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Prof. Dr. Jens P. Klußmann Klinik für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie, Universitätsklinikum Gießen
 
HNO 30. Mai 2012

Kopf-Hals-Tumoren: eine sexuell übertragbare Erkrankung?

Bestimmte Sexualpraktiken könnten HPV-Infektionen im Mund-Rachen-Raum verursachen und damit die Entstehung von Karzinomen fördern.

Kopf-Hals-Tumoren stehen an vierter Stelle aller Krebserkrankungen bei Männern. Besonders junge Menschen sind immer häufiger betroffen. Die Ursache hierfür sehen Experten in Tumoren, die durch Humane Papillomaviren (HPV) ausgelöst werden. Jeder zweite Krebs im Mundrachen geht auf eine solche Infektion zurück. Ob das Sexualverhalten der Patienten dabei eine Rolle spielt und welche Therapiemöglichkeiten bestehen, war eines der Themen auf der diesjährigen Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie (DGHNO KHC) im Mai in Mainz.

 

Bis vor einigen Jahren gingen Experten noch davon aus, dass vor allem erhöhter Alkohol- und Tabakkonsum Tumoren im Kopf-Hals-Bereich auslösen. „Studien zeigen jedoch, dass – ähnlich wie beim Gebärmutterhalskrebs – HPV auch diese Krebsart verursachen können“, erläuterte Prof. Dr. Jens P. Klußmann, Universitätsklinikum Gießen. Hier ist insbesondere der Virustyp 16 von besonderer Bedeutung, der auch einen Großteil der Zervixkarzinome verursacht. HPV-assoziierte Kopf-Hals-Tumoren liegen überwiegend im Bereich des Oropharynx und betreffen hier die Tonsillen- und Zungengrundregion.

In vielen industrialisierten Ländern stagniert oder sinkt der Zigarettenkonsum. Zugleich scheint der Anteil HPV-assoziierter Oropharynxkarzinome anzusteigen. Vor allem bei jüngeren Patienten ohne den ansonst bei Kopf-Hals-Tumor-Patienten typischen Noxenstatus an Nikotin und Alkohol. HNO-Ärzte rechnen mit einer Verdopplung der Erkrankungsfälle bis zum Jahr 2020 und sprechen bereits von einer Virusepidemie, die Krebs auslösen kann. „HPV löst wahrscheinlich jeden zweiten Krebs im Mundrachen und jeden vierten Tumor der Mundhöhle aus“, so Klußmann.

Oralverkehr als möglicher Risikofaktor

Für genitale HPV-Infektionen sind sexuelle Risikofaktoren bekannt. Für Infektionen im Bereich des Oropharynx ist die Datenlage noch nicht sicher, dennoch gibt es Hinweise, dass auch hier sexuelle Risikofaktoren eine Rolle spielen. Experten vermuten die Ursache für die erhöhte Virusinfektion in einem veränderten Sexualverhalten mit besonderer Bedeutung oraler Sexualpraktiken. Denn hierbei können Papillomaviren leicht übertragen werden. Bestimmte Proteine hemmen zudem körpereigene Tumorsupressorproteine und fördern damit die Tumorentstehung. „Studien zeigen, dass das Risiko, einen Tumor im Kopf-Hals-Bereich zu entwickeln, mit der Zahl der Lebens- und Sexualpartner steigt“, berichtete Klußmann. „Auch für eine horizontale Transmission bei Ehepartnern gibt es Einzelfallberichte.“

Erste Studien zeigen eine Infektionsrate mit Hochrisiko-HPV-Typen von etwa vier Prozent in der gesunden Bevölkerung. „Wichtig ist hier, dass nur ein minimaler Anteil der Infektionen zur Tumorbildung führt, denn die meisten Infektionen können durch den Körper eliminiert werden“, sagte Klußmann. Alkohol- und Tabakkonsum haben jedoch negative Auswirkungen auf Ausbruch, Verlauf und Heilungsprognose.

