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HNO 30. Juni 2005

Tinnitus - eine Herausforderung

Tinnitus ist die Wahrnehmung von Geräuschen oder Tönen im Ohr/Kopf ohne erkennbare äußere Schallquelle. Man unterscheidet einen subjektiven Tinnitus, der nur vom Patienten gehört wird, von einem selten auftretenden objektivierbaren Tinnitus. Tinnitus ist ein Symptom und kein einheitliches Krankheitsbild, das durch zahlreiche Ursachen bedingt sein kann (siehe Tab.2 unten). Die Beeinträchtigung durch Tinnitus ist unterschiedlich (kompensierter/dekompensierter Tinnitus). Etwa acht Prozent der Bevölkerung empfinden Tinnitus als Belästigung, 1 bis 2 Prozent als unerträglich. Wesentlich für das Management von Patienten mit Tinnitus ist der Zeitverlauf. Von einem akuten Tinnitus spricht man, wenn dieser kürzer als einen Monat besteht, von einem subakuten Tinnitus bei einer Symptomdauer von 1 bis 12 Monaten, von einem chronischen Tinnitus bei einer Symptomdauer ab einem Jahr.

Diagnostik des subjektiven Tinnitus

Die Diagnostik (Tab.1 unten) dient zum Ausschluss von den Patienten gefährdenden oder kausal behandelbaren Erkrankungen. Nicht zu vergessen ist, dass psychische Komponenten sowohl für die Entstehung als auch Verarbeitung von Tinnitus entscheidend sind.

Therapie des akuten Tinnitus

Akuter Tinnitus wird als Hörsturzanalogon angesehen und als solcher behandelt, selbst wenn keine fassbare sensoneurale Hörstörung vorliegt. In der Therapie werden vielfach vasoaktive Substanzen verwendet, obwohl der Nachweis einer Innenohrperfusionsstörung als Ursache aussteht. An der HNO-Universitätsklinik in Wien kommen derzeit folgende Medikamente zum Einsatz:

  • Im Falle einer begleitenden sensoneuralen Hörstörung obligatorisch, sonst fakultativ: Cortison (250 mg bis 500mg Prednisolon i.v. an zwei hintereinanderfolgenden Tagen unter Magenschutz)
        
  • Glutamat-Antagonisten als neuroprotektive Substanzen, zum Beispiel Caroverin (1x160 mg Caroverin per infusionem als Einmalgabe, bei begleitender Hörstörung Infusionstherapie mit 2x 160 mg Caroverin für 10 Tage), weiterführende orale Therapie. Weiters kommt die hyperbare Oxygenation zur Anwendung.

Therapie des chronischen Tinnitus

Die Therapie ist interdisziplinär ausgerichtet und hat eine Tinnituskompensation zum Ziel. Die Art der Therapie (beziehungsweise Rehabilitation) erfolgt in Abhängigkeit vom Schweregrad des Tinnitus. Die Vielzahl an Therapieverfahren spiegelt neben der mannigfaltigen Tinnitus-Ätiologie auch eine große therapeutische Unsicherheit wider. Für die verwendeten Therapien ist zu fordern, dass sie dem Patienten nicht schaden und auf einer rationalen medizinischen Basis beruhen.

 Verwendet werden:

  • Counselling: Aufklärung und Beratung des Patienten, die der Angstreduktion dient und den Patienten über sein Leiden, mögliche Therapieoptionen und Bewältigungsstrategien im Alltag informiert.
        
  • Medikamentöse Therapie: Von der Vielzahl an Medikamenten gibt es nur wenige Substanzen, über die kontrollierte Studien über einen Therapieeffekt vorliegen. Verwendet werden unter anderem: Glutamatantagonisten (Caroverin) bei sog. "cochleär-synaptischen Tinnitus" (z.B. Tinnitus bei Hörsturz, Lärmschwerhörigkeit, Presbyakusis), Antiarrhythmika, Antikonvulsiva, Antidepressiva, Kalzium-Antagonisten, Betahistin.
       
  • Apparativ-akustische Therapie: Eine Hörgeräte-Versorgung kann bei einer begleitenden Hörstörung durch Wahrnehmung von Umweltgeräuschen eine Maskierung des Tinnitus ermöglichen.
       
  • Retraining-Therapie
       
  • Psychologische Betreuung/ Psychotherapie
       
  • Physikalische Therapie HWS, kieferorthopädische Maßnahmen, internistische Therapie
       
  • Chirurgische Therapie: Bei myognathischem Tinnitus (Tinnitus durch Funktionsstörung der Mittelohrmuskeln, wird beim Zusammenbeißen der Zähne lauter) wird eine mikrochirurgische Durchtrennung von M. stapedius und tensor tympani durchgeführt (Ehrenberger 2001). 

Beim sensoneuralen Tinnitus ist ein operatives Vorgehen nicht erfolgversprechend, da selbst nach Durchschneidung des Hörnerven der Tinnitus persistieren kann.

   

Tab. 1) Tinnitus - Diagnostik

Basisuntersuchung:

  • Anamnese (Tinnitus-zentriert), Erfassung des Leidensdruckes
  • HNO-ärztliche Untersuchung einschließlich Otomikroskopie
  • Funktionsdiagnostik, Tonaudiogramm, grobvestibuläre Diagnostik ev. Tinnitus-Vergleichsmessung / Tinnitus-Verdeckungs-
    messung

Gegebenenfalls:

  • Weiterführende Funktionsdiagnostik Impedanzmessung (Tympanometrie, Stapediusreflexmessung) Hirnstammaudiometrie Otoakustische Emissionen (TEOAE) Elektronystagmographie
  • Strukturanalysen: Kraniale Kernspintomographie HR-CT der Schläfenbeine bei pulsierendem Tinnitus: Sonographie der Halsgefäße,  transkranieller Doppler bei objektivierbarem pulsierendem Tinnitus: (MR-)Angiographie
  • Konsiliaruntersuchungen anderer Fachdisziplinen: Psychiatrie, Psychologie, Neurologie, Orthopädie, Zahnheilkunde, Innere Medizin etc.

     

Tab. 2) Tinnitus-Ursachen

OTOGEN
Krankheiten des:

  • Äußeren Ohres: z.B. Ceruminalpfropf
  • Mittelohres (einschließlich Binnenmuskulatur): z.B. Otosklerose
  • Innenohres: z.B. Hörsturz, Lärmschwerhörigkeit etc.
  • Hörnerven/Hörbahn: z.B. Akustikusneurinom

NICHT-OTOGEN

  • Gefäße, Muskeln, Halswirbelsäule
  • Kiefergelenk
  • Internistische, neurologische, psychische Erkrankungen

Prof. Dr. Doris-Maria Denk, Ärzte Woche 6/2002

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