zur Navigation zum Inhalt
 
HNO 27. Juni 2006

Wiederbelebte Schnecke

Ab einer bestimmten Schädigungsschwelle des Gehörs lässt sich eine Verstärkung des Resthörens mithilfe herkömmlicher Hörgeräte nicht mehr erreichen. Unter den richtigen Voraussetzungen kann ein Cochlea-Implantat (CI) eingepflanzt werden.

Die European Association of Cochlea Implant Users (EURO-CIU) ging anlässlich der neunten in der Wiener Hofburg im Juni stattfindenden „International Conference on Cochlear Implants and Related Sciences” in die Informations-Offensive. „Schwerhörigkeit und Taubheit sind noch immer ein Tabuthema. Wir brauchen endlich mehr Offenheit, um an alle heranzukommen, die von einem Cochlea-Implantat profitieren könnten. Obwohl das CI mitt­lerweile zu den etablierten medizinischen Techniken gehört, müssen wir ihr zunächst das Stigma nehmen“, beklagte der Präsident der Organisation, Dr. Gilles Cognat. Tatsächlich wurden bereits 110.000 Menschen weltweit mit der neuen Technik versorgt. Österreich schlägt mit rund 1.500 CI-Trägern zu Buche. Rechnet man diese Zahl auf die österreichische Bevölkerung um, kommen auf jeden CI-Träger rund 5.500 Menschen. Genug, um europaweit das beste Pro-Kopf-Ranking zu erreichen, zu wenig, um den Bedarf zu erfüllen. Prof. Dr. Jafar-Sasan Hamzavi von der HNO-Universitätsklinik des Wiener AKH: „Als Österreichs größtes Zentrum transplantieren wir jährlich an die 50 Einheiten, davon mehr als die Hälfte bei Kindern. Aber selbst wenn wir doppelt so viel schaffen würden, wäre das immer noch zu wenig!“

Kaum Auswirkungen auf das tägliche Leben

Das CI ist nur teilweise ein echtes Implantat. Der eingepflanzte Teil des Gerätes ist ein in die Hörschnecke eingefädeltes Elektrodenbündel. Weitere Komponenten befinden sich im Schädelknochen bzw. unter der Kopfhaut. Die Sendespule liegt der Kopfhaut auf, wo sie magnetisch fixiert wird. Die inneren CI-Anteile haben praktisch keinerlei Auswirkungen auf das tägliche Leben. Allerdings muss auf Untersuchungen mit einer Magnetresonanz-Tomographie verzichtet bzw. der CI-Magnet vorübergehend entfernt werden. An der Gehörmuschel befindet sich der externe Sprachprozessor, der beim Duschen oder Baden entfernt werden muss. Der Sprachprozessor übernimmt die Funktion des Schall­empfängers. Die mithilfe eines Mikrofons empfangenen Schallwellen werden dort digitalisiert und über die Sendespule zum Implantat weitergeleitet. Dieses stimuliert die in der Schnecke gelegenen Elektroden, von wo die elektrischen Impulse den Hörnerv erreichen und somit die geschädigte Innenohrfunktion überbrücken. Die mit einem CI provozierte Hör­empfindung lässt sich nicht direkt mit dem physiologischen Hören vergleichen. Das Ziel der Apparate ist, eine genügend gute Qualität der Spracherkennung zu erreichen.

Zeit als kostbares Gut

Unter den richtigen Voraussetzungen kann ein CI bei hochgradig schwerhörigen oder gehörlosen Kindern und bei ertaubten Erwachsenen Abhilfe schaffen. Gehörlose Kinder können das Hören noch erlernen, da sich anatomische und physiologische Strukturen, wie etwa das Hörzentrum, noch ausbilden können. Eine Hoffnung, die sich bei Erwachsenen als aussichtslos erweist. Daher empfehlen Experten eine frühe Operation, möglichst zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr, maximal im dritten. Dabei stoßen die Ärzte häufig auf skeptische Eltern, die fragen, ob die Technik wirklich schon die nötige Reife erreicht hat. Die Antwort der Experten und Medizintechniker ist bemerkenswert einhellig: Besser heute als morgen operieren! Da in den nächsten Jahren kein technischer Quantensprung zu erwartet ist, wäre unnotwendiges Warten bei Kindern eine verpasste Chance und bei Erwachsenen ein bedauernswerter Verlust an hörenden Jahren. Ing. Franz Jank, Präsident der Österreichischen Cochlea-Gesellschaft, betonte bei der Pressekonferenz, dass die Entscheidung für ein CI keine Entscheidung zugunsten der Technik, sondern des Hörens sei.

