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HNO 27. März 2008

Antibiotikagabe bei Erwachsenen sinnlos?

Ärzte sollten bei Patienten mit entzündlicher Erkrankung der Nasennebenhöhlen keine Anti­biotika verschreiben, auch wenn die Patienten von länger als sieben bis zehn Tage anhaltenden Symptomen berichten. Infektionen der oberen Atemwege sind die dritthäufigste Ursache einer ärztlichen Konsultation in den USA, und etwa ein Drittel dieser Infektionen werden als akute Rhinosinusitiden diagnostiziert. Da es jedoch sehr schwierig ist, zwischen der bakteriellen und der viralen Form der Erkrankung zu unterscheiden, verschreiben Ärzte häufig Antibiotika. In den USA bekommen 80 Prozent der Patienten mit einer Rhinosinusitis ein Antibiotikum verschrieben, in Europa beträgt der Anteil 72 bis 92 Prozent. In den Ländern mit dem höchsten Einsatz von Antibiotika wird eine zunehmende Antibiotikaresistenz beobachtet.
Dr. Jim Young und Kollegen vom Institut für klinische Epidemiologie am Baseler Universitätsspital führten eine neun Studien und Daten von 2547 Patienten umfassende Metaanalyse durch (Lancet 2008; 371: 908-914). Die Patienten mit Rhinosinusitis-ähnlichen Beschwerden wurden per Zufallsverfahren einer Behandlung mit Antibiotika oder Placebo zugeordnet. Die Autoren untersuchten den Gesamteffekt der antibiotischen Behandlung und die prognostische Aussagekraft allgemeiner Anzeichen und Symptome anhand der Anzahl der notwendigen Behandlungen (NNT) mit einem Antibiotikum, um einen Patienten zu heilen.
Die Forscher stellten fest, dass 15 Rhinosinusitis-Patienten mit Antibiotika behandelt werden mussten, damit ein zusätzlicher Patient geheilt wurde; bei Patienten mit schleimartigen Absonderungen aus dem Rachen reduzierte sich diese NNT auf 8. Ältere Patienten, die von länger andauernden oder ernsthafteren Symptomen berichteten, benötigten zwar mehr Zeit zur Heilung, zogen jedoch keinen größeren Nutzen aus der antibiotischen Behandlung als andere Patienten.
Die Autoren bemerken: „Die Folgerungen für eine Erstversorgung sind, dass Antibiotika für Patienten mit akuten Rhinosinusitis-ähnlichen Beschwerden einen nur geringen Nutzen bringen. Allgemeine klinische Anzeichen und Symptome können jene Untergruppe, für die eine Behandlung eindeutig gerechtfertigt wäre, nicht ausweisen, wenn man Kosten, ungünstige Abläufe und mit der Verwendung von Antibiotika einhergehende bakterielle Resistenzen in Betracht zieht. Antibiotika sind auch dann nicht gerechtfertigt, wenn Patienten von länger als sieben bis zehn Tage anhaltenden Symptomen berichten.“
Die Forscher folgern: „Obwohl unsere Ergebnisse nicht auf Kinder und immunsupprimierte Patienten anwendbar sind, sollten sie den Ärzten dennoch verdeutlichen, dass nur aufmerksames Abwarten und symptomatische Linderung bei nahezu allen erwachsenen Patienten mit akuten Rhinosinusitis-ähnlichen Beschwerden vertretbar sind.“

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