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Foto: MED-EL
DI Dr. Ingeborg Hochmair Geschäftsführerin von MED-EL Medical Elektronics, Innsbruck
 
HNO 27. September 2011

„Man will natürlich, dass es Menschen helfen kann“

Durch implantierbare Medizintechnik Hören können – eine Innsbrucker Unternehmerin macht es möglich. Am Beginn standen elektrotechnisches Know-how und Mut zum Risiko.

Von 1.000 Kindern kommen drei mit beeinträchtigtem Gehör zur Welt. Nach ihrem Studium an der Technischen Uni Wien arbeitete die Elektrotechnikerin DI Dr. Ingeborg Hochmair an der Entwicklung von implantierbaren Geräten. 1977 gelang es, die ersten Cochlea Implantate zu entwickeln. 1990 gründete Hochmair gemeinsam mit ihrem Ehemann das Medizintechnik-Uniternehmen MED-EL Medical Electronics. Rund tausend Mitarbeiter sind heute in 28 Niederlassungen tätig, Menschen aus 96 Ländern können mithilfe der elektronischen Hörhilfen wieder hören. Im Gespräch mit der Ärzte Woche erzählt Hochmair über ihre Ziele und aktuelle technische Innovationen, die unter ihrer Leitung entwickelt werden.

 

Frau Dr. Hochmair, Sie haben bereits 1977 mit der Entwicklung von Hörimplantaten – damals an der Technischen Universität Wien – begonnen und haben dann damit als Start-up Ihr Unternehmen aufgebaut. Waren Sie besonders risikobereit, diesen Schritt zu wagen, oder waren Sie so von den Möglichkeiten eines Hörimplantats überzeugt?

Hochmair: Ohne Risiko geht es nicht. Die Sturheit des Erfinders führte zur Gründung. Man beginnt etwas zu entwickeln und will natürlich, dass es ein Erfolg wird, es Menschen wirklich helfen kann! Dafür muss man den Schritt zur Firma wagen.

 

Das erklärte Ziel Ihres Unternehmens ist es, den Hörverlust oder das fehlende Gehör als Barriere für Kommunikation zu überwinden. Welche Innovationen gab es zuletzt? Sie entwickeln ja neben den „klassischen“ Cochlea Implantaten auch noch andere Geräte, um das Hören zu verbessern, wie Cochlea- und Mittelohrimplantat-Systeme, elektrisch akustische Stimulation usw.

Hochmair: Als forschungsintensives Unternehmen arbeiten wir ständig an der weiteren Verbesserung unserer Produkte, aber auch an der Angebotserweiterung. Erst im vergangenen Jahr wurde das kleinste und leichteste Implantat mit Titangehäuse, das CONCERTO, auf den Markt gebracht. Es eignet sich besonders für minimalinvasive Operationstechniken.

 

Das Gehör ist ja bis heute das einzige Sinnesorgan, das technisch ersetzt werden kann. Bei den Augen gibt es mit dem Sehchip vergleichbare Entwicklungen, die aber auch nach jahrelanger Entwicklung noch am Anfang stehen. Wo liegen die größten technischen Herausforderungen? Ist es die Schnittstelle Maschine-Gehirn?

Hochmair: Das Ohr ist in der Tat das erste Sinnesorgan, für das es einen Ersatz gibt. Das Auge ist komplizierter. Man benötigt viel mehr Kanäle und die Fläche, an der man stimulieren wird, ist gekrümmt. Das macht die Entwicklung in Summe eine Stufe schwieriger und langwieriger. Die große Herausforderung liegt in der Schnittstelle zwischen Elektrostimulation und den erregbaren Strukturen.

 

Welchen Stellenwert hat heute das Thema Forschung und Entwicklung in Ihrem Unternehmen?

Hochmair: Forschung und Entwicklung sind extrem wichtig, denn nur so erreicht man Fortschritt. MED-EL investiert mehr als 15 Prozent des Umsatzes in diesen Bereich.

 

Ihre Produkte befinden sich an der Schnittstelle Technik und Medizin. Benötigen Sie als Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen eher technisch interessierte Mediziner oder mehr Technikerinnen und Techniker, die an Medizin und der Arbeit mit und am Patienten interessiert sind?

Hochmair: Wir beschäftigen mehr Techniker als Mediziner. Jedoch kommt es darauf an, dass beide Disziplinen miteinander kommunizieren können, obwohl sie möglicherweise verschiedene Herangehensweisen haben und ein unterschiedliches Vokabular verwenden. Das Interesse, Menschen helfen zu können, spielt aber sicherlich bei all unseren Mitarbeitern eine wichtige Rolle. Viele erleben im persönlichen Austausch mit unseren Nutzern immer wieder sehr bewegende Momente.

