zur Navigation zum Inhalt
 
HNO 3. Mai 2006

Kombinierte Hörstörungen operabel

Anfang April dieses Jahres wurde erstmals im Wiener AKH mittels einer neuen Operationstechnik ein implantierbares Hörgerät bei einer 64-jährigen Patientin eingesetzt. Die innovative Technik gibt Menschen mit kombinierten Hörstörungen, die auf chirurgischem Weg nicht behandelt werden konnten, neue Hoffnung. Prof. Dr. Wolf-Dietrich Baumgartner, der die OP durchführte, beschreibt das Procedere.

An der Wiener Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten am Allgemeinen Krankenhaus Wien konnten wir mithilfe einer neuen Operationstechnik ein implantierbares Hörgerät einsetzen. Das System selbst ist für kombinierte Hörstörungen konzipiert, welche bis dato chirurgisch nicht adäquat behandelbar waren, sondern lediglich insuffizient mit Hörgeräten oder überhaupt nicht versorgt werden konnten. Kombinierte Hörstörungen sind Erkrankungen des Gehörsinnes, bei denen sowohl die Schallleitung als auch die Schallempfindung des Patienten beeinträchtigt sind. Beispiele hierfür wären eine fortgeschrittene Otosklerose oder bereits mehrfach erfolglos konventionell voroperierte Ohren (chronische Entzündungen, Stapesplastiken), bei denen über die Jahre hinweg eine zusätzliche cochleäre (sensorineurale) Komponente hinzugekommen ist.

Überbrückung der Gehörknöchelchenkette

Durch die Befestigung des modifizierten Vibrant Soundbridge® Implantates mit direkter operativer Ankoppelung am runden Fenster beziehungsweise am Promontorium (knochige Vorwölbung, die durch die unterste Schneckenwindung verursacht wird) oder in der Nähe der (eventuell noch vorhandenen) Steigbügelfußplatte kann einerseits die geschädigte Gehörknöchelchenkette überbrückt und andererseits zusätzlich das noch vorhandene Restgehör des Innenohres verstärkt werden. Im Indikationsbereich der Operation liegen cochleäre Schädigungen von bis zu 80 db(A) bei 1.000 Hz. Der etwa 90-minütige Eingriff erfolgte in Lokalanästhesie. Bis dato wurden insgesamt sechs Patienten auf diese Weise erfolgreich mit dem Hörsystem versorgt. Die Patienten im Alter zwischen 26 und 66 Jahren konnten den Operationsfortgang akustisch mitverfolgen. Das Implantat wurde bereits während der Operation nach den Wünschen und Erfordernissen der Patienten programmiert. So können beispielsweise verschiedene Musikstücke oder Texte während des Eingriffes direkt über das Implantat ins Ohr eingespielt werden.

Verlustfreie Schallübertragung

Mit dieser neuartigen OP Technik und der Vibrant Soundbridge® können nunmehr Hörstörungen behoben werden, die bisher als nicht behandelbar galten. Die Benennung des Eingriffes als Vibroplasty (so genannte Vibrations-stimulation am Innenohr) erfolgte in Analogie zur bisherigen konventionellen Stapesplastik (engl. Stapesplasty). Durch die Vibroplasty erfolgt die verlustfreie Übertragung der Schallsignale im Frequenzgang von 125 Hz bis 8.000 Hz unter Umgehung der Gehörknöchelchenkette direkt an die schallleitenden Strukturen des Innenohres. Alle sechs bisher versorgten Patienten sind wohlauf und deren Implantate voll funktionsfähig. Die Implantatkosten in der Höhe von 9.000 Euro pro Stück werden derzeit in Rahmen einer EU-Multicenterstudie von der Herstellerfirma übernommen.

Prof. Baumgartner ist Kongresspräsident und Veranstalter der von 14. bis 17. Juni 2006 in der Wiener Hofburg stattfindenden 9th International Conference on Cochlear Implants and Related Sciences, des alle zwei Jahre auf alternierenden Kontinenten stattfindenden Weltkongresses auf diesem Wissenschafts- und Forschungsgebiet.

Doz. Dr. Wolf-Dieter Baumgartner, Ärzte Woche 18/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben