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Innere Medizin 14. Februar 2008

Da ist der Wurm drin

Die Menschen werden von „ihren“ helminthischen Parasiten seit Äonen begleitet. Eine einseitig ertragreiche Gemeinschaft.

Wissenschaftlich gesehen gibt es gar keine Würmer. Denn dieser Überbegriff, mit dem die Helminthen, also Eingeweidewürmer, gemeint sind, ist rein ökologischer Natur. Zu der Gruppe gehören Nematoden (Fadenwürmer), Trematoden (Saugwürmer und Egel), Zestoden (Bandwürmer), Akanthozephalen (Kratzer) und Pentastmoden (Zungenwürmer).
„Aber ein Spulwurm ist mit einem Bandwurm weitaus weniger verwandt als ein Mensch mit einem Laubfrosch“, erklärt dazu Prof. Dr. Horst Aspöck, der ehemalige und langjährige Leiter der Abteilung für Medizinische Parasitologie am Klinischen Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinische Universität Wien im Gespräch mit der Ärzte Woche.
Die Prävalenz der verschiedenen Heminthen-Spezies ist ausgesprochen unterschiedlich, vermutlich werden mehr als 99,9 Prozent aller „Wurminfektionen“ durch weniger als 30 Arten verursacht. Ebenso unterschiedlich die klinischen Symptomatiken: 200 Helminthen-Arten parasitieren im Darm, 20 in den Blutgefäßen und 50 an der Haut. Aber auch Gehirn, Urogenitaltrakt Leber und Lunge sind nicht wurmsicher.
Zu den häufigsten Helminthen gehören (in dieser Reihenfolge): Ascaris lumbricoides (etwa 1.500 Mio Befallene), Ancylostoma duodenale, Necator americanus (ca. 1.300 Mio.), Trichiuris trichiura (ca. 1.050 Mio.), Enterobius vermicularis (> 400 Mio.), Schistosoma haematobium (ca. 115 Mio.) und Wuchereria bancrofti (ca. 110 Mio.). Die Liste lässt sich noch länger fortsetzen. „Daraus ergibt sich ein ungeheurer medizinischer Stellenwert“, erläutert Aspöck, „mit der Annahme, dass etwa eine Milliarde Menschen an einer Helminthose leidet, kommt man der Realität vermutlich sehr nahe.“
Die Zahl der Individuen einer Helminthen-Spezies, die ein Mensch beherbergen kann, variiert stark. Die verschiedenen Taenia-Arten (Taenia saginata, Taenia solium) und auch Diphyllobothrium latum treten meist einzeln auf. Aber ein Mensch kann mehreren hundert Spulwürmern Heimstatt sein. Andere bei einzelnen Menschen gefundene Spitzenwerte: Opisthorchis viverrini: 12.000 Adulte, Fasciolopsis buski: > 3.200 Adulte. Wahrscheinlich sterben Jahr für Jahr ca. 300.000 Menschen an den Folgen eines Helminthen-Befalles. Der indirekte Einfluss der Helminthosen auf den Gesundheitszustand von Millionen armer Erdenbürger ist für Aspöck nicht abschätzbar, Chemoprophylaxe gibt es bis heute keine.

Unendliche Geschichte

„Die Würmer werden uns immer begleiten. Solange es Menschen gibt, wird der Mensch Würmer haben. Und es wird kaum eine dieser Wurmarten ausgerottet werden. Aber man wird die Wurmlast verringern können, wenn man die Antihelminthika in großen Mengen her- und zu billigen Preisen den Entwicklungsländer zur Verfügung stellt.“ Aber auch das werde nicht von heute auf morgen passieren, meint der erfahrene Parasitologe abschließend.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 7/2008

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