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HNO 30. Juni 2005

Cochlea Implantate - dramatische Entwicklung

Seit nunmehr zwei Jahrzehnten stehen Cochlea Implantate (CI) im klinischen Einsatz. An der HNO-Universitätsklinik Wien wurde die erste Implantation 1978 vorgenommen. Bis dato wurden 367 Cochlea Implantationen durchgeführt. Die Implantate erlauben die Wiederherstellung des Hörvermögens und Sprachverständnisses bei gehörlosen und hochgradig hörbehinderten Personen.Zielgruppe für die Implantation sind gehörlose Kleinkinder (unabhängig von der Genese der Hörstörung, z.B. kongenital, Meningitis) sowie postlingual (nach dem Hör- und Spracherwerb) ertaubte Erwachsene. 

Keine Zielgruppe für die CI sind kongenital gehörlose Erwachsene: Bei ihnen bringt die CI keinen Erfolg punkto Sprachverständlichkeit, da die zentrale Hirnfunktion der Sprachverarbeitung im Kindesalter nicht gebahnt wurde. Mit dem Implantat werden elektrische Impulse über die Spiralganglienzellen des Modiolus an den Nervus Cochlearis abgegeben. 

Das CI ersetzt das Sinnesorgan (Cortisches Organ, Haarzellen), benötigt aber zumindest eine gewisse Restfunktion des Nervus cochlearis und funktionsfähige zentrale Hirnareale zur Sprachverarbeitung und -erkennung. Moderne Implantate haben eine sehr hohe Stimulationsrate (bis zu 18.180 Pulse pro Sekunde) und mehrere Kanäle. Subtile technische Verschaltungen führen bei heutigen Patienten zu verblüffenden Hör- und Sprachverständlichkeitserfolgen. Die derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind perimodioläre Elektroden und bilaterale Implantation. 
Perimodioläre Elektroden legen sich in der Cochlea medial an den Modiolus. Ziel ist es, den Abstand des Reizortes zu den Spiralganglienzellen zu verringern. Neben verbesserten Übertragungsraten zur Optimierung des Sprachverständnisses wäre dies eine Möglichkeit, durch verringerten Energieverbrauch total implantierbare Systeme zu schaffen. 

Die bilaterale Cochlea Implantation ist nur ausgewählten speziellen Situationen vorbehalten. Sie ist bei gewissen Voraussetzungen wie zum Beispiel symmetrischer Ertaubungsursache sinnvoll. Wesentlich für die Akzeptanz der beiden Implantate sind kleine "Hinter dem Ohr" (HdO-) Sprachprozessoren; die früheren Kästchengeräte sind technologisch überholt. Seit September 1999 werden alle Cochlea Implantate in Wien mit kleinen HdO-Prozessoren versorgt. 
    

Aufbau und Funktionsweise

Das Implantat besteht aus einem Außenteil (Sprachprozessor), der wie ein Hörgerät hinter dem Ohr getragen wird, und dem eigentlichen Implantat. Der Sprachprozessor enthält das Mikrophon, die Energieversorgung (Batterie oder Akku), den Chip zur Stimulationsverarbeitung und einen magnetisch haftenden Sender. Das Implantat ist aus Keramik oder Titan und hat selbst keine Energiequelle. Es besteht aus einem Magnet und dem Empfänger, sowie der aktiven Elektrode, die in die Cochlea führt, und einer Erdungselektrode.

Der Schallimpuls wird über das Mikrophon des Sprachprozessors aufgenommen, dort zerlegt und in ein elektrisches Signal umgewandelt. Dieses wird mittels magnetischer Induktion durch die intakte Kopfhaut hindurch zum Empfänger des Implantates gesendet. Information und Energie werden gleichzeitig gesendet. Im Implantat wird das Sendemuster decodiert und zur intracochleär platzierten aktiven Elektrode weitergeleitet. Die Nervenzellkörper des Nervus cochlearis werden 18.180-mal pro Sekunde elektrisch erregt. Über den Hörnerv wird der Schalleindruck zur primären Hörrinde weitergeleitet. Für das Sprachverständnis sind dann komplexere Assoziationsfasern im Cortex notwendig.

Doz. Dr. Wolf-Dieter Baumgartner, Ärzte Woche 6/2002

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