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HNO 30. Juni 2005

Hörsturz - ein Notfall

Ein innerhalb von Sekunden bis Minuten einsetzender Hörverlust ist für den Patienten ein bedrohliches Ereignis. Besteht zudem die Aussicht auf ein lebenslanges Ohrgeräusch, reagieren viele regelrecht verzweifelt. Die klinischen Kriterien des Hörsturzes sind eindeutig festgelegt (siehe Kasten1).
Trotz der eindeutigen klinischen Definition des Krankheitsbildes ist die Ursache der Erkrankung bislang nicht hinreichend geklärt. Im Prinzip handelt es sich beim Hörsturz um eine akute Funktionsstörung des Innenohrs ohne bekannte Ursache. Mithin basiert die Diagnose "Hörsturz" auf dem Ausschluss bekannter Erkrankungen, die zur Funktionsstörung des Innenohres führen. Die häufigsten bekannten Ursachen sind das Lärmtrauma, Medikamentennebenwirkungen (zum Beispiel durch Aminoglykoside, Schleifendiuretika oder Zytostatika), der M. Menière, die akute Mittelohrentzündung mit Innenohrbeteiligung und das Barotrauma.

Ohrgeräusch in 80 Prozent der Fälle

Innerhalb von Sekunden bis Minuten erfährt der Patient eine meist einseitige Minderung des Gehörs. Der Hörverlust kann in den nächsten Stunden und Tagen noch weiter zunehmen. Begleitsymptom ist in etwa 80 Prozent der Fälle ein Ohrgeräusch. In 30-40 Prozent empfinden die Patienten zumindest kurzfristig Schwindel, was auf eine Mitbeteiligung des Labyrinths zurückzuführen ist. Typisch ist auch ein leichtes Druckgefühl ("Wie Watte im Ohr").

Frauen und Männer sind in etwa gleich häufig betroffen. Die Erkrankung tritt bevorzugt im Alter zwischen 50 und 60 Jahren auf. Eine weitere Häufung besteht im Alter von etwa 30 Jahren. Die Remission des Gehörs ist gut und wird mit bis zu 70 Prozent angegeben, vollständige Remissionen sind jedoch wesentlich seltener.

Diagnoseschritte

Nach Erhebung der meist bereits typischen Anamnese erfolgt die Ohrmikroskopie. Beim Hörsturzpatienten finden sich im Allgemeinen ein reizloses Trommelfell und ein reizloser Gehörgang. Andere Ursachen einer plötzlichen Hörminderung wie zum Beispiel Zerumen, eine Entzündung des äußeren Gehörgangs, eine akute Mittelohrentzündung oder ein Paukenerguss lassen sich hierbei ausschließen.

Die geforderten diagnostischen Maßnahmen können allerdings in den allermeisten Fällen nur vom Hals-Nasen-Ohren-Facharzt sachkundig durchgeführt werden. Der erstbehandelnde Arzt sollte daher in jedem Fall den Patienten zur Sicherung der Diagnose an den Facharzt oder an eine entsprechende Abteilung überweisen. Vom Facharzt werden die nachfolgenden Untersuchungen wie Hör- und Gleichgewichtsprüfung, Hirnstammaudiometrie, Stapediusreflexmessung etc. durchgeführt.

Therapie kontrovers

Angesichts der unklaren Pathogenese des Hörsturzes und der hohen Spontanremission werden die verschiedenen Therapiemodalitäten kontrovers diskutiert. Ob die Therapie ambulant oder stationär erfolgen soll, ist nicht festgelegt. Auch hinsichtlich der Dauer einer Therapie gibt es keine Vorgabe; allerdings sollte sie unverzüglich begonnen werden. Ob nun eine Therapie ähnlich wie beim Schlaganfall innerhalb von vier Stunden begonnen werden muss oder ob eine Therapie nach bis zu sechs Wochen noch sinnvoll ist, ist unklar.

Am weitesten verbreitet ist die tägliche Infusion von Rheologika wie Hydroxyäthylstärke beziehungsweise von Dextranen. Ergänzend wird hierzu oft Pentoxifyllin, Naftidrofuryl oder Gingko biloba verabreicht. Die Wirksamkeit dieser Substanzen bei der Behandlung des Hörsturzes ist zumindest umstritten.

Die intravenöse oder orale Gabe von Glukokortikoiden beim Hörsturz hat sich in einigen Studien als wirksam herausgestellt. Glukokortikoide sind bisher als die Erfolg versprechendsten Medikamente zur Behandlung des akuten Hörsturzes anzusehen und sollten daher, wenn keine Kontraindikation vonseiten des Patienten bestehen, in jedem Fall verabreicht werden.

Patienten gut aufklären

Eine große Zahl anderer Therapiemodalitäten wie beispielsweise die hyperbare Sauerstofftherapie, die Gabe von Vasodilatanzien, Akupunktur, Psychotherapie, Neuraltherapie, Homöopathie und viele weitere Verfahren werden beim Hörsturz eingesetzt, obwohl bislang gesicherte Erkenntnisse aus klinischen Studien nicht vorliegen oder keinen Nutzen erkennen lassen.

Da die Erfolgsaussichten der verschiedenen Therapien beim Hörsturz nicht zweifelsfrei belegt sind, muss gerade der Hörsturzpatient in die diagnostischen und therapeutischen Überlegungen miteinbezogen werden. Insbesondere muss der Patient auf die wissenschaftlich nicht eindeutig belegte Wirksamkeit einer geplanten Therapie hingewiesen werden und in diesem Zusammenhang müssen auch die möglichen Nebenwirkungen einer Behandlung sorgfältig und ausführlich mit dem Patienten besprochen werden.

Zusammenfassung:

  • Der plötzliche Ausfall eines der großen Sinnesorgane stellt ohne Zweifel einen medizinischen Notfall dar.
  • Mehr noch als die Einschränkung des Gehörs belastet viele Patienten lebenslang ein quälendes Ohrgeräusch.
  • Hinsichtlich der anzuwendenden Therapie und deren Wirksamkeit besteht große Unsicherheit. Die Unwirksamkeit der bisher durchgeführten Behandlungen ist jedoch wissenschaftlich nicht belegt.
  • Es setzt sich zunehmend die Meinung durch, dass es sich beim Hörsturz nicht um ein einheitliches Krankheitsbild handelt, sondern dass vielmehr unterschiedliche Ursachen zu demselben klinischen Symptom führen können.

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