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HNO 4. Februar 2013

Plötzlich hören – und dann?

Hörgeschädigte Kinder mit Cochlea-Implantat können durch diese Prothese Sprache wahrnehmen. Gehörlosenpädagogen haben untersucht, was sich dadurch für sie ändert.

„Fast drei Jahre lang hat sie ihre Stimme nicht genutzt, konnte nicht hören -und jetzt diese Riesenveränderung. Sie kann sprechen, sie hört!“, gebärdete die gehörlose Mutter einer dreijährigen Tochter mit Cochlea-Implantat im Interview mit der Gehörlosenpädagogin Kirstin Busch von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Busch untersucht seit 2011, welche Auswirkungen es auf die gehörlosen Familien hat, wenn Kinder ein Cochlea-Implantat erhalten. Dabei erfasst sie mithilfe von Interviews, einem psychologischen Testverfahren und Fragebögen sowohl die Perspektive der gehörlosen beziehungsweise hörgeschädigten Eltern als auch die der Kinder.

Meist erfolgen die Implantationen zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr der Kinder. Die befragten Familien sind mit den Cochlea-Implantaten sehr zufrieden. Einige Eltern geben an, dass sich die Beziehungen in der Familie verbessert haben, etwa zwischen Geschwistern, und dass sich die Kinder positiv entwickeln. „Seit er das Cochlea-Implantat hat, ist er fröhlich, er geht auf die Leute zu und fragt nach. Er ist wie ausgewechselt“, sagte etwa eine Mutter.

Gebärdensprache bleibt wichtig

Der Familienalltag an sich ändert sich kaum. Die Gebärdensprache bleibt weiterhin die Familiensprache, auch wenn die Eltern zusätzlich häufiger lautsprachlich kommunizieren. Das bestätigen auch die Forschungsergebnisse der Gehörlosenpädagogin Johanna Dumanski, die die Wortschatzentwicklung von Kindern mit einem Cochlea-Implantat untersucht, deren Eltern gehörlos beziehungsweise hörgeschädigt sind. Die Kinder verwenden je nach Situation sowohl die Gebärden- als auch die Lautsprache. Jedes zweite der untersuchten Kinder verfügt über einen angemessenen Wortschatz. „Die Sprachtests sind für Kinder normiert, die in einer lautsprachlichen Umgebung aufwachsen“, erläutert Dumanski das Ergebnis. „Die CI-versorgten Kinder gehörloser Eltern leisten wahnsinnig viel. Sie wachsen in einer ganz anderen Umgebung auf.“

Beide Untersuchungen zeigen damit, dass für Kinder mit Cochlea-Implantat, deren Eltern gehörlos sind, sowohl die Laut- als auch die Gebärdensprache wichtig sind. Genau darüber wünschen sich die befragten Eltern mehr Aufklärung. Das gilt einmal für die Einrichtungen wie Kindergarten und Schule, in denen die Kinder betreut werden, aber auch für die Ärzte. „Eltern fühlen sich durch Ärzte unter Druck gesetzt, ihr Kind möglichst früh mit einem Cochlea-Implantat zu versorgen. Ihnen wird dadurch der Eindruck vermittelt, dass ihr Leben in der Gehörlosengemeinde als minderwertig betrachtet wird“, sagt Busch. Auch mehr Kindergärten und -krippen, die speziell auf hörgeschädigte Kinder und deren Förderung zugeschnitten sind, würden den Familien helfen.

Motive der Eltern

Gehörlose Eltern, die sich für eine Cochlea-Implantation für ihr Kind entscheiden, denken dabei vor allem an die berufliche Zukunft ihrer Kinder. Teilweise treffen sie die Entscheidung trotz Skepsis oder gar Kritik im gehörlosen Freundes- und Verwandtenkreis. In manchen Familien machen auch die Kinder den ersten Schritt und wünschen sich eine Implantation.

„Das Cochlea-Implantat findet zunehmend Akzeptanz in der Gehörlosengemeinde, aber es bestehen dennoch Vorbehalte besonders gegenüber dem Einsatz bei Kindern“, sagt Prof. Dr. Annette Leonhardt. In einem weiteren Projekt an ihrem Lehrstuhl werden derzeit die Erfahrungen junger Erwachsener gehörloser Eltern untersucht, die als Kind ein Cochlea-Implantat erhalten haben. Sie erzählen von den Reaktionen ihrer Umgebung und ihren Hörerfahrungen („Man muss ganz von vorne hören lernen“). Erste Ergebnisse zeigen, dass alle Befragten mit der Implantation zufrieden sind.

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