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©  Uwe Niemann
Während eines Heavy-Metal-Schreis: Phoniater Michael Fuchs untersucht Kehlkopf und Rachen mit einem flexiblen Endoskop.
 
HNO 10. Jänner 2013

Schreie aus der HNO

Stimmen von Heavy-Metal-Sängern im Test.

In einem Gemeinschaftsprojekt werden die Eigenheiten des Heavy-Metal-Gesangs analysiert. Die Wissenschaftler suchen bei unterschiedlichen Gesangstechniken nach charakteristischen Einstellungen in den Ansatzräumen, wiederkehrenden Geräuschmustern und besonderen Klangursachen. In einer ersten Untersuchungsreihe waren sechs Sänger aus Deutschland einbezogen, weitere sollen folgen.

Durchdringende Schreie aus einem Phoniatrie-Untersuchungsraum verunsicherten unlängst die Patienten in der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde des Universitätsklinikums Leipzig. „Keine Angst, hier leidet keinesfalls ein Patient, hier werden nur die Stimmen von Heavy-Metal-Sängern getestet“, erklärte Prof. Dr. Michael Fuchs, Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie. Die Patienten nahmen daraufhin die weiteren Töne, die vom Schreien ins Grölen übergingen, um dann im Grunzen und Röhren anzukommen, mit Humor. Vor allem die Lautstärke beeindruckte die Patienten.

„Mit dieser ersten Untersuchung von sechs Heavy-Metal-Sängern aus dem ganzen Bundesgebiet beginnen wir, eine gemeinsame Projektidee umzusetzen“, erläutert Fuchs. „Das Musikwissenschaftliche Institut der Universität zu Köln, das Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie und unsere Universitätsklinik für HNO nehmen die Stimmen dieser Sänger unter die Lupe, um verschiedene Fragestellungen zu beantworten. Ich als Mediziner und Phoniater will herausbekommen: Was passiert im Stimmapparat, wenn professionell – also von Berufs wegen – heftig geschrien, gegrölt oder geröhrt wird. Ist dieses Singen, das abseits von Alltagsgesang angesiedelt ist, schädlich für den Stimmapparat?“

Zu Beantwortung dieser Fragen hat die Leipziger HNO-Klinik die entsprechende Technik, mit der während des Singens auf einem Bildschirm sichtbar gemacht werden kann, was im Kehlkopf und im Rachen passiert. Neben den bewegten Bildern wird auch der Stimmschall aufgezeichnet und die Stimmleistung gemessen, sodass genau ausgewertet werden kann, bei welchen Tönen welche Teile des Stimmapparates aktiv sind.

Völlig gesund

Nach der ersten Untersuchung kann Fuchs sagen, dass alle sechs Heavy-Metal-Sänger – darunter von Bands wie „Bitterness Exhumed“ (Kaiserslautern) und „Endemicy“ (Leipzig) – trotz des großen Druckes, den sie beim Singen aufbauen, trotz der großen Kräfte, die auf Stimmlippen und Schleimhäute wirken, einen völlig gesunden Stimmapparat haben: „Die Stimmlippen, die empfindlichsten Teile des Stimmapparates, haben keinerlei Zeichen einer mechanischen Schädigung. Dabei haben einige Sänger neben ihrem Hobby noch stimmintensive Berufe, wie Sozialpädagoge.“

Beeindruckt war Fuchs davon, dass einige einen Tonhöhenumfang von vier Oktaven erreichen – das sei selbst im Vergleich mit einem Opernsänger imposant. Weiteres Ergebnis der Untersuchungen war, dass die Heavy-Metal-Sänger mehr als andere Sänger den oberen Bereich des Kehlkopfes und den Rachenbereich aktivieren. Zudem produziert die Schleimhaut der Sänger viel Schleim, der einerseits als Schutzschicht wirkt und andererseits beim Singen als „mitschwingendes Element“ dient. „Die Töne sind auch deshalb nicht so klar, wie bei einem Opernsänger“, so Fuchs. „Aber das ist ja in dieser Musikrichtung auch nicht gewollt.“ Das Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie hat ebenfalls Untersuchungen der Stimmen vorgenommen. Die Experten um den Sprechwissenschaftler Dr. Sven Grawunder widmen sich der Entwicklung der menschlichen Stimme und Sprache. Dr. Marcus Erbe vom Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln wiederum widmet sich der Popularmusikforschung, dabei besonders dem Schwerpunkt Heavy Metal und Hardcore.

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