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Foto: ©iStockphoto.commelhi

Strenge Indikation für Mandeloperation bei Kindern unter sechs Jahren: Tonsillektomie ist nur mehr in sehr gut begründeten Ausnahmefällen durchzuführen.

 
HNO 6. Oktober 2010

Mandeloperation:

Konsensus wirkt positiv

Sicherheit von Tonsillen-Eingriffen konnte durch Maßnahmenpaket erhöht werden.

In den Jahren 2006 und 2007 verstarben in Österreich fünf Kinder an Nachblutungen nach Mandeloperationen, alle jünger als sechs Jahre. Die erschütternden Ereignisse lösten eine Kaskade von Konsequenzen aus. Unter anderem wurde die einjährige flächendeckende „Tonsillenstudie 2009/20210“ durchgeführt, erste Ergebnisse wurden nun auf dem HNO-Kongress präsentiert.

Nach der unglücklichen Häufung an Todesfällen wurde intensiv nach den Ursachen in den Einzelfällen gesucht, auf Abteilungs- und nationaler Ebene die Indikationen sowie die Operationstechniken überprüft und hinterfragt; die ÖBIG ging von rund 10.000 operativen Eingriffen zu diesem Zeitpunkt an Mandeln und Adenoiden („Polypen“) pro Jahr in Österreich aus. Es fanden zahlreiche Abstimmungen zwischen der Österreichischen HNO-Gesellschaft und der Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde bis auf die Ebene der befassten Ministerien statt.

Einzigartige Übereinkunft

Als Resultat verfügt Österreich heute – einzigartig in ganz Europa – über ein Konsensuspapier, das von beiden Fachgesellschaften gemeinsam erarbeitet und im Herbst 2007 publiziert wurde. Es gibt Empfehlungen zu sehr enger und strenger Indikation zur Operation je nach Altersgruppe, zur Aufenthaltsdauer im Krankenhaus sowie zu den Vorsichtsmaßnahmen in den ersten zwei bis drei Wochen postoperativ.

Eines der wichtigsten Ergebnisse all dieser Diskussionen war die Empfehlung, bei Kindern unter sechs Jahren eine Tonsillektomie – also eine vollständige Entfernung der gesamten Mandeln – nur mehr in sehr gut begründeten Ausnahmefällen durchzuführen. In allen anderen Fällen von Operationsnotwendigkeit sollte der Tonsillotomie – der teilweisen Entfernung der Mandeln – der Vorzug gegeben werden.

Österreichische Tonsillenstudie

An der von Dr. Stefanie Sarny und Doz. Dr. Walter Habermann, HNO-Universitätsklinik Graz, koordinierten prospektiven Studie beteiligten sich 32 österreichische Kliniken und HNO-Abteilungen, so dass von einer flächendeckenden Erhebung sämtlicher relevanter Daten über ein Jahr ausgegangen werden kann.

Insgesamt wurden über 9.500 Patienten in diesem Zeitraum registriert und ihre Daten ausgewertet, was bei 100 Datenfeldern pro Patient zu knapp einer Million Einzeldaten führte. Deren endgültige Auswertung wird die Untersucher noch viele Monate beschäftigen. Die zurzeit vorliegenden Ergebnisse fasst der Studienleiter Prof. Dr. Heinz Stammberger, Leiter der Klinischen Abteilung für Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten, Universitätsklinik Graz, so zusammen: „Es gab im gesamten Studienzeitraum keinen einzigen Todesfall, die Quote von Nachblutungen, die einer operativen Versorgung bedurften, lag bei 2,8 Prozent. Das ist im internationalen Vergleich ein erfreulich niedriger Prozentsatz, heißt aber auch, dass immerhin 264 von 9.528 Patienten wegen einer Blutung nachoperiert werden mussten.“

Die Empfehlungen des Konsensuspapiers wirken sich positiv aus. Insbesondere in der Altersgruppe unter sechs Jahren ist es zu einem ganz deutlichen Wechsel von der Tonsillektomie hin zur Tonsillotomie gekommen (siehe Grafik).

Gefahr nicht unterschätzen

Operationen der Mandeln und Adenoide („Polypen“) können notwendige und sinnvolle Operationen sein, die der Gesundheit bei kleinen und großen Patienten sehr nützen beziehungsweise sie wieder herstellen können. Gerade bei Kindern muss jedoch die Notwendigkeit eines Eingriffs und die Technik der Operation im Einzelfall sorgfältig abgewogen werden; die Nachblutungsgefahr ist statistisch gesehen gering, darf aber nicht unterschätzt werden.

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