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HNO 4. Oktober 2007

Erste Symptome ernst nehmen

Obwohl beruflich bedingte allergische Erkrankungen sich oft im HNO-Bereich mit ihren ersten Symptomen zeigen, werden diese in der Regel erst viel später vom Betroffenen ernst genommen. Dann erst, wenn die unteren Atemwege reagieren oder die Haut in größeren Bereichen als in der Kopf-Halsregion betroffen ist, nimmt der Allergiker die Zeichen wahr und besucht den Lungenarzt oder den Hautarzt, selten den HNO-Spe­zialisten. Dies ist vermutlich der Grund, wieso wir im HNO-Praxis­alltag kaum mit berufsbezogenen allergischen Erkrankungen konfrontiert werden, obwohl diese wirklich nicht selten sind.

Grundsätzlich haben wir es mit zwei völlig unterschiedlichen allergischen Krankheitsformen zu tun: 1. Typ-I-Allergien, ausgelöst durch inhalative Belastung am Arbeitsplatz, 2. Typ-IV-Allergien, ausgelöst durch Kontaktallergene, die meist mit den Händen in den Kopf-Hals-Bereich transportiert werden. Nachdem in den oberen Luftwegen große Partikel sedimentieren, während kleinste Partikel bis in die unteren Luftwege vordringen, sind primäre Reaktionen im HNO-Bereich durch großvolumige Aerosole und Staubpartikel zu erwarten. Es sind in erster Linie natürliche Produkte, die eine Sofort-Typ-Allergie auslösen, nicht chemische Moleküle. Es gibt epidemiologische Studien, die annehmen lassen, dass die Vielzahl von Chemikalien am Friseurarbeitsplatz das Risiko einer nasalen und bronchialen Hyperreaktion erhöhen und damit das Risiko einer folgenden Sensibilisierung auf ubiquitäre Allergene, wie Pollen, Milben etc., erhöhen, nicht aber zu spezifischen Allergien gegen Berufssubstanzen führen.
Berufe aus der Nahrungsmittelverarbeitung sind hingegen in der Konfrontation mit natürlichen Stoffen häufig von berufsbedingten Allergien betroffen. Auch bäuerliche Berufe bringen den Kontakt mit Staub von Nutzpflanzen oder auch mit vielfach noch undefinierten Aerosolen im Zusammenhang mit der Tierhaltung mit sich und daher ebenso eine Gefährdung. Viele andere Berufe sind gleichfalls konfrontiert mit Tieren und deren Felle oder deren Ausscheidungen. Die Betroffenen sind alle Risikopersonen aus allergologischer Sicht.

Gezielte Symptom-Suche

Im Praxisalltag sollte man bei solchen Personen gezielt nach ers­ten allergischen Erscheinungen suchen, auch wenn der Patient nicht mit einer konkreten Fragestellung kommt. Eine berufsbezogene allergische Rhinitis ist anamnestisch leicht zu erfassen, und Konsequenzen können rechtzeitig eingeleitet werden. Löst erst einmal der Flachsstaub, der Mehlstaub oder was auch immer Symptome in den unteren Atemwegen aus, ist bereits eine Berufserkrankung eingetreten.

Gesundheitsberufe

Die Latexallergie stellt eine besondere Herausforderung dar. Abgesehen von der besonderen Risikogruppe, den Patienten mit Spina bifida, findet sich die Latexallergie häufig bei Arbeitnehmern im Spitalsdienst (drei bis vier Prozent). Interessant ist dabei, dass die Allergie gegen Latexpartikel eine besonders variantenreiche Erscheinungsform hat. Klassisch beginnt sie mit einer allergischen Rhino- Konjunktivitis, zeigt im weiteren Verlauf oft noch zusätzlich eine Urtikaria und gipfelt schließlich in einer anaphylaktischen Reaktion. Diese kann bei hoch sensibilisierten Patienten auch schon durch geringste Allergenmengen ausgelöst werden. Dieser Verlauf ist aber nicht bindend. Manchmal wird die Reaktion in den oberen Luftwegen nicht bemerkt, und die Urtikaria ist das erste Symptom. In Einzelfällen wird auch diese Stufe übersprungen und die anaphylaktische Reaktion tritt ohne Vorwarnung ein.
Ekzeme
Beruflich bedingte Hauterkrankungen machen weltweit rund 30 Prozent aller Berufserkrankungen aus. In erster Linie handelt es sich dabei um Handekzeme, bei in etwa zehn Prozent der Ekzempatienten ist auch das Gesicht betroffen. Stirne und Ohrmuschelbereich sind dabei prädisponiert. Die Ekzemprävalenz ist dabei besonders hoch in den ersten drei Jahren des Ausbildungszeitraumes. Von dieser Allergieform sind Personen aus der Nahrungsmittelindustrie, der Krankenpflege, dem Gastgewerbe, Friseure und andere, hautbelastende Berufssparten besonders häufig betroffen. In der metallverarbeitenden Branche und Autoindustrie überwiegen die irritativ ausgelösten Ekzeme deutlich jene, die allergisch verursacht sind. Nachdem das Ekzem nicht unbedingt kontaktallergischen Ursprunges sein muss, sondern eben auch irritativ ausgelöst werden kann, besteht eine große Diskrepanz zwischen der Zahl von Verdachtsanzeigen (etwa doppelt so häufig wie bei Lärmschwerhörigkeit) und tatsächlicher Anerkennung als Berufserkrankung (nur 20 Prozent der Häufigkeit von Lärmschwerhörigkeit). Zum Unterschied zu den Inhalationsallergien werden Kontaktallergien oft durch industrielle Stoffe und nicht durch natürliche Produkte ausgelöst. Dies öffnet erwartungsgemäß die Vielfalt der Möglichkeiten einer Sensibilisierung gewaltig. Sie erschwert die Diagnostik und stellt daher eine Herausforderung für den diagnostizierenden Arzt dar. Wissen und Erfahrung der HNO-Fachärzte über die Auswirkungen von Arbeitsbedingungen auf die oberen Luftwege ist wichtig, um Zusammenhänge frühzeitig zu erkennen und aufzudecken, bevor beim einzelnen Patienten eine anerkannte Berufskrankheit eintritt. Gleichzeitig können die Erkenntnisse in betriebliche Gesundheitsschutzmaßnahmen vorangetrieben werden.

Prof. Dr. Friedrich Horak
Uniklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten MedUni Wien

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