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Uwe E. Berger, MBA, Leiter des Österreichischen Pollenwarndienstes
© blickwinkel / picture alliance

Der Klimawandel bewirkt eineVeränderung der saisonalen Dauer derPollenbelastung.

 
HNO 19. Juni 2017

Die Erderwärmung ändert alles

Umweltmedizin. Schadstoffe scheinen das Auftreten allergischer Erkrankungen zu begünstigen. So können beispielsweise Reizgase wie Ozon und Stickoxide eine chronische Entzündung der Atemwege verursachen und damit den Weg für allergische Reaktionen ebnen.

Der Leiter des Österreichischen Pollenwarndienstes und der Forschungsgruppe „Aerobiologie und Polleninformation“ an der Medizinischen Universität Wien, Uwe E. Berger, MBA, erklärt, dass der durch Luftverschmutzung auf Pflanzen ausgeübte Stress Veränderungen verursacht, die Pollen zwar allergener, jedoch nicht aggressiver werden lassen. Dadurch könnten Pflanzen mehr Eiweiße und somit potenzielle Allergene bilden. Zusätzlich würden Ozon und Stickoxide die Eiweiße in Pollenkörnern nitrieren und diese damit allergener machen.

Asthmarisiko von Pollenallergikern

Allergisches Asthma ist mit 70 Prozent die häufigste Form von Asthma. Berger gibt zu bedenken, dass sich Pollenallergiker der Gefahr von Asthma unbedingt bewusst sein sollten, da durch den Etagenwechsel 25 bis 40 Prozent aller unbehandelten Pollenallergiker im Laufe ihres Lebens allergisches Asthma entwickeln würden.

Asthma habe allergische und nicht-allergische Auslöser, wobei auch Mischformen vorkommen würden. „Da sowohl Allergien als auch Asthma familiär gehäuft auftreten, spielt auch die Genetik bei der Krankheitsentstehung eine Rolle“, weiß der Aerobiologe. Allerdings besäßen auch Umweltfaktoren eine große Bedeutung. So werde das Erkrankungsrisiko beispielsweise durch Rauchen sowie übertriebene Hygienemaßnahmen oder virale Infekte verstärkt.

Klima beeinflusst Pollenbelastung

Da vollkommen unklar sei, wie der Klimawandel überhaupt genau ablaufen werde, seien unterschiedliche Szenarien für den Temperaturanstieg entwickelt worden. Die Ausbreitung und Blüte verschiedener Pflanzen hänge auch von Faktoren wie Lichtgenuss und Niederschlagsmengen ab. Je nachdem, was der Klimawandel genau bedeute, sei davon auszugehen, dass es „Gewinner“ und „Verlierer“ geben werde. Manche Pflanzen würden sich weiter ausbreiten können und dann eventuell mehr Pollenallergiker betreffen, andere wiederum zurückgedrängt, so Bergers Zukunftsszenario.

Der Klimawandel bewirke abhängig von der jeweiligen Region eine Veränderung der Längezeiten der Pollenbelastung. Dies dürfte aber nicht nur negative Auswirkungen auf Pollenallergiker haben. So würden beispielsweise Allergiker in mediterranen Regionen vom Temperaturanstieg profitieren. In Zentraleuropa werde die Pollensaison hingegen zunehmend länger und intensiver.

Profiteure höherer Temperaturen

„Das Auftreten von Ragweed könnte sich mit höheren Temperaturen weiter verbreiten“, befürchtet der Leiter des Pollenwarndienstes. Aktuell betreffe dies vor allem den Osten und Süden Österreichs. Allerdings benötige Ragweed sowohl eine gewisse Niederschlagsmenge als auch Lichtgenuss. „Ein heißer, trockener Sommer wie im Jahr 2015 drängt die Pflanzen zurück. Damals sind in Österreich die lokalen Pflanzen oftmals vertrocknet“, sagt Berger.

Psychosomatische Komponente

„Wie bei vielen Erkrankungen spielt die Psyche auch bei der Pollenallergie eine Rolle, wobei individuelle Unterschiede beeinflussen, wie groß die psychosomatische Komponente sein kann“, erläutert Berger. Dass bei der Entwicklung von Allergien auch eine psychosomatische Komponente mit dabei sein könne, sei jedenfalls unbestritten. Pollenallergiker würden immer wieder berichten, dass eine psychische Belastung zur Verschlimmerung der Beschwerden beitrage.

Das Ausmaß der Gräserblüte und vor allem das Zusammenspiel der Blüte einzelner Gräserarten unterscheidet sich laut Berger von Jahr zu Jahr. Es sei daher wichtig, nicht nur die die je nach Saison unterschiedliche Pollenkonzentrationen zu beachten, sondern auch das „Rundherum“. Es gelte zu beobachten, was wann in der Wiese blühe. Schließlich herrsche in der Gräserpollensaison ein hohes Maß an Variabilität vor. Man müsse eruieren, welche Arten profitiert und sich in der Saison stärker verbreitet haben. Zudem sei es erforderlich herausfinden, welche Arten wann und mit welchen anderen Arten zeitgleich blühen.

„Nicht jeder Gräserpollenallergiker leidet an jeder Grasblüte. Mitunter reagieren einzelne Gräserpollenallergiker spezifisch auf ihren Mix von Gräsern oder nur einzelne Arten“, erklärte Berger.

Individuelles Reaktionsmuster

Da alle Pollenallergiker ein eigenes Reaktionsmuster besäßen, welches sich zudem von Jahr zu Jahr bzw. sogar während der Saison ändere, sei auch die Blüte anderer allergener Pflanzen zur gleichen Zeit zu beachten, die durch Kreuzreaktion das Leiden verschlimmern können.

Der Pollenwarndienst folge seiner Mission „Allergenvermeidung“ und sehe sich „in der Pflicht bestmöglich wissenschaftlich fundiert zu informieren, aufzuklären und gleichzeitig die Vermeidung im Alltag zu erleichtern.“ Vor allem die Pollenvorhersage habe einen sehr hohen Stellenwert, erklärte Berger, der auch eine Ausbildung als Healthcare-Manager absolviert hat.

Mittlerweile biete der Pollenwarndienst eine Fülle von Werkzeugen wie eine Belastungseinstufung, Tagesbelastung sowie eine Belastungslandkarte, aber auch Europakarten zur Urlaubsplanung, Prognosekarten oder stündliche Vorhersagen, die das Vermeiden der höchsten Belastung ermöglichen. Auch wenn eine komplette Vermeidung von Allergenen im Alltag nicht umzusetzen sei, könnten Berger zufolge selbst kleine Änderungen einen großen Unterschied machen.

Berger empfiehlt vor allem Staubsauger mit HEPA-Filter, Luftfilter, das Verlegen von sportlichen Aktivitäten an bestimmte Orte und Zeitpunkte, das Planen von Spaziergängen und Ausflüge.

Lange hat man Allergien nicht ernst genommen und immer noch werden sie gerne auf die leichte Schulter genommen.

 

Kerstin Huber-Eibl

, Ärzte Woche 25/2017

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