Argument für Impfung

Selten kann es zu einer persistierenden Infektion kommen, die nach Jahrzehnten zur Bildung eines bösartigen Tumors führen kann. Trotz intensiver Therapien versterben bis zu 50 Prozent der Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren. „Von besonderem klinischen Interesse ist, dass HPV-assoziierte Kopf-Hals-Karzinome eine bessere Prognose aufweisen als HPV-negative“, so Klußmann. „Patienten, bei denen ein solcher Tumor durch Viren ausgelöst wurde, haben eine etwa 30 Prozent höhere Chance, geheilt zu werden.“ Zurzeit werden Anstrengungen unternommen, in Studien zu prüfen, welche Therapie für diese Patienten am ehesten geeignet ist.

„Die Einführung zweier Impfstoffe gegen HPV könnte Tumoren im Kopf-Hals-Bereich, ebenso wie bereits bei Gebärmutterhalskrebs, künftig sogar verhindern“, meinte Klußmann. Die Erkenntnis, dass Papillomaviren auch Kopf-Hals-Tumoren, insbesondere bei Männern, auslösen, sei ein starkes Argument, künftig auch junge Männer gegen HPV zu impfen.

Multimodal versus Chirurgie

In der Therapie von Kopf-Hals-Tumoren sieht Prof. Dr. Norbert Stasche, Präsident der DGHNO KHC, „großen Diskussionsbedarf, da neue multimodale Verfahren, wie die Kombination aus Chemotherapie, Antikörpertherapie und Bestrahlung, zunehmend an Bedeutung gewinnen und die Chirurgie immer häufiger ersetzen.“ Dennoch müsse auch die Chirurgie weiterentwickelt werden: Insbesondere in der Therapie des Kehlkopfkrebses sei die Operation oft ein wesentlicher Teil der Behandlung.

Ist der Tumor noch klein, setzt man auf eine transorale Laserchirurgie. Sie ist schonend, organerhaltend und erbringt gute funktionelle Ergebnisse. „Im fortgeschrittenen Stadium gibt es hingegen unterschiedliche Ansätze, die derzeit noch diskutiert werden. Hier stehen sich die Chemoradiotherapie und die teilweise oder komplette Laryngektomie mit rekonstruktiven Techniken einschließlich des Einsatzes von Stimmprothesen zur Stimmrehabilitation gegenüber“, erläuterte Stasche. Beide Therapieformen haben Vor- und Nachteile, daher „muss der behandelnde Arzt im individuellen Krankheitsfall häufig abwägen zwischen Spättoxizität der medikamentösen Behandlung und Organverlust durch einen chirurgischen Eingriff und sollte idealerweise interdisziplinär behandeln“, so Stasche.

Neueste Strategien

Zu den spannendsten Entwicklungen zählen laut Stasche derzeit die Einführung neuer Krebsmedikamente und die Bestimmung des Stellenwertes neuer schonender endoskopischer transoraler Operationstechniken. In Fällen der Tumorausbreitung in die Halslymphknoten mit Kapseldurchbruch und bei knappen Resektionsgrenzen gehöre die ergänzende Strahlen- und Chemotherapie seit wenigen Jahren zum Therapiestandard. „Bei großen inoperablen Tumoren können in vielen Fällen gute Erfolge mit einer simultanen Radiochemotherapie erzielt werden.“

Die Induktionschemotherapie, in Form einer beginnenden Dreifachchemotherapie gefolgt von einer Strahlentherapie, ist aktuell Gegenstand intensiver Forschung mit dem Ziel, den Kehlkopf bei fortgeschrittenen Hypopharynx- und Larynxkarzinomen zu erhalten. „Die neueste Therapiealternative bei diesen fortgeschrittenen Kopf-Hals-Tumoren besteht in der Behandlung mit Antikörpern bei gleichzeitiger Strahlentherapie“, berichtete Stasche. „Einen entscheidenden Durchbruch brachte der Einsatz der Antikörpertherapie in Kombination mit einer Chemotherapie beim Auftreten von Fernmetastasen oder Lokalrezidiven. Erstmals nach 30 Jahren konnten hier Fortschritte erzielt werden.“

Ein wichtiges gemeinsames Anliegen von HNO-Ärzten und Chirurgen sei es, das Organ und seine Funktionalität, also Schlucken, Sprechen und Atmen, zu erhalten.

 

Quelle: Presseaussendungen zur 83. Jahresversammlung der DGHNO KHC, 16.-20. Mai 2012, Mainz

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