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HNO 31. Jänner 2007

Gift in der Kehle bringt hörbare Verbesserung

In den Kehlkopf appliziertes Neurotoxin ist bei spasmodischer Dysphonie die einzige Option für eine mehrere Monate anhaltende Heilung.

Die Stimmbildung ist ein komplexes Zusammenspiel zwischen bindegewebig-muskulären, knorpeligen, nervalen und epithelialen Anteilen des Larynx. Bereits geringste Unstimmigkeiten im Gefüge führen zu einer deutlich wahrnehmbaren Beeinträchtigung der Stimme und somit zur Dysphonie. Funktionelle Dysphonien werden auf multifaktorielle Ursachen zurückgeführt, wobei eine besonders schwere Form die spasmodische Dysphonie (SD) darstellt.
Die Betroffenen sind bereits mit wenig Übung deutlich erkennbar, erklärte Prof. DDr. Wolfgang Bigenzahn, Vorsitzender der Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten gegenüber der ÄRZTE WOCHE. Sie sprechen angespannt, gequetscht und sakkadierend. Dabei können sich knarrende Stimmeinsätze in schweren Fällen mit Stimmverlust abwechseln. Sind zudem die Muskeln von Hals, Atemmuskulatur und Kehle extrem angespannt, so wird diese Form als Adduktortyp bezeichnet. Werden die Stimmbänder hingegen auseinander gezogen, kann eine Dysphonie vom selteneren Abduktortyp angenommen werden. Auch hier hat die Stimme eine charakteristische Note: Sie klingt flüsternd und verhaucht. Emotionale Lautäußerungen wie Singen, Lachen oder Weinen klingen hingegen völlig unbeeinflusst.

Stumme Patientenkarrieren

Die SD hat naturgemäß auch eine soziale Komponente, denn bei schweren Formen bauen sich Kommunikationshürden auf, die den Patienten schließlich in die Isolation treiben. Ein weiteres Problem ist die Diagnose: Häufig laufen die Betroffenen erfolglos von einem Arzt, Logopäden oder Sprachtherapeuten zum anderen. Nur wenige Ärzte können die an sich typische Sprachverzerrung richtig zuordnen.
Bei der SD handelt es sich um eine neurologische Störung mit unbekannter Ursache. Die unwillkürlichen Muskelanspannungen können zwar nicht dauerhaft geheilt werden, jedoch ermöglicht eine Injektionstherapie mit Botulinumtoxin eine temporäre Genesung. „Das ist heute in den Universitätskliniken in Wien, Graz und Innsbruck Routine“, erläuterte Bigenzahn. „Die Therapie wird beim sitzenden Patienten unter Lokalanästhesie vorgenommen. Eine genau definierte Toxinmenge wird auf die Diagnose abgestimmt und muss exakt im Larynx positioniert werden.“
Das Botulinumtoxin wirkt, indem es die Acetylcholinfreisetzung auf der präsynaptischen Membran der muskulären Endplatte irreversibel blockiert, was letztlich dem Bild einer Denervierung entspricht. Der Einsatz des Toxins ist laut Bigenzahn sicher. Im Verlauf des Eingriffes schiebt der Therapeut eine dünne Spezialnadel von außen durch die Haut oder transoral unter lupenendoskopischer Kontrolle bis ins Kehlkopfinnere und tastet sich zur lokalen Muskulatur vor. Dabei kann die Nadel auch als Elektrode verwendet werden, was eine elekromyographische Kontrolle ermöglicht. Bigenzahn: „Bei entsprechender Erfahrung sind Nebenwirkungen wie etwa Schluckstörungen oder Hustenreiz praktisch auszuschließen. Die Wirkung hält in der Regel zwischen drei bis sechs Monate an. In seltenen Fällen sogar länger, ich kenne Patienten, die nach einer Behandlung zwei Jahre später noch beschwerdefrei waren.“

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