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Innere Medizin 14. Februar 2008

Der Schwarze Tod ist sehr lebendig

Reisende, die in Pestendemiegebiete wie die Rocky Mountains bzw. die südwestlichen Bundesstaaten, nach Afrika oder (Süd)-Ostasien reisen, müssen zwar keine Ansteckungsgefahr befürchten. Von Nagern sollten sie sich allerdings fernhalten.

 Rattenfloh
Mithilfe des Rattenflohs überspringt die Yersinia pestis auch Artgrenzen.

Foto: Public Health Image Library, CDC, USA

Die erste Pestpandemie begann unter dem byzantinischen Kaiser Justinian I im 6. Jahrhundert. Zuvor könnten zwar Epidemien im Antiken Griechenland gewütet haben, ob es sich dabei aber wirklich um die Pest gehandelt hat, ist heute umstritten. Im 14. Jahrhundert entvölkerte die Pest halb Europa. Der letzte große Ausbruch wurde Ende des 19. Jahrhunderts aus China und Indien gemeldet. Aber auch heute ist die Pest noch nicht ausgerottet. Vor kurzem wurden etwa 18 Todesfälle aus Madagaskar berichtet. Endemisch ist die Erkrankung auch in den USA, wo vor allem Präriehunde vom Rattenfloh befallen sind, in Zentral-, Ost- und Südafrika sowie in Zentral- und Südostasien.
Eine massenhafte Ausbreitung der Pest ist gegenwärtig aber nicht mehr zu befürchten. Die Reservoirs sind begrenzt, eine Heilbehandlung ist, wenn sie früh erfolgt, möglich. „Wenn allerdings der Zugang zur ärztlichen Behandlung schwierig ist, wie etwa beim aktuellen Ausbruch in Madagaskar, kommt es auch heute noch zu Todesfällen“, berichtet Dr. Hermann Laferl, leitender Oberarzt an der IV. Medizinischen Abteilung mit Infektions- und Tropenmedizin am Kaiser Franz Josef Spital in Wien, im Gespräch mit der Ärzte Woche.
Die Pest ist eine Zoonose. Die Übertragung des Erregers Yersinia pestis erfolgt durch den Rattenfloh. Kommt es zu einem Massensterben der Nagetiere, suchen sich die Flöhe einen anderen Wirt, u.a. eben auch den Menschen. Der kürzlich aufgetretene Ausbruch in Madagaskar wurde durch eine Krise in der Müllentsorgung, gemeinsam mit dem Einsetzen der Regenzeit, getriggert: „Wenn der Regen einsetzt, strömen die Ratten aus der Kanalisation in die Hütten der Menschen“, erläuterte Laferl. Die „Müllkrise“, die derzeit in diesem Land herrscht – es fehlt das Geld zur Müllentfernung – verstärkt die Problematik.
Mehrere Formen der Pest werden unterschieden. „Die Beulenpest heißt so, weil zuerst der Lymphknoten in der Nähe der Flohbissstelle anschwillt, im Krankheitsverlauf werden weitere Lymphknoten befallen und bilden Beulen, so genannte Bubonen“, erklärte Laferl: „Wird der Erreger in die Blutbahn abgegeben, kommt es zu einer Pestsepsis, woraus sich eine (sekundäre) Lungenpest entwickeln kann.“ Diese Pestform ist hochinfektiös, die Erreger werden durch Tröpfeninfektion verbreitet und führen zur primären Lungenpest mit einer hohen Letalität. Seltener (bei rund zehn Prozent) tritt die primär septikämische Verlaufsform (ohne Lymphknotenschwellung) auf. Sehr selten wird die abortive Pest beobachtet, bei der meist nur ein Lymphknoten leicht anschwillt, der Patient kaum Krankheitszeichen zeigt, und die Erkrankung folgenlos – aber mit lebenslanger Immunität – ausheilt.
Die Pest ist mit Antibiotika gut behandelbar. Dennoch stirbt von den jährlich etwa 4.000 Erkrankten laut WHO jeder zehnte, also etwa 400 Menschen, in den Pestendemiegebieten.
Wird nicht früh behandelt, beträgt die Letalität der Beulenpest 60 Prozent, die der Pestsepsis und der Lungenpest an die 100 Prozent. Zur Behandlung in den Endemiegebieten kommt Streptomycin zum Einsatz, erklärt Laferl. Wirksam sind auch Gentamicin, Doxycyclin und Chloramphenicol. In-vitro-Versuche zeigten auch für Chinolone gute Ergebnisse.
„Solange es Nagetiere wie die Ratten gibt, wird es auch die Pest geben“, so Laferl. „Im Gegensatz zu den Pockenviren, deren einziger Wirt der Mensch ist, lässt sich die Nagetierpopulation weltweit nicht ausrotten. Zur Prophylaxe existiert ein – bisher nur in den USA zugelassener – Impfstoff, der allerdings erhebliche Nebenwirkungen aufweist. Zu einer prophylaktischen Vorsorge mit Antibiotika rät Laferl nur jenen Menschen, die beruflich mit Pestkranken zu tun haben, wie etwa Ärzte und medizinisches Personal, die im Rahmen von Medicins sans Frontiéres in Pestgebieten tätig werden. „Reisende brauchen sich weder impfen zu lassen, noch eine Prophylaxe einzunehmen – die Gefahr, sich mit Pest anzustecken, ist wesentlich geringer als etwa eine Infektion mit Dengue, Malaria, Typhus abdominalis oder selbst Schlafkrankheit bzw. Tollwut“, hält der Infektiologe fest.
Die eingangs erwähnte letzte Pestepidemie in Indien forderte übrigens auch die letzten drei Pesttoten Österreichs. Der Internist Hermann Franz Müller war einer der Ärzte, die als Forschungsteam nach Indien entsandt wurden, um den Pestausbruch zu studieren. Zurückgekehrt, infizierte er sich im eigens eingerichteten Pestzimmer im alten AKH an der Erkrankung und verstarb, ebenso wie der Institutsdiener Franz Barisch, der für die Ansteckung verantwortlich war, und die Krankenschwester Albina Pecha (Auf Spurensuche im alten medizinischen Wien. Wolfgang Regal/Michael Nanut Ärzte Woche, Jg. 36, 2002). Gepflegt wurden Arzt und Krankenschwester übrigens im Kaiser Franz Josef Spital.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 7/2008

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