10.000.

Antikörpernachweis und PCR

Ebenfalls wichtig in Ausbruchssituationen ist die serologische Abklärung, bei der masernspezifische IgG- und IgM-Antikörper gemessen werden. Ebenso notwendig ist die Identifikation des Virus, um die Infektionsketten innerhalb Europas oder weltumspannend zu verfolgen. Holzmann: „Das Virus kann schmerzlos in Speichelflüssigkeit und Harn nachgewiesen werden. Die Viren werden dann mittels PCR und Zellkultur identifiziert – was in unserem Fall momentan am Robert Koch Institut in Berlin stattfindet.“

Ein echter Globe-Trotter

In den letzten zwei Jahren haben zwei verschiedene Masernviren für starke Epidemien gesorgt (siehe Abbildung): Das aus Indien stammende D8-Virus sorgte im Vorjahr vor allem im deutschen Nordrhein-Westfalen für viele Infektionen. Das gegenwärtig sich verbreitende Virus (vermutlich Genotyp D5) wurde aus Kambodscha nach Zürich eingeschleppt und gelangte von dort aus nach Bayern und Österreich. Holzmann: „Letztes Jahr hatten wir auch zwei Einschleppungen aus Kanada mit dem Virustyp D4 – wobei die Masern in Kanada und Nordamerika ebenso wie in Australien als ausgerottet gelten.“ Bezeichnenderweise kamen diese beiden Fälle von einer kanadischen Waldorfschule.
„Masernviren kann man eliminieren. Die in den USA heimischen Masernviren etwa sind seit 1993 ausgerottet, in Finnland gab es seit 1996 keinen Masernfall mehr. Und das schafft man nur mit hohen Durchimpfungsraten.“ Holzmann forderte deshalb zusätzliche Impfkampagnen und lobte das heimische Überwachungssystem. Das erklärte Ziel der WHO sei die Ausrottung der Masern in Europa bis 2010 – sonst wäre auch weiterhin alle fünf bis sieben Jahre mit Masernepidemien zu rechnen.
Zur Lage in den Nachbarländern: In Deutschland gab es 2006 einen großen Ausbruch mit 2.307 Fällen, sieben Encephalitiden, einer Meningitis und zwei Todesfällen. 2007 waren es bei unseren nördlichen Nachbarn immer noch mehr als 500 Fälle mit einer Encephalitis, heuer sind bislang 128 Fälle aufgetreten, dazu kommen jetzt 31 aus Salzburg verschleppte Infektionen.
Holzmann: „Eine besonders starke Masernaktivität ist derzeit in der Schweiz zu beobachten. Seit Ende November des Vorjahres gab es dort insgesamt mehr als 1830 Fälle, 700 davon alleine dieses Jahr. Betroffen sind vor allem Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 25.“

Impflücken zwischen 15 und 30

Der heimische Mumpsausbruch im Jahr 2006 macht deutlich, warum auch in Österreich vor allem die jungen Erwachsenen Zielgruppe für die Masernimpfung sind. „Wir hatten damals, ausgehend von einer Party, 226 Fälle. Der Großteil der Fälle war zwischen 15 und 30 Jahre alt, dementsprechend betrachten wir diese Altersgruppe auch als Zielgruppe für die Masernprophylaxe. Die Durchimpfungsrate dieser Gruppe ist nicht hoch genug“, erläuterte Holzmann. Dieselbe Altersgruppe wird bei der EURO 2008 in die Stadien gehen und auf engem Raum zusammen sein. Deshalb wiederholt der Impfausschuss des Obersten Sanitätsrates in diesem Zusammenhang die bestehende Empfehlung, dass alle Fussballfreunde eine ausreichende Immunität gegen Masern haben sollten. Bisher nicht geimpfte Personen sollten vor der Reise zur EURO 2008 mindestens eine Dosis eines Masernimpfstoffes erhalten. Dies gilt für Personen aller Altersgruppen.

Impfgegner – auch unter Ärzten

Warum so viele junge Leute nicht geimpft sind? „Weil mehr Angst vor den Nebenwirkungen der Masernimpfung besteht als vor der eigentlichen Erkrankung. Und das liegt daran, dass die Leute nicht mehr wissen, was eine Masernerkrankung wirklich bedeutet“, beantwortet Holzmann ihre eigene Frage. Eine Umfrage unter nicht Geimpften in Duisburg hätte ergeben, dass etwa die Hälfte der Impfverweigerer die Impfung an sich ablehnen, 42 Prozent Angst vor den Nebenwirkungen der Impfung haben, und sage und schreibe 27 Prozent der Verweigerer durch den Arzt von der Impfung abgeraten wurde. Was Holzmann empört: „Das ist meiner Meinung nach ethisch überhaupt nicht vertretbar!“

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 16/2008

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