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HNO 30. Juni 2005

Retraining-Therapie bei chronischem Tinnitus

Wesentlich für das Verständnis der modernen Tinnitustherapie sind die Erkenntnisse der Tinnitusforschung. Eine Tinnitusbereitschaft ist bei jedem Menschen vorhanden. In einem absolut schalldichten Raum haben, wie man aus Experimenten in der camera silens weiß, 99 Prozent aller gesunden Menschen ein Ohrgeräusch. Das menschliche Gehirn ist in der Lage, den Großteil der ständig vorhandenen Geräusche weg zu filtern. Daher dringen Ohrgeräusche ebenso wenig in unser Bewusstsein wie andere Körpergeräusche: Dass wir atmen oder schlucken, hören wir nur dann, wenn wir uns bewusst darauf konzentrieren.

Fokussierung auf das Ohrgeräusch

Höreindrücke verbinden sich im Unterbewusstsein mit einer emotionalen Empfindung. Je negativer diese ist, umso intensiver dringen sie ins Bewusstsein und werden wahrgenommen. Durch die negative emotionale Bewertung wird die Aufmerksamkeit des Patienten auf das Vorhandensein des Tinnitus fokussiert und ein Teufelskreis entsteht: Wahrnehmung - negative Bewertung - verstärkte Aufmerksamkeit - verstärkte Wahrnehmung - Stress - Verstärkung der Aktivität der äußeren Haarzellen - verstärkte Wahrnehmung des Tinnitus u.s.w. Eine lang andauernde Stimulierung des Sinnessystems wird, wie man aus der Schmerzforschung weiß, zentralisiert. Es kommt zu anatomisch nachweisbaren Veränderungen der Leitungsbahnen im Gehirn. Das heißt, bei chronischem Tinnitus würde weder eine völlige Wiederherstellung der Cochlea, noch eine Durchtrennung des N.statoacusticus zu einem Sistieren des Tinnitus führen. Chronischer Tinnitus verhält sich wie ein Phantomschmerz. Daher sind Medikamente in diesem Stadium völlig sinnlos.

Auslöser des chronischen "idiopathischen" Tinnitus ist eine Schädigung der äußeren Haarzellen im Corti?chen Organ, wobei Lärm, Halswirbelsäulenprobleme, Stress und Stoffwechselstörungen als Trigger wirken.  Der Grad der Beeinträchtigung ist völlig unabhängig von der Lautstärke und der Art des Tinnitus. Er wird durch drei Faktoren beeinflusst:

  • Grad der Störung der Filterfunktion im Gehirn

  • Grad der negativen emotionalen Bewertung 

  • Grad der Aufmerksamkeit, die der Patient seinem Tinnitus schenkt. 

Die Tinnitus-Retrainingstherapie (TRT) hat das Ziel einer Rückführung in einen gut kompensierten Tinnitus (Grad 1 oder 2). Die Behandlung erfolgt stufenweise, richtet sich nach dem Grad der Beeinträchtigung, erfordert eine aktive Mitarbeit des Patienten und sollte im Team erfolgen. Unter Umständen ist eine regelmäßige Betreuung der Patienten nötig, die bis zu zwei Jahre dauern kann. Voraussetzung für eine TRT ist eine sorgfältige Anamnese und Diagnostik zum Ausschluss organischer, kausal zu behandelnder Ursachen. 

   

Die Grundpfeiler der TRT

Intensive Aufklärung (Counselling), Umlenkung der Aufmerksamkeit vom Tinnitus auf andere Geräusche:

Stille vermeiden

  • Hintergrundgeräusche (Ventilator, Zimmerbrunnen, Musik)
  • Bei gleichzeitiger Hörverminderung Anpassung eines Hörgerätes, um dem Ohr wieder Umgebungsgeräusche anzubieten
  • Tragen eines Noisers mehrere Stunden am Tag oder beim Einschlafen: ein kleines Gerät, das ein angenehmes, leises Breitbandrauschen erzeugt, den Tinnitus keinesfalls übertönen darf und hinter dem Ohr getragen wird. Er kann in ein Hörgerät integriert werden.

Stressminimierung durch 

  • Erlernen von Entspannungstechniken 
  • Passive Entspannung 
  • Psychologische Hilfe bei übermäßiger Stressbelastung

Erreichen von emotionalem Wohlbefinden durch

  • Positives Denken
  • Autosuggestion
  • Jogging, Walking oder Gehen mit und ohne Musik aus dem Walkman, Behandlungen der Halswirbelsäule (Physikotherapie, Gymnastik, Akupunktur), Psychotherapie bei schweren Schlafstörungen, Depressionen oder sonstigen Tinnitus-bedingten psychosomatischen Problemen
  

Dr. Irene Gschnait, Ärzte Woche 6/2002

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