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HNO 7. Oktober 2016

Kopf-Hals-Tumoren

Bestimmte Kopf-Hals- Tumoren werden bei Patienten mit chronischer Sinusitis häufiger festgestellt. Ob der Dauerschnupfen krebsfördernd wirkt, ist jedoch fraglich.

Schon länger wird spekuliert, ob die entzündlichen Prozesse bei einer chronischen Sinusitis oder eine zugrunde liegende geschwächte lokale Immunabwehr die Entwicklung von Karzinomen im Kopf-Hals-Bereich begünstigen können. In kürzlich publizierten Studien war bei betroffenen Patienten eine erhöhte Rate von Nasopharynxkarzinomen sowie von oralen Infektionen mit humanen Papillomviren (HPV) beobachtet worden. Eine jetzt veröffentlichte Analyse von US-Registerdaten deutet ebenfalls auf ein erhöhtes Risiko bestimmter Kopf-Hals-Tumoren hin. Sie legt allerdings auch nahe, dass es sich dabei weniger um die Folgen von Inflammation oder Immunschwäche als um ein Artefakt handelt, das unter anderem einer verstärkten Überwachung geschuldet sein könnte.

Um 37 Prozent mehr Kopf-Hals-Karzinome

In der Fall-Kontroll-Studie auf Basis des SEER(Surveillance, Epidemiology, and End Results)-Medicare-Registers wurden 21.176 Kopf-Hals-Karzinome berücksichtigt, von denen 783 bei Patienten ab 65 mit chronischer Sinusitis aufgetreten waren. Im Vergleich zu gesunden Versicherten war bei den Sinusitispatienten das Risiko für Kopf-Hals-Tumoren um 37 Prozent erhöht. Besonders deutlich war der Zusammenhang mit bösartigen Tumoren des Nasopharynx (+271 %) und der inneren Nase und der Nasennebenhöhlen (+449 %) sowie mit HPV-assoziierten Oropharynxkarzinomen (+33 %).

Eine genauere Analyse dieser drei Tumoren zeigte allerdings, dass der Anstieg von Nasopharynx- und HPV-assoziierten Oropharynxkarzinomen auf das Jahr unmittelbar nach der Diagnose der chronischen Sinusitis beschränkt war. Die Assoziation zu Karzinomen von Nasenhaupt- und -nebenhöhlen blieb zwar länger erhalten, war aber nach einem Jahr ebenfalls stark abgeschwächt (< 1 Jahr: +1153 %, ≥ 1 Jahr: +147 %). Diese Steigerungen sind vor dem Hintergrund des absolut sehr geringen Erkrankungsrisikos zu sehen: Über einen Zeitraum von acht Jahren nach der Diagnose einer chronischen Sinusitis war jede der drei Krebsentitäten bei weniger als 0,07 Prozent der Patienten neu aufgetreten.

Diagnostisches Artefakt?

Aufgrund des geringen absoluten Risikos sehen die Studienautoren um Daniel C. Beachler vom National Cancer Institute in Bethesda „keine Notwendigkeit für ein Screening auf Kopf-Hals-Tumoren bei Patienten mit chronischer Sinusitis“. Dass der beobachtete Anstieg der Krebsrate größtenteils auf einen kurzen Zeitraum nach der Sinusitisdiagnose beschränkt war, spricht nach Ansicht der Wissenschaftler gegen eine wichtige Rolle von Entzündung oder Abwehrschwäche – hierfür wären längere Intervalle erforderlich gewesen. Vielmehr vermuten sie, dass die Krebszunahme ein Artefakt ist, das z. B. durch vermehrte Untersuchungen im Kopf-Hals-Bereich nach einer Sinusitisdiagnose zustande gekommen ist. Außerdem könnte ein noch unerkannter Krebs als chronische Sinusitis fehlgedeutet worden sein oder eine solche verursacht haben.

springermedizin.de, Ärzte Woche 41/2016

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