Individuelle Abklärung

Vor einer Operation müssen freilich noch diverse Aspekte berücksichtigt werden, vor allem medizinischer, logopädischer, pädaudiologischer und psychosozialer Natur. Eine Überprüfung dieser Vorgaben soll sicherstellen, dass nur die richtigen Patienten ein CI erhalten. Medizinische Fragestellungen, die zuvor audiologisch und radiologisch abgeklärt werden müssen, sind:

• Ausfall der Hörzellen im Innenohr (Gehörlosigkeit oder ein Restgehör, bei dem selbst optimale Hörsysteme keine oder nur sehr eingeschränkte Sprachverständlichkeit erfüllen).
• Anatomische Gegebenheiten für das Platzieren des Implantats, obwohl es mittlerweile technische Möglichkeiten gibt, ungeachtet von allfälligen Missbildungen bzw. Verknöcherungen das Gerät einzusetzen.
• Intakter und voll funktionsfähiger Hörnerv.
• Alter der Patienten: Kinder ab einem Jahr (Operationen im ersten Lebensjahr sind mithilfe eines Spezialteams allerdings möglich). Bei erwachsenen Patienten sollte der Hörverlust erst nach dem Spracherwerb eingesetzt haben und nicht länger als 15 Jahre zurückliegen.
• Flüssigkeitsgefüllte, passierbare Cochleagänge.

Wurden alle medizinischen Fragen ausgeräumt, stehen die Aufklärung des Patienten und seine Ängste im Vordergrund. In intensiven Gesprächen werden Chancen und Risiken individuell erörtert.

Sanft in die Welt der Geräusche gleiten

Etwa einen Monat nach der zwei- bis vierstündigen Operation werden den Patienten erstmals die externen Sprachprozessoren angelegt. Damit beginnt die individuelle Anpassungsperiode. Gerade Erwachsene müssen lernen, die wieder erlangten Höreindrücke richtig zuzuordnen, wobei der Erfolg von mehreren Einflüssen abhängt. Neben der persönlichen Begabung und dem Ausmaß des restlichen Hörvermögens sind die geduldigen Sitzungen mit dem Audiologen entscheidend. „Das erfolgreiche Hören hängt nicht nur von dem gelungenen chirurgischen Eingriff ab. Erst mithilfe der danach folgenden logopädischen Trainingseinheiten kann das Maximum aus der Therapie herausgeholt werden. Dafür steht am Ende die volle Integration und Selbstständigkeit“, erklärte Franz Jank. Wichtig sei es aber auch, Informationen von Menschen zu bekommen, die in einer ähnlichen Situation steckten und mit vergleichbaren Problemen zu kämpfen hätten, betont Gabriele Thierbach von der Schweizer Initiative „Ich möchte hören“. Thierbach: „Dabei können Selbsthilfegruppen wertvolle Hilfe bieten. Nicht nur mit Tipps, sondern auch mit gegenseitiger Unterstützung.“ HNO-Arzt Hamzavi verweist auf die berührendsten Augenblicke in seinem klinischen Alltagsleben: „Momente, in denen man ein gehörloses Kind zum ersten Mal ‚Mama‘ oder ‚Papa‘ sagen hört, vergisst man nie!“ Der erste Schritt zur sprachlichen Kommunikation scheint das Ende einer drohenden Isolation zu sein, denn ohne Gehör gestaltet sich das soziale Leben schwieriger. Und schon der deutsche Philosoph Immanuel Kant bemerkte treffend: „Nicht sehen trennt von den Dingen. Nicht hören trennt von den Menschen.“

 detail

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben