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Innere Medizin 8. Februar 2008

Spannende Zeiten in der Diabetesbehandlung

Die Ärzte Woche sprach mit dem neuen Präsidenten der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG), Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel der Medizinischen Universität Wien, über neue Therapiestrategien und Ziele der Gesellschaft.

Das Management der Diabetespatienten stellt, aufgrund der zu erwartenden drastischen Zunahme der Prävalenz in den kommenden Jahren, eine große Herausforderung dar. Besonders viel verspricht sich die Österreichische Diabetes Gesellschaft von Disease-Management-Programmen, die speziell geschulten Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit geben, gemeinsam mit ihren Patienten individuelle Therapieziele zu vereinbaren. Aber auch auf der modernen Pharmakotherapie, wie den Insulinanaloga und den Glitazonen, ruhen die Hoffnungen der Diabetologen.

Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Amtsperiode gesteckt?
Ludvik: Die große Herausforderung der kommenden Jahre ist sicher, die steigende Zahl der an Diabetes erkrankten Menschen gut betreuen zu können. Um zu evaluieren, mit welchen strukturellen und therapeutischen Maßnahmen wir dies erreichen können, führen wir zurzeit eine Prävalenzerhebung zu Diabetes mellitus und Adipositas durch. Gemeinsam mit der Österreichischen Adipositasgesellschaft und der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) werden neue Daten erhoben. Dies wird sicher die kommenden zwei Jahre in Anspruch nehmen. Allerdings haben wir dann eine fundierte Basis, auf die wir aufbauen können. Auch eine bessere Betreuung von Migranten und Migrantinnen hinsichtlich des Diabetes ist eine wesentliche Aufgabe.

Was erwarten Sie sich von der Prävalenzerhebung?
Ludvik: Erstmals treten wir aktiv an die Bevölkerung heran. Wir erheben, wie groß die Zahl der übergewichtigen Personen wirklich ist, erfassen Größe, Gewicht, messen Blutzucker und Lipidparameter. Freilich stellt dies eine aufwendige Arbeit dar. Bislang haben wir jedoch keine validen Daten, wie viele Diabetiker oder Personen mit Vorstufen für die Zuckerkrankheit in Österreich tatsächlich existieren. Ein Grundstein, um strukturelle Notwendigkeiten zu definieren und landesweite Einrichtungen zu schaffen, die der Zahl an Betroffenen gerecht werden.
Zudem erheben wir die zurzeit in Österreich vorhandenen Strukturen in ländlichen oder urbanen Gegenden, um festzustellen, wo wir uns verstärkt engagieren müssen. In einigen Monaten werden uns bereits die ersten Ergebnisse vorliegen.

Wie sieht das derzeitige Verhältnis zu den Kostenträgern aus?
Ludvik: Wir sind in ständigem Kontakt mit den zuständigen Stellen, vor allem um die Abwicklung des Disease-Management-Programms „Therapie aktiv – Diabetes im Griff“ voranzutreiben. Die Leitlinien der ÖDG fungieren dabei als Basis. Auch bei fachlichen Fragen werden wir miteinbezogen. Das Gesprächsklima empfinde ich als durchaus konstruktiv, zumal ich nicht erst seit meiner Funktion als Präsident, sondern bereits die Jahre zuvor in Verhandlungen eingebunden war. Die Finanzierung unserer Programme ist gesichert: Das Sonderbudget, das für die Betreuung der Diabetespatienten eingerichtet wurde, scheint nicht gefährdet zu sein.

Was ist unter dem Disease-Management-Programm für Diabetes zu verstehen?
Ludvik: Schulungen und regelmäßige Besuche beim betreuenden Arzt sollen den Patienten die Möglichkeit bieten, besser mit ihrer Krankheit umzugehen. Dafür müssen die Kollegen aber auch entsprechend ausgebildet sein. Ärzte benötigen für die Teilnahme am DMP Diabetes (Disease-Management-Programmen Diabetes mellitus) spezielle Fortbildungen, die von den regionalen Ärztekammern abgehalten werden. Etwa die „Therapie aktiv“: Ärzte vereinbaren gemeinsam mit ihren Patienten individuelle Therapieziele und dokumentieren den Krankheitsverlauf unter anderem in einem persönlichen Diabetes-Pass. Eine enge Kooperation zwischen Allgemeinmedizinern und Fachärzten sowie Diabetesambulanzen und stationären Einrichtungen ist hierfür Voraussetzung.
Ab Ende des vergangenen Jahres wird „Therapie aktiv“ in der ganzen Bundeshauptstadt angeboten und zu gleichen Teilen von der Stadt Wien und den Wiener Krankenversicherungsträgern finanziert. Das ursprünglich von der steiermärkischen Gebietskrankenkasse entwickelte Programm soll ab diesem Jahr in allen Bundesländern angeboten werden. Dabei wird die Rolle speziell geschulter Allgemeinmediziner und Internisten in der Versorgung von Diabetespatienten gestärkt. Ärzte, die das betreuungsintensive DMP mitmachen, erhalten eine entsprechende Honorierung für den Mehraufwand.

Wann wird dieses Programm umgesetzt?
Ludvik: Bereits über 200 Ärzte sind in das Programm eingeschrieben und betreuen rund 2.000 Patienten (Stand Jänner 2008). An der Privatuniversität Salzburg wird derzeit eine Studie durchgeführt, die evaluieren soll, ob die Patienten auf diese Weise tatsächlich besser betreut werden können. Kommendes Jahr werden wir konkrete Ergebnisse in Händen halten.

Ist der HbA1c-Wert als harter Endpunkt ausreichend zur Beurteilung eines Diabetes?
Ludvik: Wir kommen zunehmend von einer isolierten Betrachtung der Blutzuckerwerte ab. Auch Lipidstatus, Blutdruck und eine Reihe anderer Parameter müssen bei jedem Patienten erhoben werden, um einen Behandlungserfolg feststellen zu können.

Ihre Vorgängerin hat Nordic Walking als perfekte Sportart genannt, dem Diabetes auf nichtmedikamentöse Weise beizukommen…
Ludvik: Eine Lebensstiländerung und sportliche Aktivität bieten tatsächlich hervorragende Möglichkeiten, eine Verschlechterung der Erkrankung zu verhindern oder pharmakotherapeutische Ansätze zu unterstützen. Gerade das Nordic Walking stellt als Ausdauersportart aufgrund der günstigen Bewegungsabläufe eine sehr gute Möglichkeit dar. Zudem kann die Sportart überall ausgeübt werden. Eine sportmedizinisch-internistische Untersuchung sollte dabei jedoch nicht fehlen. Hier ist unsere Gesellschaft auch sehr aktiv: Bereits zwei Mal veranstalteten wir den ÖDG-Nordic-City-Walk in Wien und konnten neben dem sportlichen Event auch Aufklärungsarbeit leisten, indem wir Informationen über Diabetes an die Bevölkerung weitergaben.

Welchen Stellenwert haben die nichtmedikamentösen Maßnahmen?
Ludvik: Die flankierenden nichtmedikamentösen Maßnahmen sind ein wesentlicher Bestandteil einer guten Diabetesbehandlung. Vor allem zu Beginn der Erkrankung und im Rahmen der Prävention sollte dies eigentlich zum Standardprocedere gehören. Wir müssen unsere Patienten immer wieder daran erinnern, dass mit einer Modifikation des Lebensstils in der Frühphase eine Verbesserung der Prognose erzielt wird. Ende Mai dieses Jahres halten wir in Bad Aussee unsere Frühjahrestagung ab. Das Thema „Diabetes im Spannungsfeld von Lebensstil und Medizin“ zeigt, dass es in unserem Fachgebiet heute nicht nur um eine reine Korrektur der Glukosewerte geht.

Inwieweit hat sich die Diabetesbehandlung in den vergangenen Jahren gewandelt?
Ludvik: Eine interessante Entwicklung stellt die Einführung der Insulinanaloga dar. Auch die Glitazone haben als moderne Strategie einen Platz in der Diabetesbehandlung gefunden. Wenn man hier die Nebenwirkungen im Auge hat, so sind sie eine wertvolle Erweiterung der therapeutischen Palette. Die seit kurzem auf dem Markt befindlichen DPP-4-Inhibitoren und Inkretinmimetika senken den Nüchternblutzucker, den postprandialen Glukosespiegel und reduzieren außerdem das Körpergewicht. Darüber hinaus werden ihnen betazellprotektive Effekte zugeschrieben. Den Wert dieser Substanzklasse wird man jedoch erst in den kommenden Jahren abzuschätzen wissen. Eine Reihe von klinischen Phase-3-Studien wird hier durchgeführt, wobei auch Österreich an vielen großen Untersuchungen beteiligt ist. Insgesamt stehen uns heute mehr Mittel zur Auswahl und wir können die verschiedenen, dem Diabetes zugrunde liegende Störungen gezielter behandeln.

Vor kurzem wurde eine Überarbeitung der ÖDG-Leitlinien von 2004 publiziert …
Ludvik: Ja, im vergangenen Jahr wurde eine Aktualisierung der Leitlinien vorgenommen. Darin enthalten sind unter anderem Empfehlungen zur Ernährung oder zu geriatrischen Fragestellungen. Generell finden sich darin auch Therapievorschläge zu Begleit- und Folgeerkrankungen des Diabetes. In den aktualisierten Leitlinien der Gesellschaft sind bereits Innovationen wie DPP-4-Hemmer oder GLP-1 Analoga enthalten. Daher werden diese Empfehlungen sicherlich auch die kommenden Jahre aktuell bleiben.

Welche Aufgaben kommen in nächster Zeit auf Sie zu?
Ludvik: Neben der Gestaltung und Organisation der Jahrestagung, die immer wieder eine große Herausforderung darstellt, wollen wir unsere Website benutzerfreundlicher gestalten. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass demnächst eine eigene Internetplattform für Diabetes etabliert wird. In erster Linie für interessierte Kollegen oder Diabetesberaterinnen konzipiert, sollen neben den Leitlinien die neuesten Informationen aus der Diabetologie zusammengetragen werden. Viele Mitglieder des ÖDG-Vorstandes werden an dieser Seite mitarbeiten, sodass eine hohe Qualität gewährleistet wird. Im Rahmen der Frühjahrestagung der ÖDG wird die Webseite präsentiert.

Welche Anliegen liegen Ihnen als Präsident der ÖDG besonders am Herzen?
Ludvik: Wir wollen die Kolleginnen und Kollegen ermuntern, sich mit dem angebotenen Therapieprogramm auseinanderzusetzen. Schließlich wird die Prävalenz der Erkrankung in den kommenden Jahren drastisch zunehmen. Einerseits werden die Menschen älter, andererseits wird die Zahl der übergewichtigen Personen ansteigen. Beide Parameter gelten als wichtigste Prädiktoren für den Diabetes Typ 2. Da braucht es Mediziner, die am neuesten Stand sind und ein sinnvolles therapeutisches Management anzuwenden wissen.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 41/2002

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