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HNO 10. Jänner 2008

Presslufthammer im Ohr

Im Jahr 1984, zwei Wochen nach einer Otosklerose-Operation, brach für den Musikprofessor Dr. Manfred Koller eine Welt zusammen: Von einem Moment auf den anderen erklang in seinem Ohr ein Presslufthammer. Diagnose: Tinnitus. Bei der Operation war der Epithelplatte des Steigbügels eine Fraktur zugefügt worden, in der Folge wurde Koller viermal operiert. Seine Professur an der Pä­dagogischen Akademie konnte er nur mit viel Selbstdisziplin bis zur Pension ausüben.

Zum Zeitpunkt der Erkrankung war Tinnitus noch wenig bekannt, daher initiierte der Musiker 1990 in Graz die erste Selbsthilfegruppe für Tinnitusbetroffene und löste damit eine kleine Lawine aus: „Nach Gründung der Selbsthilfegruppe verbreitete sich die Idee rasch über Österreich, und viele neue Mitglieder fanden den Weg zu uns – auch Menière-Patienten und Menschen mit Hörsturz.“ Um als juristische Person die Interessen der Erkrankten vertreten zu können, wurde 1998 ein gemeinnütziger Selbsthilfeverein gegründet, die Österreichische Tinnitusliga, mit zur Zeit 17 Selbsthilfegruppen in ganz Österreich.
Eines der Ziele der Liga ist die bessere sozialrechtliche Anerkennung des Tinnitus. Hier besteht großer Nachholbedarf, wie Dr. Koller erklärt: „Tinnitus bringt meist zehn Prozent Grad der Behinderung (GdB) beziehungsweise Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE). In Deutschland ist das gerechter geregelt.“ Auch wünscht sich der Präsident der Tinnitusliga mehr sachverständige HNO-Ärzte. Denn die Sozialgerichte haben keine Zeit für einzelne Tinnitusfälle. „Die Richter haben fünf bis zehn Minuten für so einen Fall“, so Koller, „engagierte und versierte Gutachter wären hier eine große Hilfe für Patienten und Gerichte.“
Koller ist immer dankbar, wenn Ärzte mit der Liga zusammenarbeiten. Dadurch könne die Ärzteschaft entlastet werden, oft sei wenig Zeit für lange Gespräche vorhanden: „Tinnituspatienten sind oft sehr gesprächsbedürftig, gleichzeitig ist Tinnitus ein Problem, bei dem mancher HNO-Arzt einmal nicht weiter weiß.“ Dabei gibt es laut Koller viele Fälle, bei denen man noch „etwas machen“ könne. Aber eben nicht durch eine einfache Spritze oder eine Infusionskur, sondern durch psychologische und psychotherapeutische Behandlung und das Erlernen von Entspannungstechniken.
Zur Fortbildung von interessierter Therapeuten veranstaltet die ÖTL von 1. bis 3. Mai 2008 in Graz ein Symposium unter dem Titel „Tinnitus, Hyperakusis, Morbus Menière – SOS von Körper und Seele?“. Unter den Vortragenden sind Frau Dr. Brigit Mazurek, Leiterin des Tinnituszentrums an der Charité Berlin, Dr. Gerald Hesse, Leiter der renommierten Tinnitusklinik Bad Arolsen in Deutschland, und Oberarzt Dr. Helmut Schaaf, selbst Menière-Patient. Ebenso zu Gast die klinische Psychologin Dr. Karoline Greimel, welche die Tinnitus­ambulanz am LKH Salzburg leitet.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 1/2008

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