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HNO 11. April 2006

Angina - ja, aber welche?

Die "Mandelentzündung" ist ein häufiges Krankheitsbild; sie kann mannigfaltigste Ursachen haben, die auch eine unterschiedliche Therapie bedingen.

Angina tonsillaris

Die akute Entzündung der Gaumenmandeln ist eine im Kindes- und Jugendalter häufige, mit zunehmendem Lebensalter seltenere Erkrankung. Nach anfänglichem kurzen katarrhalischen Stadium kommt es zur Bildung von Eiterstippchen (Angina follicularis) und anschließend zu konfluierenden Belägen (Angina lacunaris) auf den Tonsillen.  Erreger sind in der Regel Beta-hämolysierende Streptokokken, seltener Pneumokokken, Hämophilus influenzae oder Staphylokokken.

Klinisch stehen starke Schluckbeschwerden, hohes Fieber und der herabgesetzte Allgemeinzustand im Vordergrund, die Schwellung der Halslymphknoten ist zumeist weniger ausgeprägt als bei der Mononukleose. Die Diagnose stützt sich auf das klinische Bild, Blutbild (Leukozytose, hohes CRP) und Differenzialblutbild zum Ausschluss eines M. Pfeiffer beziehungsweise einer Leukose.  Therapie der Wahl ist Penicillin oral hochdosiert (3x1500mg). Alternativ können Clindamycin oder Makrolide verabreicht werden. Wichtig: eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und intensive analgetische Therapie.

Peritonsillarabszess

Da die Entzündung nicht nur auf das Parenchym der Tonsillen beschränkt bleibt, entwickeln sich besonders bei rezidivierend-exazerbierender chronischer Tonsillitis nicht selten Abszesse im peritonsillären Raum. Durch die Gefahr der Ausbreitung in Richtung der großen Halsgefäße (Thrombophlebitis), zum Larynx (Larynxeingangsödem), sowie entlang der tiefen Halsfaszie ins Mediastinum (Angina Ludovici) kann rasch ein durchaus lebensbedrohlicher Zustand entstehen. Klinisch zeigt sich eine einseitige, meist eindrucksvolle Vorwölbung des weichen Gaumens bei gleichzeitig schmerzhaft eingeengter Mundöffnung. Atemnot mit Stridor oder Druckschmerz über der Gefäßscheide erfordern ein sofortiges chirurgisches Eingreifen. Therapie der Wahl ist die Abszesstonsillektomie unter antibiotischer Abschirmung.

Infektiöse Mononukleose 

Bei der infektiösen Mononukleose handelt es sich um eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus. Die Erkrankung beginnt zuerst mit undulierendem Fieber (bis 39°C) erst später treten Angina-Symptome auf. Die Lymphknotenschwellung am Hals (auch nuchal) ist stark ausgeprägt und generalisiert. Milz und Leber sind vergrößert (cave Milzruptur).  Die Verdachtsdiagnose wird aus der Anamnese, dem Differenzialblutbild (Leukopenie, Monozytose), erhöhten Leberwerten (GOT, GPT) und dem Verlauf gestellt. Der Schnelltest ist nach meist schon begonnener Antibiotika-Gabe inkonklusiv. Die beweisende Virus-Serologie (IgM, IgG) tifft in der Regel erst nach einer Woche ein. Die Therapie ist symptomatisch: Analgetika, antibiotische Abschirmung (cave Ampicillin-Exanthem), körperliche Schonung und Alkoholkarenz bis zur Normalisierung der Leberwerte.

Angina Plaut-Vincent

Bei der Angina Plaut-Vincent handelt es sich um eine einseitige nekrotisierende Angina, verursacht durch fusiforme Stäbchen und Spirochäten. Charakterisiert ist die Erkrankung durch eine schmierig grau-weiß belegte Tonsille und die Diskrepanz zwischen ausgeprägtem Lokalbefund und relativ gutem Allgemeinbefinden. Therapie der Wahl ist das Touchieren mit 10-prozentiger Argentum-nitricum Lösung. Eine systemische Antibiotikagabe (Penicillin) ist nur bei schwerem Verlauf nötig. Cave: jeder einseitige Prozess, der trotz Therapie binnen 10 Tagen nicht abheilt, muss bioptisch zum Ausschluss eines malignen (Karzinom, Lymphom) oder spezifischen (Lues, TBC) Prozesses abgeklärt werden! 

Diphtherie

In Österreich sehr selten geworden, gewinnt die Diphtherie durch Einschleppung aus Osteuropa wieder an Bedeutung. Nach anfänglich geringem Fieber (bis 38°C) kommt es nach 24 Stunden zum Vollbild der Erkrankung durch Corynebacterium diphtheriae. Massive festhaftende pseudomembranöse Beläge, die sich auch auf den weichen Gaumen und den Rachen ausbreiten, sind zu sehen. Beim Abziehen kann es zu einer leichten Blutung kommen! Typisch ist der süßliche Azetongeruch (faule Äpfel). Klinisches Bild und der bakteriologischen Abstrich sichern die Diagnose. Schon bei Verdacht ist Diphtherie-Antitoxin zu applizieren. Bei geimpften Personen ist eine Diphtherieinfektion unwahrscheinlich!

Ass. Dr. Bernhard Marks, Ärzte Woche 6/2002

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