 

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem kinischen Bereich und der Praxis?

Hochmair: Die Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen und Kliniken hat bei uns eine sehr lange Tradition. Wir pflegen weltweit zahlreiche Kooperationen im Bereich der klinischen Forschung. Auch für die tägliche Routine im Krankenhaus ist ein ständiges Verbessern der Prozesse enorm wichtig, wenn man den Durchdringungsgrad bzw. die Akzeptanz der Hörimplantate erhöhen möchte. Es geht um mehr Ergonomie für den Patienten, aber auch um Prozesse an den Kliniken wie zum Beispiel bei der Indikationsstellung, der Anpassung und der Therapie.

Wer trifft die Entscheidung, welcher Patient welches Produkt bekommt? Der Arzt oder der Arzt in Zusammenarbeit mit dem Patienten (oder dessen Eltern)? Wie funktioniert das konkret?

Hochmair: Ein Hörverlust sollte immer von einem Spezialisten, wie z. B. einem Audiologen oder einem HNO-Facharzt, diagnostiziert werden. Der Spezialist wird das Hörvermögen testen und so die Art und den Grad des Hörverlustes ermitteln. Gemeinsam mit dem Patienten bzw. – im Fall von Kindern – den Eltern wählt der Arzt aus, welche die jeweils beste Hörlösung für Patienten mit unterschiedlichen Hörverlusten ist.

 

Gibt es Kooperationen mit Patientenorganisationen?

Hochmair: MED-EL steht mit einer Reihe von Patientenorganisationen national und international in engem Kontakt. Wir versuchen, Patientenorganisationen so gut es geht zu unterstützen und durch umfassende Informationen über das Thema Hörverlust aufzuklären.

 

Vor kurzem wurde am AKH in Wien das tausendste Cochlea Implantat eingesetzt. Sie haben einen wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung und so den Menschen, auch vielen Kindern, ihr Hörvermögen wiedergegeben.

Hochmair: Darüber sind wir sehr froh, denn das ist unser oberstes Ziel. Dieser Erfolg ist jedoch nur möglich durch das Zusammenwirken vieler engagierter Fachleute, die beständig ihren Beitrag leisten, um die Patienten mit der jeweils besten Hörlösung zu versorgen.

Sie stehen bei MED-EL als Frau an der Spitze eines technischen Unternehmens – an den Unis sind Frauen bis heute unterrepräsentiert. Was ist Ihre Meinung dazu? Und wie groß ist der Frauenanteil bei MED-EL?

Hochmair: Der Frauenanteil bei MED-EL wächst beständig. Wir unterstützen dies unter anderem durch betriebliche Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeitmodelle.

Um das Interesse bei jungen Menschen zu wecken, ist Engagement seitens der Lehrer enorm wichtig. Meine Schwester ist Physiklehrerin. Mit viel persönlichem Einsatz weckt sie auch bei Mädchen sehr viel Begeisterung für die Materie.

 

Zu den Zukunftsperspektiven: Wenn Sie neue Geräte entwickeln, ist das eher ein Fortentwicklung der Technologien, die Sie bereits zu Beginn Ihrer Karriere bearbeitet haben, oder zeichnen sich völlig neue Entwicklungen ab? Ist Miniaturisierung ein Thema oder Nanotechnologie?

Hochmair: Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele neue Themen und Technologien nach so vielen Jahren noch dazukommen. Mittlerweile ist gutes Sprachverständnis selbstverständlich und es werden gute Ergebnisse sogar in schwierigen Hörsituationen wie Musik erzielt.

Eines der wichtigsten Themen überhaupt ist der Erhalt des Restgehörs, speziell bei Kindern. Wir setzen schon lange auf dieses Thema und können dadurch besonders weiche und flexible Elektrodenträger anbieten, die sich der natürlichen Form des Innenohrs anpassen und somit dessen empfindliche Struktur bestmöglich erhalten. Das ist auch im Hinblick auf künftige Therapieansätze und das Potenzial der Stammzellentherapie eine wichtige Voraussetzung.

Verbesserte Ergonomie und Miniaturisierung werden ebenso ein zentrales Thema sein wie die Abgabe von flüssigen Wirkstoffen aus den Elektroden und die Vollimplantierbarkeit. Auch wird die Nanotechnologie ganz bestimmt Einzug halten in unserem Gebiet. Wir haben mit unseren Cochlea-Implantat-, Mittelohrimplantat- und EAS-Hörimplantat-Systemen das derzeit breiteste Angebot am Markt. Um in Zukunft noch besser auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten eingehen zu können, werden wir unsere Produktpalette weiter ausbauen.

 

Das Gespräch führte Inge Smolek.

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