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HNO 9. November 2005

Den Schwindel in den Griff bekommen

Die Beschwerden sind häufig, und oft gehen sie von Veränderungen der Hals­wirbelsäule aus. Dann kann schon ein leichter chiropraktischer Impuls genügen, um das Problem nachhaltig zu beseitigen.

„Es war ein Gefühl, das ich bis dahin nur vom Ringelspiel kannte“, beschreibt die 35-jährige Grazerin den Moment, als sie das Gleichgewicht verlor und von Schwindel erfasst zu Boden ging. Der Neurologe, an den sie der praktische Arzt verwies, schloss aufgrund der Anamnese auf Lagerungsschwindel und empfahl vorerst Repositionsmanöver, Drehübungen, die den Vertigo anfangs tatsächlich reduzierten.
Nach kurzer Erholung wurden die Schwindelattacken allerdings wieder heftiger, sodass eine stationäre Betreuung an der HNO-Klinik des LKH Graz notwendig erschien. Nach genauer Anamnese, Gleichgewichtsuntersuchungen und Röntgen der Halswirbelsäule wurde schließlich der Manualmediziner zugezogen. Seine Diagnose: Blockaden des ersten und zweiten Halswirbels, des ersten Rippenbogens links sowie des Iliosakralgelenks. Der leichte chiropraktische Impuls, mit dem die Blockaden der Halswirbel behoben wurden, bewirkte, dass sich die Fehlstellung im Bereich des Schulterblatts quasi von selbst löste. Die anschließende Manipulation des IKS führte augenblicklich zu einer deutlichen Verbesserung.
„Du merkst sofort, es passt wieder“, beschreibt die zweifache Mutter die durch sanfte Manualtechnik erreichte Normalisierung der mit der Gelenksfunktion zusammenhängenden nervlichen Strukturen und Regionen, die sie nun mit gezielter Gymnastik aufrechterhalten will.

Direkte Nervenverbindungen

Die Halswirbelsäule, präzisiert Prof. Dr. Michael Moser, Leiter der Abteilung für Neurootologie am LKH Graz, sei in der HNO insofern von Bedeutung, als es direkte Nervenverbindungen zum Innenohr gibt: Verbindungen über den Hirnstamm, wo Bahnen, die das Gleichgewichtssystem unterstützen, umgeschaltet werden. Symptome wie Schwindel, Tinnitus, Hörstörungen, die mittlerweile zu den häufigsten Beschwerdebildern in der allgemeinmedizinischen Praxis zählen, können von der Halswirbelsäule kommen. Da die Zahl der Patientinnen und Patienten, deren Beschwerden mit der HWS im Zusammenhang stehen, seit Jahren wächst, hat man sich an der Grazer Klinik längst auf die Behandlung von Hörstörungen, Ohrgeräusche und Schwindel spezialisiert und dabei eine Zusammenarbeit mit Manualmedizinern begonnen: Mehr als 2.000 Fälle umfasst die Dokumentation von Dr. Heinz Mengemann über den Einsatz der manualmedizinischen Behandlung von Vertigo an der Grazer HNO-Klinik, die eine geringe Rezidivrate und hohe Effektivität belegt. Ehe Differenzialdiagnose und Manipulation die Beschwerdeerleichterung ermöglichen, durchlaufen die Betroffenen – das zeigen die Aufzeichnungen an der HNO ebenso wie einschlägige Internetforen – eine gleichermaßen anstrengende und langwierige wie frustrierende Untersuchungs-Odyssee.
Als häufigste Ursachen für Dreh-, Schwank-, Lagerungsschwindel nennt Moser traumatische Veränderungen der Halswirbelsäule, etwa nach einem Schleudertrauma oder Schwindelzustände als Folge von Operationen am Kopf, insbesondere am Ohr.
Die Interventionstechniken der Manualmedizin bewähren sich nachweislich auch bei degenerativen Veränderungen der Halswirbelsäule, die zivilisationsbedingt durch vorwiegend sitzende Lebensweise und Fehlhaltungen zunehmen. Das Schleppen schwerer Lasten, eine ungünstige Schlafposition, Sport auf hartem Boden und Ähnliches führen zu Schädigungen der Wirbelsäule und im Besonderen der Halswirbelsäule. Dazu kommen berufsbedingte Belastungen: ständige Erschütterungen, denen etwa Berufspiloten ausgesetzt sind, ungesunde Arm- und Kopfhaltung von Friseurinnen oder die falsche Sitzhaltung von Bildschirmarbeiterinnen. Zudem sei psychische Belastung eine ebenso häufige wie unterschätzte Ursache von Schwindelgefühlen und Hörstörungen, ergänzen die Grazer Mediziner.

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