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HNO 30. Juni 2005

Es bewegt sich was in der HNO-Heilkunde!

Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Prof. Dr. Martin Burian, einem führenden HNO-Spezialisten an der Universitätsklinik Wien, über aktuelle Trends und Forschungsschwerpunkte im Bereich der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.

Ihr Spezialgebiet sind die Tumore im HNO-Bereich. Welche Fortschritte wurden bezüglich der Tumortherapie in den
vergangenen Jahren gemacht?

Burian: Diese Frage ist im Hinblick auf maligne Tumore - es handelt sich vorwiegend um Karzinome - differenziert zu betrachten. Es konnten in Teilbereichen wie Funktionswiederherstellung, Organerhalt oder Lebensqualität Fortschritte gemacht werden. Die Gesamtüberlebensrate hat sich dadurch aber leider nicht wesentlich verbessern lassen. Der Wert einer neuen Therapie muss sich ja immer an der Standardtherapie messen. Bei inoperablen Malignomen hat heute die simultane Radiochemotherapie die alleinige Strahlentherapie abgelöst. Standardtherapie bei operablen Tumoren ist in vielen Fällen nach wie vor die operative Entfernung mit zumeist konsekutiver Strahlentherapie.  Für bestimmte Formen des Rachen- und Kehlkopfkarzinoms konnte allerdings gezeigt werden, dass eine Chemotherapie, gefolgt von einer Strahlentherapie, die selben Ergebnisse bringt wie die operative Entfernung des Tumors und die damit verbundene Kehlkopfentfernung. 

Es wird nun versucht, dieses Behandlungsschema auch für andere Tumoren wie zum Beispiel dem Zungenkarzinom zu etablieren. All diese Therapiemodalitäten laufen aber derzeit noch in kontrollierten Studien und es bedarf noch vieler Daten, um die Wertigkeit dieser organschonenden Behandlungen im Vergleich zur Standardtherapie belegen zu können. Mit einem Wort, Ziel für die Zukunft ist, die radikale Chirurgie mit ihren teils mutilierenden Eingriffen zu vermeiden und mehr organ- und funktionsschonendere Therapien einzuführen. Die Chirurgie würde dann mehr im Sinne einer so genannten "salvage" Chirurgie, also bei Nichtansprechen der eingeleiteten Therapie, angewandt werden. Nichtsdestotrotz haben Fortschritte in der Mikrochirurgie erst jene Eingriffe möglich gemacht, die wir heute routinemäßig bei ausgedehnten Karzinomen durchführen. 
Die Möglichkeit des mikrovaskulär anastomosierten Gewebstransfers bringt eine erfreuliche funktionelle Verbesserung für den Patienten. So wird zum Beispiel nach Totalentfernung des Rachens und Kehlkopfes eine Dünndarminterposition zur Wiederherstellung des Schluckweges vorgenommen.  Gefäßanastomosierte Radialislappen zur Defektdeckung in der Mundhöhle und Oropharynx bringen ebenfalls akzeptable funktionelle Operationsergebnisse. 

Sind in nächster Zukunft völlig neuartige Therapiemethoden zu erwarten?

Burian: An lokaler Tumortherapie sind wir hier am AKH mit zwei sehr interessanten Verfahren im Forschungsstadium, und zwar mit der Photodynamischen Therapie und der Elektroporation. Bei der Photodynamischen Therapie wird dem Patienten parenteral, peroral oder lokal eine Substanz verabreicht, die speziell von dysplastischen oder maligen entarteten Zellen aufgenommen wird. Abhängig von der gewünschten Eindringtiefe ins Gewebe und dem zuvor verabreichten Sensitizer wird der Tumor dann mit Licht unterschiedlicher Wellenlänge bestrahlt. Durch die Bestrahlung wird die applizierte, mittlerweile intrazelluläre Substanz angeregt und Sauerstoffradikale werden freigesetzt, was zur Zellzerstörung führt. Die spezielle Indikation für diese Therapieform ergibt sich aus der Limitierung der Eindringtiefe des Lichts ins Gewebe.

Bei der Elektroporation handelt es sich um eine spezielle Art einer lokalen Chemotherapie. Das Chemotherapeutikum wird in das Tumorgewebe injiziert und mittels eines speziellen Applikators im Tumor ein elektrisches Feld erzeugt. Dadurch werden Poren in den Zellmembranen reversibel geöffnet, was eine vermehrte Aufnahme des lokal konzentrierten Chemotherapeutikums in die Zellen zu Folge hat. So können intrazellulär sehr hohe Konzentrationen des wirksamen Chemotherapeutikums erreicht werden, ohne dass man die teils beträchtlichen systemischen Nebenwirkungen in Kauf nehmen muss. 

Trotz dieser vielversprechenden neuen Methoden ist doch immer noch die Früherkennung ein sehr wichtiger Teil des Therapieerfolges. Gibt es sinnvolle Vorsorgeuntersuchungen oderEmpfehlungen dazu?

Burian: Bekannt ist das deutlich höhere Risiko für einen malignen Tumor im Mund- und Rachenbereich bei Nikotin- und/ oder Alkoholabusus, wobei die Kanzerogenität des Rauchens zu hohem Maße von den Rauchinhaltsstoffen abhängig ist.  Genauso verhält es sich beim Alkohol, hier sind die Fuselalkohole schädlicher als "reine", hochwertige Alkohole. In diesem Zusammenhang erscheint es besonders interessant, dass neuesten Studien zufolge die Bronchuskarzinominzidenz in den USA aufgrund des ausgedehnten Rauchverbots mittlerweile rückläufig ist. 

Durchaus sinnvoll ist die Empfehlung der Eigeninspektion des Mund- und Rachenraumes. Handelt es sich um einen "starken" Raucher, bei dem der Zigarettenkonsum bei 15 bis 20 Stück pro Tag anzusetzen ist, so ist die jährliche Kontrolle und Inspektion des Kehlkopfes und der Stimmbänder beim Laryngologen angezeigt. Schleimhautveränderungen im Mundbereich sind einer adäquaten Therapie zuzuführen, sollte diese jedoch nach zwei Wochen keine Rückbildung bewirkt haben, ist eine bioptische Abklärung der Läsion unverzichtbar. Salopp gesagt: "Lieber einmal zuviel zum Facharzt überweisen, als etwas zu übersehen!" 

In der Otologie ist die Cochlea Implantation eine schon nahezu etablierte Therapie bei Verlust des Hörvermögens. Seit wann wird diese Operation in Wien durchgeführt?

Burian: Weltweit wurde diese Operation erstmalig von Prof. William House 1961 in San Francisco durchgeführt. Im AKH wurde die erste Implantation 1978 an der HNO-Klinik unternommen. Seither haben sich die Implantate verbessert und die Zahl der Implantationen ist gestiegen. Der aktuelle Stand der letzten zwei Jahre war durchschnittlich 50 Implantationen jährlich, diese Zahl ist durchaus beachtlich, kostet ein Implantat immerhin zirka 18.170 Euro. Wir danken für das Gespräch!

Dr. Maria Radlspöck, Ärzte Woche 6/2002

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