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Innere Medizin 3. April 2008

Die Rache der Waldmaus

Die Zahl der Hantavirus-Infektionen in Deutschland ist drastisch gestiegen. Nach 56 Fällen im Jahr 2006 erkrankten im Vorjahr insgesamt 1.619 Menschen durch den Erreger. In Österreich gab es laut Prof. Dr. Stephan Aberle vom Virologischen Institut der Medizinischen Universität Wien 2006 etwa 15 Fälle, 2007 waren es 83.

Und auch dieses Jahr scheint ein starkes Hanta-Jahr zu werden: „Heuer stehen wir bereits bei 15 Fällen – das sind so viele, wie wir normalerweise in einem ganzen Jahr haben.“, so Aberle.
Die Hantavirus-Infektion äußert sich zunächst ähnlich einer Grippe mit plötzlich auftretendem hohem Fieber, Übelkeit sowie Kopf-Bauch- und Rückenschmerzen. Differentialdiagnostisch hilfreich sind die kleinen Einblutungen in Haut und Schleimhäute, wie Dr. Peter Walger von der Intensivmedizinischen und Infektiologischen Abteilung der Poliklinik Bonn erläutert. Bei schweren Verläufen könne es zu lebensbedrohlichen inneren Blutungen und akutem Nierenversagen kommen. Die Inkubationszeit des Virus beträgt im Schnitt zwei bis vier Wochen. Der Virologe Aberle im Gespräch mit der Ärzte Woche: „Bis in den März hinein sehen wir Fälle. Nach einem Zwischentief im Frühjahr steigt die Erkrankungshäufigkeit gegen Mai und Juni hin wieder an.“

Von Mäusen und Menschen

Obwohl die Mehrzahl der Infektionen ohne oder nur mit geringen Symptomen verläuft, müssen doch mehr als die Hälfte der symptomatisch erkrankten Patienten hospitalisiert werden. Impfung gibt es laut Walger keine, ebenso wenig gibt es wirksame Medikamente.
Hauptüberträger des Virus ist in Österreich die Rötelmaus, die als Lebenraum Wälder und Waldränder bevorzugt. Aber auch Brandmaus und Wanderratte sind ein Erreger-Reservoir. Dementsprechend ist die Erkrankungshäufigkeit beim Menschen mit den starken und schwachen Mäusejahren korreliert. Die reiche Ernte an Bucheckern und Eicheln der vergangenen Jahre scheint den heimischen Mäusen gut getan zu haben, sie sind zahlreich geworden. Aber viele verschiedene Faktoren beeinflussen das gemeinsame menschlich-mäusliche Ökosystem, und so sind exakte Vorhersagen schwierig.
Aberle: „In Österreich häufen sich in der warmen Jahreszeit die Hanta-Fälle in den tiefen Lagen des steirischen Hügellandes und im Süd- und Mittelburgenland, in der kalten Jahreszeit treten mehr Fälle in höheren Lagen Kärntens auf – wenn die Waldmäuse in den Häusern Schutz suchen. In Oberösterreich an der Grenze zu Deutschland tritt die aber ebenso auf, auch in Niederösterreich hatten wir im Vorjahr einen Fall.“
Hantaviren werden von infizierten Nagern über Kot, Harn und Speichel verbreitet. Über Kotpartikel, die mit dem Staub aufgewirbelt werden, wird der Erreger dann eingeatmet. Aber auch direkter Kontakt über die Hände kann den Virus übertragen. „Hausmäuse stellen kein Risiko dar“, stellt Aberle klar. „Das Risiko, in einem Ballungszentrum durch Mäusekot an Hantavirus zu erkranken, ist gering.“ Es sei denn, das Haus steht am Waldrand: Da die kleinen Nager im Winter in Schuppen, Kellern und Veranden Schutz suchen, können wenig genutzte Räume im Frühjahr mit Mäusekot verunreinigt sein. Dadurch besteht dann bei Arbeiten in Haus und Garten die Gefahr, infektiösen Staub einzuatmen. In gefährdeten Gebieten sollte daher der Kontakt mit Nagetieren und ihren Ausscheidungen gemieden werden – beziehungsweise stellt eben dieser Kontakt im Nachhinein einen wertvollen diagnostischen Hinweis dar.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 14/2008

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