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HNO 30. Juni 2005

Unser Ohr - ein hochsensibles Organ im Dauereinsatz

Ob wir wollen oder nicht, egal, wie wir den Kopf halten, ob gerade, schief oder nach unten, unser Hörapparat ist in jedem Augenblick eingeschaltet. Auch in der Nacht. Die Augen können wir schließen, nicht aber die Ohren. So ist stets ein Kontakt nach außen gegeben.  Lange Zeit dachten die Biologen, dass sich die höchste Konzentration der Nervenendungen in den Sexualorganen finden würde. Heute wissen wir, dass das Innenohr die dichteste Wahrnehmungsfülle im menschlichen Körper aufweist. Offensichtlich hat also die Evolution dem Ohr eine besondere Bedeutung zugedacht. Das ungeborene Kind hört, bevor es sieht. Bereits viereinhalb Monate nach der Befruchtung ist das Innenohr in seiner vollständigen Größe ausgebildet. Das Innenohr ist ein derartig kompliziertes und verwickeltes Organ, dass die Natur auf das Wachstum verzichtet hat, um weitere Komplikationen zu vermeiden. Bereits vor der Geburt ist es fertig entwickelt und funktionsfähig. Die Hörzellen müssen von da an ein Leben lang intakt bleiben. 

Ab der 28. Schwangerschaftswoche reagieren Föten auf bestimmte Geräusche. Allerdings hören sie noch nicht wie Erwachsene. Aus physikalischen Gründen werden die Geräusche im mütterlichen Körper relativ gut auf den Fötus übertragen, vorwiegend der Herzschlag und die Stimme der Mutter. Aus der Außenwelt empfängt es insbesondere tiefe Töne. Die Sterbeforschung hat auch herausgefunden, dass der Hörsinn als letzter aller menschlichen Sinne erlischt.  Die Verarbeitung akustischer Reize ist, hirnphysiologisch gesehen, die intensivste Tätigkeit im Vergleich zum Umsetzen der anderen Reize. Mit intensiv ist gemeint, dass unsere Hörzellen im Hirn auf Reize von außen reagieren können, deren Energiemenge zehnmillionenmal kleiner ist als diejenige Reiz-Energie-Menge, die für die Wahrnehmung einer Berührung über die Haut nötig ist.

Welcher unserer fünf Sinne ist der wichtigste? Eine Frage, die schon in der Antike die großen Geister bewegte. Die unterschiedlichen kulturellen Ordnungen fanden immer wieder neue Antworten und stellten jeweils andere Hierarchien auf. Heute scheint in unserer industrialisierten Gesellschaft der Sehsinn der wichtigste zu sein, man denke nur an die unzähligen Fernsehprogramme oder die Bedeutung des Computers. Der Hörsinn scheint dagegen mehr eine dienende, den Sehsinn unterstützende Rolle einzunehmen.  Eine Tendenz, die bedenklich stimmen kann, denn das hieße, dass unsere moderne Welt dabei ist, das Potenzial des Ohres geradezu sträflich verkümmern zu lassen. Das ist nämlich unumstritten: Unser Hörsinn ist in der Wahrnehmung sehr viel genauer und leistungsfähiger als unser Sehsinn. Zum Vergleich: Das Auge erfasst einen Bereich von etwa einer Oktave, das Ohr indessen von zehn Oktaven. Deshalb heißt es auch oft: Das Auge schätzt, während das Ohr misst.
Und das Ohr ist außerdem sieben Mal schneller als das Auge. Wenn wir genauso schnell sehen wie hören könnten, würden wir beim Fernsehen nur Punkte und Striche erkennen...

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 6/2002

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