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Innere Medizin 5. März 2008

Starke Schultern

Die Orthopädie entwickelt sich etwas abseits des Rampenlichtes rasant weiter. Die Schulter, früher galt sie quasi als inoperabel, kann mittlerweile endoprothetisch gut versorgt werden.

 Röntgenbild Schulter Die Positionen von Kopf und Pfanne werden vertauscht. LInks das erfolgreiche Endergebnis nach der Implantation, rechts die Operationsplanung.

Fotos (5): DePuy Orthopaedics

„Dem Spezialisten gehört die Zukunft.“ Zu diesem Schluss kam Prof. Dr. Rainer Kotz, Vorstand der Universitätsklinik für Orthopädie am AKH Wien, anlässlich der Eröffnung einer neuen Weiterbildungs-Initiative. Im Rahmen dieser theoretischen und praktischen Fortbildung am AKH Wien nahmen Orthopäden an Fachvorträgen teil, sahen bei Operationen in den Spezialbereichen Schulter, Knie, Hüfte, Wirbelsäule und Handchirurgie zu und konnten ihr neu erworbenes Wissen danach eigenhändig im Anatomischen Institut der Meduni Wien in die Tat umsetzen. „Mit solchen Workshops lassen sich neue Techniken schnell erlernen“, gibt sich Kotz im Gespräch mit der Ärzte Woche überzeugt.

Auf der Überholspur

Damit könnten Spezialisten effektiv herangebildet werden. Diese werden dringend gebraucht, ganz besonders in einem Fach wie Orthopädie, welches sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt und diversifiziert hat. „Um auf dem Laufenden zu bleiben, reicht das Lesen von Fachmagazinen bei weitem nicht aus“, meint Kotz.
Deutlich wird die wichtige Rolle der Orthopädie am Beispiel der Schulterprothesen. Rund 900 davon werden jährlich in Österreich eingesetzt. Die Zahl der Betroffenen ist aber groß: 7,5 Prozent der über 75-jährigen Österreicher leiden an einer Schultergelenksarthrose, die Hälfte der Betroffenen weist zudem einen Rotatorenmanschettenriss auf, der die Lebensführung gravierend erschwert. Für insgesamt rund 20.000 Menschen bedeutet diese Verletzung, dass sie ihre Arme nur noch im Winkel von 30 Grad vom Körper wegbewegen können und daher in der Selbstversorgung stark eingeschränkt sind, etwa beim Essen, Frisieren, Anziehen und bei der Hygiene. Infolge der Schmerzen leiden viele dieser Patienten auch unter Schlafproblemen. Kotz sieht wachsenden Bedarf für orthopädische Schulterspezialisten, weil nicht nur ältere Menschen davon betroffen sind. Auch Prof. Dr. Klaus Schatz, Leiter der Schulterambulanz an der Universitätsklinik für Orthopädie am AKH Wien, sagte bei der Fortbildungsveranstaltung: „Ohne Dehnungsübungen vor dem Besuch eines Fitnessstudios und entsprechendem Training der Muskulatur, die den Arm senkt, kann es auch bei jüngeren Menschen zu Rotatorenverletzungen kommen.“
Häufige Überkopfbewegungen und Traumata führen zu Abnützung. „Mit einer bestehenden Vorschädigung kann ein Unfall zu schweren Problemen führen,“ erzählt Schatz. Zur Vorbeugung führt er und sein Team Aufklärungskampagnen in Fitnessstudios durch.
Seit mehreren Jahren werden nun Schultergelenksarthrosen mit künstlichen Gelenken versorgt. Das Schultergelenk galt lange Zeit als nur schwer operierbar. Erst die Entwicklung der Deltaprothese vor 17 Jahren (auch: Grammontprothese oder inverse Schulterprothese) lieferte zufriedenstellende Bewegungsergebnisse und erzielte Schmerzreduktion.
Diese künstlichen Schultergelenke werden als „invers“ bezeichnet, weil sie im Vergleich zu einem normalen künstlichen Schultergelenk umgekehrt konstruiert sind. Das bedeutet: Bei normalen Schulterprothesen sitzt die Kugel des künstlichen Gelenks auf dem künstlichen Oberarmschaft und die künstliche Schulterpfanne wird dort eingebaut, wo die knöcherne Schulterpfanne liegt, welche abgenützt ist. Die inverse Prothese ist genau umgekehrt konstruiert. Bei ihr sitzt die Kugel auf der Schulterpfanne und die künstliche Schulterpfanne auf dem Oberarmschaft.

Verkehrtes Gelenk

Der Grund für diese Konstruktionsweise liegt darin, dass man aus biomechanischer Sicht das Drehzentrum der Schulter nach unten und innen verlagert. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass man dann zur Funktion der Prothese nur noch auf den Deltamuskel angewiesen ist. Bei der normalen Schulterprothese werden die Muskeln der Rotatorenmanschette gebraucht, damit das künstliche Schultergelenk ordentlich funktioniert. Bei der Deltaprothese ist das nicht der Fall. Also könnten mit der Deltaprothese auch Patienten versorgt werden, bei denen ein Verschleiß im Schultergelenk vorliegt und gleichzeitig die Rotatorenmanschette massiv gerissen ist. So entwickelt sich die inverse Schulterprothese zunehmend zum Implantat der Wahl bei Schulterverschleiß in Verbindung mit einem größeren – nicht rekonstruierbaren – Rotatorenmanschettenriss. In manchen Fällen wird sie auch nach Unfällen und bei jahrelang bestehenden Ausrenkungen der Schulter verwendet. Die Operation dauert rund 90 Minuten und stellt die Funktionalität der Schulter wieder her. Zudem werden Schmerzen und mechanische Irritationen weitgehend beseitigt. „Der Vorteil des Systems, bei dem so viel Knochen wie möglich erhalten werden soll, liegt darin, dass bisher nicht versorgbare Arthrosen versorgbar werden“, erläuterte Kotz. Bereits am Tag nach dem Eingriff kann der Patient mit Passivübungen beginnen, aktive Übungen sind bei großer Festigkeit des Implantats möglich. Dazu Schatz: „Die Prothese ist in der Regel nach vier Wochen fest eingewachsen, dann kann die ambulante Physiotherapie beginnen.“

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 11/2008

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