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Foto: http://idw-online.de
Phonagnosikern fällt es schwer, Stimmen zu erkennen.
 
HNO 23. März 2011

Hallo, wer spricht?

Phonagnosikern fällt es schwer, Stimmen zu erkennen. Ein neuer Online-Test verschafft möglichen Betroffenen Klarheit.

Viele Menschen erkennen Anrufer sofort an der Stimme. Einigen fällt es schwer. Nur wenige können Stimmen überhaupt nicht erkennen: Sie sind von einer kaum untersuchten neurologischen Besonderheit betroffen, der Phonagnosie.

 

Warum Einschränkungen im Stimmenerkennen auftreten, ist bislang ein Rätsel. Dass es sie gibt, ist selbst Betroffenen häufig nicht bewusst. Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben jetzt einen Online-Test entwickelt, mit dem jeder seine Fähigkeiten im Erkennen von Stimmen prüfen kann. Die Wissenschaftler suchen auf diesem Wege auch Versuchsteilnehmer für Studien. Die Erforschung der Phonagnosie könnte nicht nur all denen helfen, die Schwierigkeiten haben, Stimmen zuzuordnen, sondern auch wichtige Erkenntnisse über die Hirnfunktionen beim Personenerkennen liefern.

Phonagnosiker hören ganz normal, sind aber nicht in der Lage, andere Menschen – selbst enge Familienmitglieder und Freunde – an der Stimme zu erkennen. „Wie viele Menschen davon betroffen sind, ist unklar“, sagt Katharina von Kriegstein, die am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften eine Forschungsgruppe leitet. Bei dem vergleichbaren Phänomen der angeborenen Prosopagnosie, der Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen, wird jedoch vermutet, dass ein bis drei Prozent der Bevölkerung betroffen sind.

Störungen in der Stimmwahrnehmung können durch Hirnverletzungen auftreten, beispielsweise nach einem Schlaganfall. Die MPI-Forscher interessieren sich aber besonders für die angeborene Form der Phonagnosie. Deren Existenz wurde erstmalig im Jahr 2008 durch Bekanntwerden des Falls „KH“ belegt. Die Britin hatte stets Probleme damit, Stimmen zu erkennen – selbst ihre eigene Tochter muss am Telefon immer sagen, wer sie ist.

Dass hinter dieser kleinen Alltagsschwäche ein neurologisches Phänomen stecken könnte, kam KH erst in den Sinn, als sie in der Zeitung einen Bericht über Menschen mit angeborener Gesichtsblindheit (Prosopagnosie) las. Daraufhin meldete sie sich bei Forschern des University College London (UCL). Deren Bericht in der Fachzeitschrift Neuropsychologia erregte großes Aufsehen, denn anders als bei allen bis dahin bekannten Fällen von Phonagnosie erwies sich KHs Gehirn im Magnetresonanztomografen als anatomisch völlig normal. Sie verfügt zudem über ein gutes Gehör und kann etwa Emotionen, Umweltgeräusche und männliche von weiblichen Stimmen problemlos unterscheiden. Nur die Zuordnung der Stimme zu einer Person gelingt ihr nicht.

 

Anonymer Selbsttest des Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften im Internet: www.phonagnosie.de

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