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HNO 23. November 2005

Anthelixplastik ohne formende Nähte

Die Idee, bei abstehenden Ohren eine selbständige Biegung des Ohrknorpels durch Ritzen zu erreichen, wurde bereits 1938 veröffentlicht. Dr. Hermann Raunig, HNO-Facharzt aus Spittal an der Drau, setzt als Erster seit 2001 eine einfache Technik der biomechanischen Umformung des Ohrknorpels ein.

Abstehende Ohren sind nicht nur ein Problem, das Kinder betrifft, auch viele Erwachsene wollen heute nicht mehr mit dieser für sie belastenden Situation leben und suchen ärztliche Hilfe. Traditionell ist das fünfte Lebensjahr der beste Zeitpunkt, abstehende Ohren zu operieren, weil mit diesem Alter die Ohrmuschel schon etwa 90 Prozent ihrer endgültigen Größe erreicht hat. „Bei den traditionellen Ohrmuschelplastiken gibt es mehrere Probleme: Das sind einerseits die Nähte, die noch nach Jahren herauskommen können, und andererseits Schnitte im Ohrmuschelknorpel, die sich als scharfe Kanten auf der Vorderseite durchdrücken oder, wenn nicht sauber geschnitten wurde, sogar als Unregelmäßigkeiten erscheinen“, erklärt Raunig. Außerdem mache die konventionelle Methode auch Narben an der Rückseite der Ohrmuschel. „Der alte Grundgedanke, die biomechanischen Eigenschaften des Ohrknorpels zu nutzen, hat sich nie richtig durchgesetzt, weil immer die falschen Instrumente verwendet wurden. Früher herrschte die Meinung vor, dass der Knorpel geritzt werden müsse, damit er sich biegt. Er biegt sich damit schon, aber nicht ideal“, meint der Spezialist. „Es ist nicht das stärkere Instrument, das den besten Effekt bringt, also nicht das Skalpell, sondern die Diamantfeile. Früher hat man das Ohr von hinten aufgeschnitten und einen riesigen Zugang gemacht, um eine Kleinigkeit zu erreichen, heute kann man einen zwei Zentimeter langen Schnitt an einer verdeckten Stelle machen, und das mit einem wesentlich besseren Erfolg.“ Der Zugang zum Knorpel erfolgt bei der neuen Methode über einen kleinen Schnitt in der Scapha vor dem Crus superius über einen subperichondralen Tunnel entlang der neu zu bildenden Anthelix. Unter Berücksichtigung der Schlüsselpunkte der Ohrmuschelelastizität wird der Knorpel an der Vorderseite so lange gefeilt, bis sich die Ohrmuschel spannungsfrei in die gewünschte Form biegt. Der retroauriculäre Bereich bleibt dabei völlig unberührt. Das ist einer der Unterschiede zur traditionellen Technik, wo der Zugang meist retroauriculär erfolgte. Raunig: „Die Vorteile für den Patienten sind eine ungefähr 60-prozentige kürzere Anästhesiezeit, entweder in Allgemeinnarkose bei Kindern oder in Lokalanästhesie beim Erwachsenen, und damit gut 60 Prozent weniger Traumatisierung.“ Auch für den Operateur bedeutet diese Methode eine große Zeitersparnis.

Nachsorge entscheidet mit

Seit Jänner 2001 wurden schon über 320 Ohren mit dieser Methode erfolgreich operiert. „Bis jetzt hatte ich nur ein Rezidiv, bei einem Kind, wo die Mutter postoperativ vergaß, das Ohr zu kleben.“ Besonders wichtig ist bei der neuen Technik die Nachsorge. „Bei dieser Methode ist es mit der Operation alleine nicht getan, man muss die operierten Ohren in der neuen Form mit einem Klebeband fixieren“, betont der HNO-Facharzt. Sieben Tage postoperativ bleibt zuerst der Verband, danach muss das Ohr für zwei bis sechs Wochen am Helixrand mit einem Klebestreifen zum Mastoid nach hinten fixiert werden, damit der Heilungsprozess in dieser Position stattfinden kann. Raunig: „Ich kontrolliere das Klebeband zuerst wöchentlich, ob es richtig angebracht wurde, aber in 99 Prozent der Fälle machen das die Eltern nach einmaligem Erklären hervorragend.“ Die Patienten können nach der Verbandabnahme wieder duschen oder im Sommer baden gehen und brauchen auch kein Stirnband zu tragen wie bei der konventionellen Methode. Sie sind in keiner Weise im alltäglichen Leben eingeschränkt. Die Methode ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene geeignet und für nahezu jede Form des abstehenden Ohres. „Überall dort, wo man mit einer Wölbung allein ein zufrieden stellendes Ergebnis bekommt, macht die Methode Sinn, nicht jedoch bei einer extrem großen Cavum conchae Hyperplasie. Da ist sie nicht ideal geeignet, weil sich bei dieser Ohrform damit ein eher unnatürliches Aussehen ergibt“, so der Spezialist. Die Studie wurde im Journal der American Medical Association „Archives of Facial Plastic Surgery“ im Oktober publiziert. Diese Technik wird derzeit nur von Raunig im Krankenhaus Spittal an der Drau in Kärnten angewendet.

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