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Künstlicher Kehlkopf implantiert.
 
HNO 14. Oktober 2013

Künstlicher Kehlkopf implantiert

Straßburger melden die weltweit erste erfolgreiche Operation an einem Menschen.

Prof. Dr. Christian Debry und sein Team von der HNO-Abteilung der Straßburger Universitätskliniken führten den Eingriff im vergangenen Jahr an einem 65-jährigen männlichen Kehlkopfkrebspatienten durch.

In einem ersten Operationsschritt entfernte das Chirurgenteam den Kehlkopf des Patienten und implantierte die erste Komponente des künstlichen Kehlkopfs, einen Trachealring aus Titan. „Der von uns eingesetzte Trachealring dient in erster Linie der Wiederherstellung der Verbindung zwischen der Zungenwurzel und dem verbleibenden Luftröhrenabschnitt, die normalerweise durch den Kehlkopf gebildet wird. Er übernimmt also gewissermaßen eine ‚Schornsteinfunktion‘“, erklärt Debry. Aufgrund seiner Materialbeschaffenheit ist der Ring in der Lage, sich in das umliegende Gewebe zu integrieren und somit zu einem Bestandteil des Rachenraums zu werden.

Der zweite Schritt zum Einsetzen des künstlichen Kehlkopfs wurde einige Wochen später, im November 2012, durchgeführt. Eine abnehmbare Vorrichtung bestehend aus Ventilen, wurde über den Mund des Patienten unter Vollnarkose in den Trachealring eingesetzt. Der künstliche Kehlkopf bildet so teilweise die natürlichen Funktionen des Kehlkopfs nach, sodass der Patient wieder über die oberen Atemwege atmen kann.

Weltpremiere basierend auf 20 Jahren Forschung

Für Debry stellt dieser operative Eingriff den Abschluss von über 20 Jahren Forschung dar, die er damals noch als Student im Rahmen seiner Doktorarbeit begann. Nach jahrelanger Entwicklungsarbeit, im Zuge derer nach geeigneten Biomaterialien für den Kehlkopfersatz gesucht wurde, nahm die Idee von Debry schließlich Gestalt an. Die Wahl fiel auf eine Kombination aus massivem und porösem Titan - Biomaterialien, die sämtliche Qualitäten bieten, die für die Entwicklung des künstlichen Kehlkopfs erforderlich sind.

Im Jahr 2005 wurde das Unternehmen ProTip gegründet, um die Entwicklung innovativer Medizinprodukte zur Behandlung von Kehlkopferkrankungen zu beschleunigen. „Die Laryngektomie ist ein Verfahren, das seit 140 Jahren nicht weiterentwickelt wurde“, betont Maurice Bérenger, Geschäftsführer bei ProTip. „Diese erstmalig durchgeführte Operation bahnt uns den Weg zu einem chirurgischen Eingriff, der eine neue Quelle der Hoffnung für Patienten mit Kehlkopfkrebs darstellt. Auf diese Weise werden Patienten letztendlich nicht nur in der Lage sein wieder normal zu atmen, sondern auch normal zu sprechen und zu essen.“

Nach den ermutigenden ersten Ergebnissen, die mit dem ersten Patienten erzielt werden konnten, werden ProTip und die Straßburger Universitätskliniken nun weiter an der Entwicklung dieser Technologie und des zugehörigen chirurgischen Eingriffs arbeiten, bevor diese Behandlungsmethode möglicherweise einem größeren Patientenkreis zur Verfügung gestellt werden kann. Zu diesem Zweck wird derzeit eine europaweite klinische Studie durchgeführt.

Hoffnung für Patienten nach Kehlkopfkrebs

„Nach einer Totallaryngektomie fällt es Patienten vor allem aufgrund des Luftröhrenschnitts oft ausgesprochen schwer, in ein normales Berufs-und Familienleben zurückzufinden“, erklärt Debry. „Mein hauptsächlicher Beweggrund für die Entwicklung dieses künstlichen Kehlkopfs war es, die Lebensqualität der Patienten nach einem solchen Eingriff zu verbessern. Diese erste Operation in Straßburg stellt lediglich den Anfang der Durchführbarkeitsstudien dar. Wir müssen noch zahlreiche klinische Studien durchführen, bevor das Implantat Patienten als Routinebehandlung zur Verfügung gestellt werden kann.“

Patienten, die sich einer Totallaryngektomie unterziehen, verlieren die Fähigkeit normal zu atmen und zu sprechen. Derzeit beschränken sich die Lösungen, die diesen Patienten angeboten werden, auf einen Luftröhrenschnitt, der ihnen das Atmen über einen in den Rachen eingesetzten Schlauch (ein Tracheostoma) ermöglicht.

www.ala.com, Ärzte Woche 42/2013

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