zur Navigation zum Inhalt
 
HNO 5. Juni 2007

Tinnitus: Seriöser Umgang ist wichtig

Gerade bei subakutem und chronischem Tinnitus ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit wichtig. Zum Thema andauernde Ohrgeräusche wäre sowohl bei der Bevölkerung als auch bei Ärzten mehr Aufklärung nötig.

„Es ist davon auszugehen, dass zehn bis zwölf Prozent der Steirer dauerhaft von Ohrgeräuschen betroffen sind“, aus der Sicht des Grazer Allgemeinmediziner Dr. Johann Fuchs lassen sich diese Zahlen auch auf Österreich übertragen. Tinnitus hätte sich somit zu einer Art Volksleiden entwickelt. Denn rund 40 Prozent der Bevölkerung würden zumindest einmal im Leben Ohrgeräusche feststellen. „Bei älteren Menschen gehen Studien davon aus, dass sogar ein Drittel ständig unter Tinnitus leidet“, so Fuchs.
Prof. Dr. Patrick Zorowka, Leiter der klinischen Abteilung für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen auf der Medizinischen Universität Innsbruck, hält den Ausdruck „Volksleiden“ für überzogen: „Etwa acht Prozent der Bevölkerung hat Schlafprobleme durch Ohrgeräusche, knapp drei Prozent sind tatsächlich von einem schwerwiegenden Tinnitus betroffen.“

Viele mögliche Auslöser

Eine Zunahme der Fälle ortet Zorowka aber genauso wie Fuchs bei Jugendlichen – „hier sind oft laute Musik wie auf einem Konzert, Silvesterböller oder der ständige Einsatz von tragbaren Musikgeräten der Auslöser.“ Die Bandbreite der Ursachen ist laut Zorowka sehr breit: „Dies können eben einmalige Hörtraumata bzw. ein Hörsturz sein, es gibt aber auch Zusammenhänge mit Problemen im Stütz- und Bewegungsapparat bzw. mit den Kiefergelenken.“ Umso wichtiger sei die genaue Abklärung des Problems. Eine ebenfalls wachsende Gruppe der Betroffenen sei „jene der sogenannten Erfolgsmenschen. Manager, im mittleren Alter, bei denen sich Stress und wachsender Druck auf die Ohren schlägt“, meint Fuchs. Mit dem Begriff „Stress“ empfiehlt Zoworka hingegen sehr differenziert umzugehen, denn „Stress haben wir alle – und es gibt eine sehr große Bandbreite an Krankheiten, die inzwischen mit dem Schlagwort ‚starker Stress’ in fast unmittelbaren Zusammenhang gebracht werden.“ Natürlich könnten ständige Belastungen Tinnitus begünstigen – aber hier gehe es dann auch um die Frage, wie jemand generell damit umgeht.

Chronisch oder akut ist für die Therapie belangreich

„Entscheidend ist bei der Abklärung die Differenzierung, ob es sich um einen akuten Tinnitus handelt, der innerhalb von etwa 48 Stunden verschwindet, um einen subakuten Tinnitus, der länger als ein halbes Jahr vorhanden ist, oder einen noch länger andauernden chronischen Tinnitus.“ Denn entsprechend differenziert müsse auch die Kombination aus medizinischer Behandlung und psychologischer bzw. psychotherapeutischer Betreuung sein. Beim akuten Tinnitus steht der medikamentöse Aspekt im Vordergrund, aber auch hier kann die umfassende Beratung wichtig sein. Beim subakuten oder chronischen Tinnitus geht es vor allem um den beratenden Aspekt und darum, mit diesem Gesundheitsproblem leben zu lernen. Entsprechend intensiv sollte auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Haus-und Facharzt bzw. Psychologen und Psychotherapeut sein. „Wird nur auf die medikamentöse Schiene gesetzt, besteht die Gefahr, dass der Patient sehr stark nach innen fokussiert, wann und wie das Mittel wirkt – so wird der Teufelskreis nur angetrieben“, ergänzt Zoworka.
Wichtig sei jedenfalls eine vertiefende Tinnitus-Aufklärung, sowohl innerhalb der Bevölkerung als auch bei den behandelnden Ärzten. So werden etwa in Tirol Fortbildungen für Ärzte angeboten.
„Ein großes Problem bei der Erkrankung ist, dass viele Patienten mit ihren Beschwerden sehr lange nicht ernst genommen werden“, merkt Zorowka kritisch an. So kommen auch an das von ihm geleitete Zentrum Patienten, die schon viele ärztliche „Stationen“ hinter sich haben bzw. eine unnötig lange Leidensgeschichte sowie oft von starken psychischen und psychosozialen Problemen betroffen sind. Oft würden Patienten auch Unsummen „für sehr zweifelhafte Angebote ausgeben“ – umso wichtiger ist für Zoworka, dass der Arzt Hörgeräusche auf jeden Fall ernst nimmt und abklärt.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 23/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben