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© PTB
Alternative Tonerzeugung mittels Knochenhörer hinterm Ohr und Sondenlautsprecher im Ohr.
© Maico

Konventioneller Hörtest mit zwei Mini-Lautsprechern und einem Mini-Mikrofon in einer Gehörgangssonde.

 
HNO 21. Jänner 2013

Musik aus dem Ohr

Wie ein objektiver Hörtest noch sicherer wird.

Das menschliche Ohr kann Töne nicht nur wahrnehmen, sondern auch erzeugen. Hört es die zwei oberen Töne eines Dur-Dreiklanges, produziert es den Grundton des Akkordes, den man dann messen kann. Dieses Phänomen, otoakustische Emission (OAE) genannt, nutzen Ohrenärzte für objektive Hörtests etwa bei Neugeborenen.

Neue Untersuchungen zeigen, dass ein OAE-Hörtest noch verlässlicher wird, wenn man die beiden Töne nicht per Lautsprecher, sondern per Knochenleitung ans Ohr bringt (Zebian M: Dissertation TU Braunschweig, Mensch&Buch Verlag, 2012).

Prinzip der otoakustischen Emission

Das menschliche Ohr ist stets auf Dur gestimmt: Hört es die zwei oberen Töne eines Dur-Dreiklanges, erzeugt es den dritten, tiefsten Ton des Akkordes selber. Wissenschaftlich korrekt heißt dieser Ton Distorsionsprodukt-otoakustische Emission. Er entsteht aufgrund anatomischer und physikalischer Gesetzmäßigkeiten: Sind die Haarzellen im Innenohr gesund, werden sie durch die beiden zueinander passenden Töne angeregt, mit einer dritten Frequenz zu schwingen. Dieser tiefere Ton dringt wieder aus dem Ohr heraus. Der Besitzer des Ohres hört ihn nicht, aber ein empfindliches Mikrofon kann ihn messen. Mithilfe dieses Phänomens lässt sich schon bei Neugeborenen oder Kleinkindern objektiv feststellen, ob das Gehör intakt ist. Gerade bei Babys ist es sehr wichtig, dass eine Schwerhörigkeit schnell erkannt wird, weil die ersten Lebensjahre für die Entwicklung der Kommunikations- und Lernfähigkeit entscheidend sind.

Fehlerquellen der gängigen Methode

Bisher verwendet man für einen solchen Hörtest zwei winzige Lautsprecher, die jeweils einen Ton ins Ohr aussenden, sowie ein Miniaturmikrofon, das den dritten Ton aufzeichnet. Bleibt er aus, so ist das ein Hinweis darauf, dass das Baby eine Therapie oder ein Hörgerät brauchen könnte.

Doch es kann vorkommen, dass das Ohr gesund ist und der Ton trotzdem ausbleibt, weil nämlich einer der beiden Töne gewissermaßen auf dem Weg ins Innenohr verloren gegangen ist. Grund dafür können stehende Wellen im Gehörgang sein, ausgelöst von den beiden eingestrahlten Tönen. Oder es liegt ein Schaden am Mittelohr vor, der verhindert, dass die Töne an die Sinneszellen im Innenohr gelangen - obwohl diese an sich perfekt intakt sind. Dann vermuten die Ärzte den Schaden am falschen Ort. Drittens kann es vorkommen, dass die Lautsprecher nicht gut genug kalibriert sind, dass sie also gar nicht zuverlässig zwei Töne mit der richtigen Frequenz erzeugen.

Das neue Verfahren

Auf der Suche nach Alternativen zum Lautsprecher-Verfahren ließ man die zwei Töne direkt auf die Knochen am Ohr einwirken. Diese Knochenleitungsstimulation wenden auch Musiker an, wenn sie eine Stimmgabel direkt hinters Ohr halten, um den Ton ungestört vom Umgebungslärm hören zu können. Akustiker der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB), Braunschweig, verwendeten sogenannte Knochenleitungshörer, wie sie bereits jetzt für Hörtests bei erwachsenen Menschen zum Einsatz kommen. Zunächst wurden zwei solche Knochenleitungshörer eingesetzt und damit eine otoakustische Emission erzeugt. Einer der beiden wird mit einem Lautsprecher kombiniert. Das Verfahren funktioniert und hat außerdem den Vorteil, dass man nur ein Ohr benötigt, sodass das Baby auf der Seite liegen kann.

Erleichtert Differenzialdiagnose

In der PTB lag der Fokus des Projektes eher auf der Kalibrierung von Lautsprechern und Messsonden. Aber natürlich ist das Verfahren auch interessant für Ärzte. Denn es macht den OAE-Hörtest sicherer. Die beiden Methoden könnten sich ergänzen: Hat man zunächst mit den Lautsprechern keinen Erfolg, kann das Problem am Mittel- oder am Innenohr liegen. Hat man danach aber sehr wohl über die Knochenleitungsmethode Erfolg, dann liegt ziemlich sicher ein Problem am Mittelohr vor, und nicht etwa am Innenohr. Die Ärzte haben somit die Möglichkeit einer besseren Differenzialdiagnose. Nun müssen klinische Studien folgen.

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