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HNO 17. Jänner 2006

Den Feind zum Freund machen

Das Phänomen ständigen Klingelns, Brummens oder Pfeifens im Ohr ohne äußere Lärmquelle ist nicht neu, schon Martin Luther klagte darüber. Neu ist hingegen, dass in den letzten Jahren eine geradezu sprunghafte Zunahme zu verzeichnen ist.

Den HNO-Facharzt Dr. Claus Despineux aus dem oberösterreichischen Gallneukirchen überrascht es nicht, dass immer mehr Menschen unter Tinnitus (tinnire = klingeln, lateinisch) leiden. Hat der Mensch doch heutzutage einfach zu viel um die Ohren, einmal infolge des gestiegenen Lärm­pegels – „vor hundert Jahren, vor der Industrialisierung, lebten die Menschen noch gleichsam in der Stille“ –, und zum anderen durch den gestiegenen Stress – „unsere Ohren sind immer auf Aufnahme gestellt, wenn Stresshormone ausgeschüttet werden, reagieren sie mit besonderer Wachsamkeit, so ist es kein Zufall, dass Stress gerade unserem Hörsystem zusetzt.“ Einst wurde Tinnitus als typisches „Altersleiden“ klassifiziert, heute liegt das Durchschnittsalter der Betroffenen bei unter 40 Jahren.

Zur Ruhe finden

Akuter Tinnitus ist für viele Kliniken ein Grund zur stationären Aufnahme. Der Patient erhält in der Regel durchblutungsfördernde Infusionen, und bei jedem zweiten verschwindet das Ohrengeräusch auch tatsächlich wieder. Eine beachtliche Erfolgsrate, viele Experten führen sie allerdings weniger auf die Infusions-Behandlung zurück, die im Übrigen in den USA und den skandinavischen Ländern gar nicht angewandt wird, als vielmehr auf den Umstand, dass der Patient temporär aus seinem gewohnten familiären und beruflichen Umfeld herausgenommen wird und wieder zur Ruhe finden kann. Denn nach Erkenntnissen der Österreichischen Tinnitus-Liga ist der Tinnitus-Patient auffallend oft „arbeitsam, zuverlässig, strebsam, ehrgeizig, erfolgreich und unermüdlich im Einsatz“ – kurz: typisch für ihn ist, dass er sich kaum einmal eine Pause gönnt. Spricht man von Tinnitus, so meint man in der Regel den „chronischen dekompensierten Tinnitus“. Chronisch bedeutet, dass er schon mindestens ein halbes Jahr andauert, und dekompensiert, dass für den Betroffenen das ständige Geräusch im Ohr (manchmal auch in beiden, manchmal auch im Kopf) eine Last, wenn nicht sogar eine Qual ist, die Depressionen, Schlaf- und Konzentrationsprobleme, ja unter Umständen auch Erwerbsunfähigkeit zur Folge haben kann. „Da kann man nichts machen“, sagen immer noch viele HNO-Ärzte ihren Patienten, wenn die Akut-Behandlung zu keiner Besserung führte. Tatsächlich: Die Wunderpille, die das Ohrensausen umgehend zum Verschwinden bringt, ist noch nicht erfunden. Doch das heißt nicht, dass nichts mehr getan werden könnte. Es muss nur das Ziel neu definiert werden: Es darf nicht länger lauten, gegen den Tinnitus anzukämpfen, denn in diesem Duell wird der Betroffene garantiert der Unterlegene bleiben. Es muss vielmehr heißen, lernen, damit zu leben. Ihn in den normalen Alltag zu integrieren, ihn zu akzeptieren. Kurzum: den dekompensierten Tinnitus in einen kompensierten umzuwandeln. Für den Betroffenen ist wichtig, dass das dauernde Hintergrundrauschen seinen marternden Charakter verliert und nicht mehr alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im Grunde ist es ja auch gar nicht das Geräusch, das stört, es ist vielmehr die eigene Wertung als „Bedrohung” und „Qual”, mit dem der Leidende sich das Leben selber schwer macht. Denn: Das Rauschen im Ohr kann sich genauso anhören wie das von einem Wasserfall, mit dem entscheidenden Unterschied, dass es im einen Fall als störend interpretiert wird, im anderen dagegen vielleicht gar als beruhigend. Der Tinnitus-Pa-tient muss lernen, eine größere Gelassenheit gegenüber seinem Ohrgeräusch zu entwickeln: Er muss den Feind zum Freund machen.
Das ist freilich leichter gesagt als getan. Der Arzt hat kein einfaches Mittel in der Hand, deshalb liegt die Verantwortung beim Patienten selbst. Eine wertvolle Hilfe bieten die Tinnitus-Selbsthilfegruppen, von denen es 17 in ganz Österreich gibt. Der Arzt füllt eher die Rolle des Beraters und Begleiters aus. Er kann mit dem Patienten mögliche Ursachen ergründen und einen individuellen Behandlungsplan erstellen.

Damit leben lernen

Dem einen mag helfen, mit Entspannungsübungen zu mehr Ruhe zu finden. Dem anderen, mit psychotherapeutischer Hilfe seelische Konflikte aufzuarbeiten und die Folgeerkrankungen besser in den Griff zu bekommen. Und dem dritten, mit „Noisern”, Rauschgeräten, die fehlgeleitete Konzentration wieder rückgängig zu machen. Es ist freilich auch möglich, alle drei Ansätze zu kombinieren. In diese Richtung zielt etwa die so genannte Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT), deren Finanzierung erst vor kurzem vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger allen Krankenkassen empfohlen wurde. Dieses relativ neue Verfahren hat eine Erfolgsquote von 70 Prozent, so Despineux, einer ihrer Proponenten. Erfolg heißt in diesem Fall nicht unbedingt, dass das Ohrengeräusch völlig verschwindet, aber dass der Betroffene mit ihm zu leben gelernt hat. Die Therapie dauert immerhin bis zu 18 Monate. Die schnelle Heilung gibt es bei Tinnitus eben nicht.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 3/2006

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