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Fotos (4):  Nanut/Regal
Mit der Kraft der Natur: Selbstuntersuchung im reflektierten Sonnenlicht.

Mit dem Spiegel ins Innere des Kehkopfs.

Ludwig Türck (1810–1868), Primararzt in Wien.

Der Spiegel macht das Auge zum sicheren Führer.

 
HNO 15. Juni 2010

Die Geburt der Laryngologie

Der „Türckenkrieg“ im Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut

Selten genug sind Kriege nicht furchtbar, sondern fruchtbar. Eine dieser spärlichen Ausnahmen ist der als „Türckenkrieg“ in die Medizingeschichte eingegangene Prioritätenstreit um die Erfindung des Kehlkopfspiegels zwischen Ludwig Türck (1810–1868) und Johann Nepomuk Czermak (1838–1873).

 

Türck, Primararzt an der Nerven- und 6. Medizinischen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses in Wien, kam mit den Veröffentlichungen seiner Entdeckungen auf dem Gebiet der Neurologie – dem Prinzip der sekundären Degeneration und der Halbseitenlähmung des Rückenmarks – manchmal nur um einige Tage zu spät. Den wissenschaftlichen Ruhm ernteten andere. Der wohlhabende Türck sah das meist eher sportlich. Trotz seiner bahnbrechenden Pioniertaten suchte er nie die breite Öffentlichkeit. Im Prioritätenstreit um die Erfindung des Kehlkopfspiegels setzte er sich aber vehement zur Wehr. Die heftige, öffentlich ausgetragene Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Physiologen Czermak verfolgte und kommentierte damals die gesamte medizinische Welt. Der Streit bereitete Türck vermutlich ziemlichen Ärger und Groll, letztlich erwies sich der „Krieg“ aber als überaus lohnend für das neue Fach. Praktisch über Nacht eroberte die neue Untersuchungstechnik und somit die Laryngologie die medizinische Welt.

Ins Innere des Kehlkopfs

Dem spanischen Gesangslehrer Manuel Garcia gelang es im Jahr 1854, mit einem kleinen Zahnarztspiegel das Innere seines eigenen Kehlkopfs zu begutachten und dabei die Bewegungsmuster bei der Stimmbildung und beim Singen zu beobachten. Ohne von Garcia zu wissen, experimentierte der Internist Türck im Sommer 1857 mit selbst konstruierten Spiegelchen an Patienten seiner Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus. „Halb durch Zufall war ich, ohne von meinen Vorgängern zu wissen, auf die Idee verfallen, einen kleinen Spiegel zur Untersuchung von Kehlkopfkrankheiten zu verwenden. Erst als ich Prof. Ludwig im Sommer 1857 das Kehlkopfinnere an einem Individuum meiner Krankenabteilung gezeigt hatte, erfuhr ich von Garcias Untersuchungen. Ich hatte jedoch einen anderen Zweck vor Augen als Garcia. Ich hatte mir nämlich vorgenommen, den Kehlkopfspiegel wo möglich in ein allgemein verwendbares Instrument zu verwandeln“, schrieb Türck später.

Leihgabe mit Folge

Als Lichtquelle für seine laryngoskopischen Untersuchungen verwendete Türck das Sonnenlicht. Penibel und gründlich sammelte er Befund um Befund. Mit Beginn des Winters unterbrach er seine Versuche aus Mangel an Sonnenlicht und borgte seine kleinen Untersuchungsinstrumente dem Physiologen Czermak, als der ihn darum bat. Am 27. März 1858 musste Türck zu seiner Überraschung in der Wiener Medizinischen Wochenschrift lesen, was Czermak mit seinen Instrumenten während des Winters mit künstlicher Beleuchtung am eigenen Kehlkopf beobachtet hatte. Türck über seine geplante Publikation zu informieren, hatte Czermak einfach „vergessen“. Diesmal setzte sich der „Zauderer aus Gewissenhaftigkeit“ aber zur Wehr. In der in die Annalen der Gesellschaft der Ärzte in Wien eingegangenen Sitzung am 9. April 1858 versuchte Türck sich seinen Prioritätsanspruch zu sichern. Czermak erkannte diesen zunächst – sogar schriftlich – an, zog diese Anerkennung aber in einer späteren Publikation wieder zurück. Damit begann der „Türckenkrieg“. Publikationen, Erklärungen, Darstellungen und Gegendarstellungen folgten Schlag auf Schlag. Gegen den redegewandten, erfinderischen und technisch versierten Czermak hatte der zurückhaltende und eher bedächtig schwerfällige Türck einen schweren Stand. Czermak punktete mit seiner Geschicklichkeit und mit technischen Neuerungen. So empfahl er die künstliche Beleuchtung mit dem durchbohrten Konkavspiegel, die Erwärmung des Untersuchungsspiegels, führte die Rhinologie als neues Spezialgebiet ein und beschrieb die laryngoskopische Kontrolle von lokalen Eingriffen am Kehlkopf, „da mittels des Spiegels das Auge zum sicheren Führer der Hand wird“. Bei seinen zahlreichen Vortragsreisen schuf sich der weltgewandte Czermak auch international viele „Jünger“, die durch ihn zu Pionieren des neuen Faches wurden. Türcks Part war weit weniger spektakulär. Er führte gewissenhaft die mühsame, genaue Bestandsaufnahme der verschiedenen Pathologien an den jetzt erstmals sichtbaren Organen durch. Die in jahrelanger Arbeit gesammelten pathologischen Befunde publizierte er 1866 in seinem Lehrbuch Klinik der Krankheiten des Kehlkopfes und der Luftröhre. Mit dem dazugehörigen Atlas war das Buch mehr als ein halbes Jahrhundert lang das Standardwerk des neuen Fachgebietes. Zwei Jahre später starb Türck am Flecktyphus, den er sich an seiner Abteilung geholt hatte.

Die historische Wahrheit

Der Fall „Türck-Czermak“ wurde noch Jahrzehnte lang heftig diskutiert. Sogar Juristen beleuchteten den wissenschaftlichen „Tatbestand“ und versuchten die „historische Wahrheit“ in diesem Streit zu finden. Im Jahr 1905 kam der Berliner Jurist Josef Kohler nach Abwägen aller ihm zur Verfügung stehende Unterlagen zu dem Schluss, dass es „hiernach keinem Zweifel unterliegt, dass erstens die Priorität der Erfindung Türck zukommt, dass zweitens Czermak wesentliche Verbesserungserfindungen machte und dass drittens Czermak in der Anwendung der gemachten Erfindung wesentliche Verdienste hat.“

Im Jahr 1870 gründete die Wiener Fakultät die Klinik für Laryngologie, die erste der Welt. Ihr erster Leiter wurde Türcks Schüler Leopold von Schrötter-Kristelli (1837–1908). Mit der Erfindung des Kehlkopfspiegels hatte Türck die Voraussetzung für das neue Spezialfach geschaffen. Am 22. Juni jährt sich sein Geburtstag zum zweihundersten Mal.

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