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Das Neugeborenen-Hörscreening ist eine österreichische Erfolgsgeschichte.
 
HNO 25. April 2012

Das Leiden am "schlecht Hören" vermeiden

Ärztekammer startet Initiative "gut hören - dazugeHören"

Rund eine halbe Million Österreicherinnen und Österreicher hören schlecht. Die Dunkelziffer ist nach Expertenschätzung allerdings noch weit höher. Ausgehend von Studien aus vergleichbaren Ländern könne man annehmen, dass bis zu einem Fünftel der heimischen Bevölkerung, jedenfalls aber 1,2 Millionen, unter Hörstörungen leiden, erklärte der Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Walter Dorner,  bei einer Pressekonferenz. "Wenn ich 'leiden' sage", so Dorner weiter, "dann meine ich das in einem umfassenden Sinn. Denn eine unbehandelte Hörstörung schadet langfristig dem ganzen Menschen in seiner seelischen, geistigen und körperlichen Gesundheit."

Mit der Initiative "gut hören - dazugeHören" will die ÖÄK dazu beitragen, die Dunkelziffer zu erhellen und Betroffene durch umfassende Information dazu ermutigen, sich ihrer Beeinträchtigung zu stellen. Gleichzeitig soll die Sensibilität der Ärzteschaft für das Thema geschärft werden: Neben Hals-Nasen-Ohren-Fachärzten (HNO) sollen vor allem Allgemeinmediziner, Internisten und Kinderärzte in der Lage sein, ihre Patientinnen und Patienten behutsam, aber unmissverständlich auf das Problem anzusprechen. Mehr als 10.000 Ordinationen erhalten Informationsmaterial zur Weitergabe an Betroffene.

Ursachen für Hörstörungen

Hörstörungen sind die häufigste Beeinträchtigung von Neugeborenen. Pro Jahr kommen in Österreich ein bis drei von tausend Kindern mit unterschiedlich schweren Hörschäden zur Welt", erklärte Prof. Wolfgang Gstöttner, Vorstand der HNO-Klinik an der Medizinuniversität Wien. Viel häufiger, als lange Zeit angenommen, sei das Problem vererbt: "Die Hälfte aller kindlichen Hörstörungen sind genetisch bedingte Schädigungen des Innenohrs", so der Experte. Gerade im Kindesalter lösen aber oft auch akute Erkrankungen wie Mittelohrentzündungen Hörstörungen aus, die mit dem Abklingen der Entzündung wieder vergehen. Liegt jedoch z.B. ein chronischer Mittelohrkatarrh vor, kann es zu einem Flüssigkeitsstau kommen, der aber durch einen kleinen operativen Eingriff zu beheben ist. Bei Erwachsenen können chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck Hörstörungen verstärken bzw. auslösen. Ob sich verletzungsbedingte Hörstörungen heilen lassen, hängt vom Zustand des Hörnervs ab. "Eine durch einen plötzlichen, extremen Druckunterschied oder ein Schalltrauma geplatzte Innenohr-Membran kann man in der Regel operieren", sagte Gstöttner. So lange der Hörnerv noch intakt sei, könne man - je nach Grad der Schwerhörigkeit - mit einem Hörgerät ausgleichen. Bei fast oder völlig gehörlosen Menschen ist das Hörvermögen dank moderner Innenohr- oder Cochlea-Implantate bis zu einem gewissen Grad reaktivierbar.

Ab 40 lässt das Gehör nach

"Das Gehör nimmt nicht erst im hohen Alter ab, sondern meist schon ab dem 40., deutlicher ab dem 50. Lebensjahr", betonte der Sprecher der ÖÄK-Fachgruppe HNO, Wilhelm Streinzer. Daher solle man mit 40 sein Hörvermögen testen und bei gutem Hörstatus etwa alle fünf Jahre vom HNO-Facharzt kontrollieren lassen. Der bei der Vorsorgeuntersuchung für ab 65-Jährige vorgesehene Hörtest sei viel zu spät angesetzt, so Streinzer.

"Liegt eine altersbedingte Hörminderung vor, so sind Erwerbstätige schon aus existenziellen Gründen eher bereit, ein Hörgerät zu tragen als Pensionisten", sagte der Experte. Dennoch seien Hörhilfen bei uns noch lange nicht so akzeptiert wie z.B. in den USA. Dort gibt es bunte Hörgeräte nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Sie sollen zum Stil des Trägers passen und sichtbar sein, damit sich die Umwelt gleich auf dessen besondere Bedürfnisse einstellen kann.

Kommunikationsprobleme führen in die Isolation

In der Gruppe der 60- bis 70-Jährigen leidet jeder Dritte unter einer ausgeprägten Hörminderung (Presbyakusis). Die meisten lehnen es ab, ein Hörgerät zu tragen. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren (Männer 78, Frauen 83) nehmen die Betroffenen damit in Kauf, ein Viertel ihres Lebens mit einer fortschreitenden Beeinträchtigung zu leben, die sie körperlich, geistig und seelisch belastet. So verschlechtert Bluthochdruck zwar das Gehör - er ist aber umgekehrt auch oft eine Folge von Schwerhörigkeit. Denn durch das stete Bemühen, die Hörminderung zu verschleiern, stehen viele Menschen unter Dauerstress. Eine Hörhilfe wird häufig abgelehnt, weil man "noch nicht so alt" oder gar "senil, dement" sei. Das Gehör kann durch eine Demenzerkrankung beeinträchtigt werden. Die eigentliche Tragik ist aber, dass das Demenzrisiko steigt, wenn schlecht Hörende resignieren und sich von Freunden und Familie zurückziehen. Dann fehlen die kognitiven Reize, die das Gehirn braucht, um fit zu bleiben. Noch viel größer ist die Gefahr, durch die Vereinsamung psychisch zu erkranken - bis hin zu schweren Depressionen.

Österreich Vorreiter bei Früherkennung

Eine Erfolgsgeschichte ist hingegen das in Österreich bereits 2003 im Mutter-Kind-Pass verankerte Neugeborenen-Hörscreening, das inzwischen 90 Prozent aller Babys erfasst. "Heute behandeln wir zehnmal mehr Kinder noch vor einer für die Sprachentwicklung entscheidenden Phase, sodass sie fast oder ganz wie andere Kinder hören und sprechen", erklärte Dr.n Charlotte Rottensteiner-Grohsmann von der HNO-Abteilung am Wiener Donauspital/SMZO. Selbst gehörlose Babys hätten gute Chancen auf eine annähernd normale Entwicklung, so die Expertin. Voraussetzung sei eine frühzeitige Diagnose, damit noch in den ersten Lebensmonaten ein Cochlea-Implantat eingesetzt werden könne.

Noch in den frühen 1990er-Jahren wurden Hörschäden bei Kindern oft erst entdeckt, wenn deren Sprach- und meist auch kognitive Entwicklung bereits so beeinträchtigt war, dass sie später auf die Gebärdensprache angewiesen waren.

Umso unverständlicher sei es für Rottensteiner-Grohsmann, dass seit einiger Zeit im Mutter-Kind-Pass nur anzumerken ist, ob das Hörscreening durchgeführt wurde oder nicht. Eine Dokumentation des Ergebnisses ist aber nicht mehr vorgesehen. Man habe bereits vor einem Jahr bei Gesundheitsminister Alois Stöger angefragt, aber noch keine Antwort erhalten, sagte Rottensteiner-Grohsmann.

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