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HNO 9. Jänner 2007

Plötzlicher Hörverlust: Keine Zeit verlieren!

Die Diagnose des Hörsturzes wird in erster Linie durch den Ausschluss einer symptomatischen Hörstörung bestimmt. Wichtigste Hilfsmittel sind hierbei Stimmgabel und Tonaudiogramm. Über die Frage der besten Therapiemethode wird noch gerungen. Als Grundkonsens gilt jedoch: der Hörsturz ist ein Eilfall.

Unter Hörsturz versteht man eine ohne erkennbare Ursache plötzlich auftretende, in der Regel einseitige Schallempfindungsschwerhörigkeit kochleärer Genese von unterschiedlichem Schweregrad bis zur Ertaubung. Neben der Innenohrschwerhörigkeit können Ohrgeräusche (bis zu 70 Prozent), Schwindel und Übelkeit (etwa 30 Prozent) begleitend vorhanden sein. Weitere Kennzeichen sind Druckgefühl und andere lokale Missempfindungen (etwa 50 Prozent), Verzerrungseffekte sowie Verlust des Richtungshörens.
Die Häufigkeit des Hörsturzes wird mit 20 bis 50 Neuerkrankungen auf rund 100.000 Einwohner pro Jahr angegeben. Bei fünf bis zehn Prozent der Patienten kommt es zu rezidivierenden Hörstürzen, beidseitige Hörstürze kommen in etwa vier Prozent vor.
Gerade in der letzten Zeit ist das Thema Hörsturz erneut in den Mittelpunkt des Interesses geraten, vornehmlich aus zwei Gründen: Einerseits entstand der Eindruck, dass die Häufigkeit dieses Krankheitsbildes zunimmt und andererseits, weil die Therapie des Hörsturzes nach wie vor umstritten ist.

Expertenstreit über Therapie

In der Tat gibt es kaum ein Krankheitsbild im HNO-Gebiet, bei dem so unterschiedliche Auffassungen und Standpunkte über den richtigen Behandlungszeitpunkt bzw. die richtige Behandlungsweise diskutiert werden.
Der Grund liegt darin, dass der Hörsturz als plötzliche idiopathische Funktionsstörung des Innenohres weder ätiologisch noch pathophysiologisch vollständig geklärt ist. Obwohl als „therapeutischer Eilfall“ akzeptiert, steht weiterhin die Frage nach einer adäquaten medikamentösen Therapie und des rechtzeitigen Behandlungsbeginns im Kontrast zur zweifellos nicht ganz unberechtigten Auffassung, der akute Hörsturz bedürfte überhaupt keiner Behandlung, da er sich spontan normalisieren würde.

Otoskopie, Stimmgabel und Tonaudiogramm

Die Diagnose „Hörsturz“ wird letztlich durch den Ausschluss einer symptomatischen Hörstörung gestellt. Oft wird der Hörsturz mit einer Schallleitungsschwerhörigkeit bzw. Mittelohrschwerhörigkeit (Tubenbelüftungsstörung, Zerumenpropf) oder einer Altersschwerhörigkeit verwechselt. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen einer Schallleitungs- und einer Schallempfindungsschwerhörigkeit, da sich diese hinsichtlich ihrer Therapie und Prognose wesentlich unterscheiden. Die wichtigsten diagnostischen Mittel sind die Otoskopie bzw. Ohrmikroskopie, die Stimmgabelprüfung und das Tonaudiogramm.
Der Hörsturz kann als begleitendes Symptom bei vielen Erkrankungen auftreten (siehe Kasten 1). Ferner müssen medikamentöstoxische Ursachen und Drogeneinflüsse ausgeschlossen werden. Für die Früherkennung von Akustikusneurinomen, die in drei bis fünf Prozent plötzliche Hörverluste verursachen, ist heute die Kernspintomographie das Mittel der Wahl. Für die nicht-invasive Gefäßdiagnostik hat sich die farbkodierte Dupplex-Sonographie durchgesetzt. Allgemeine Risikofaktoren neben Stress sind Nikotinabusus, Hypertonie, Hypotonie, Diabetes, Adipositas und hohe Fibrinogenspiegel.

 Kasten 1

Therapieeinleitung parallel zur Diagnose

Ziel der therapeutischen Bemühung ist die möglichst rasche Wiederherstellung des Hörvermögens. Obwohl zahllose Therapieempfehlungen existieren, gibt es hierzu nur wenig Plazebo-kontrollierte Studien. Es ist geltende Lehrmeinung, dass der Hörsturz als therapeutischer Eilfall zu bezeichnen ist, und dass im Allgemeinen die beste Aussicht auf eine (vollständige) Erholung des Hörvermögens besteht, wenn eine Behandlung möglichst ohne Verzögerungen begonnen wird. Da die umfangreiche Ausschlussdiagnostik Zeit beansprucht, sollten Therapieeinleitung und diagnostische Abklärung im Idealfall parallel erfolgen. Die Behandlungsstrategie orientiert sich möglichst an der Ursache des Hörsturzes. Die dabei geltenden allgemeinen Grundprinzipien werden in Kasten 2 beschrieben.
Fazit: Eine Hörstörung stellt für den Patienten eine beträchtliche Beeinträchtigung dar, die in unserer kommunikationsbetonten Zeit zu einer erheblichen Behinderung führt. Da für den Einzelfall keine erkennbaren Kriterien für eine Spontanerholung existieren, sollte in der Regel möglichst bald eine Therapie eingeleitet werden. Als Standardtherapie hat sich heute die Hämodilutionstherapie in Kombination mit rheologisch wirksamen Pharmaka sowie Glukokortikoiden durchgesetzt.
Bei informierten Patienten und geringfügigen Hörverlusten ohne Beeinträchtigung des sozialen Gehörs kann einige Tage lang eine spontane Remission abgewartet werden. Bei ausgeprägtem Hörverlust, vorgeschädigten Ohren sowie bei zusätzlichen vestibulären Symptomen (Schwindel) und/oder Ohrgeräuschen ist eine abwartende Wartung nicht indiziert.

 Kasten 2:

Patienten informieren

Wie Gerichtsverfahren nach fehlender Remission zeigen, sollte gerade im Hinblick auf die therapeutischen Unsicherheiten das jeweilige diagnostische und therapeutische Vorgehen mit den Patienten nicht nur ausführlich besprochen, sondern auch sorgfältig dokumentiert werden.

Prof. Dr. Klaus Albegger, Vorstand der Universitätsklinik
für Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten, Kopf- und Halschirurgie,
Paracelsus Medizinische Privatuniversität

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