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HNO 9. September 2009

Taub auf beiden Ohren

Kinder, die beidseitig gehörlos sind, profitieren von einer bilateralen Cochlea-Implantation.

Eine in der HNO-Universitätsklinik Wien durchgeführte Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass eine bilaterale Cochlea-Implantation bei Säuglingen bzw. Kindern im Vergleich zur einohrigen Versorgung einen Vorteil in Hinblick auf Lern-, Therapie- und Entwicklungsverläufe bringt.

 

Im Jahre 1995 erfolgte an der Wiener Hals-Nasen-Ohren(HNO)-Universitätsklinik erstmals die bilaterale Implantation, zunächst an Erwachsenen, später ab 1997 auch an Kindern mit modernen, schnell stimulierenden Cochlea-Implantaten (CI) und tiefer Insertionstechnik (W. Gstöttner). Die Impulsrate betrug damals über 12.000, später über 18.000 und heute über 50.000 definierte jeweils neue Pulse pro Sekunde. Wie sich durch unsere und internationale Erfahrungen sowie zahlreiche Publikationen herausstellte, ist der audiologische Erfolg der bilateralen Implantation sowohl von der hohen Stimulationsrate der Implantate als auch von der tiefen Insertion in die Cochlea abhängig.

Die wesentlichen Effekte der bilateralen Implantation bei Erwachsenen, die mit schnellen Stimulatoren bei annähernd ähnlichen Fittingparametern (Abweichungen von bis zu maximal 25 % sind tolerabel) erreicht werden, sind der Kopfschatteneffekt, der Squelch-Effekt und der Summationseffekt. All diese Phänomene des bilateralen Hörens sind bei Hörgesunden vorhanden und konnten bei bilateralen CI-Trägern, analog zu bilateralen Hörgeräte-Trägern, zweifelsfrei bewiesen werden. Aufgrund dieser Effekte sind für Erwachsene bilaterale CI-Träger überragende Verständniswerte, insbesondere beim Hören im Störschall und lautem Störschall (Signal/Rauschabstand 5dB(A) oder 0 dB(A)) überhaupt erst möglich.

Nichtsdestotrotz wird im Gegensatz zu diesen Ergebnissen auch heute noch von sogenannten Experten angezweifelt, ob denn die bilaterale Implantation bei Kindern und Säuglingen Sinn macht. Oft wird argumentiert, dass für die kindliche Sprachentwicklung ohnehin ein Ohr genügen würde.

Gute Entwicklungserfolge

Seit 1997 wurden an der HNO-Universitätsklinik Wien 65 Kinder simultan oder sequentiell mit einem CI versorgt. Im selben Zeitraum wurden nahezu 200 Kinder nur einohrig mit einem CI versorgt. Ziel dieser retrospektiven Studie war es, herauszufinden, ob die bilaterale Implantation im Vergleich zur einohrigen Versorgung einen Vorteil bringt.

Obwohl die Gruppe der 265 Kinder in Bezug auf Ätiologie, Implantationsalter oder soziales Umfeld sehr inhomogen ist, können sehr wohl Unterschiede im Sprach- und Entwicklungserwerb festgehalten werden. Entsprechend unseren Daten zeigen die nur einseitig implantierten (aber beidseitig tauben) Kinder gegenüber den bilateral implantierten Kindern Defizite bzw. längere Therapie- und Lernverläufe.

Diese Beobachtung sowie der Entwicklungsvergleich entspricht den Daten von Kindern mit nur einseitiger Hörgeräteversorgung bei beidseitiger Hörstörung gegenüber Kindern mit bilateraler Hörgeräteversorgung. Das heißt: Im Therapieverlauf der simultan bilateral implantierten Säuglinge wird vom Sprachentwicklungs- und Hörlernziel innerhalb der ersten 36 Therapiemonate de facto ein ganzes Therapiejahr im Vergleich zu nur einseitig implantierten Kindern aufgeholt.

Die Lern-, Therapie- und Entwicklungsverläufe der bilateral implantierten Säuglinge ähneln dem natürlichen Entwicklungsverlauf von normalhörigen Kindern. Als Resultat unserer Untersuchungen sehen wir die bilaterale kindliche Implantation nicht nur als Standard bei postmeningitischer kindlicher Ertaubung, sondern im Hinblick auf die Hör-/Sprachentwicklung als wünschenswerten Standard bei jeglicher Ursache der Gehörlosigkeit, insbesondere bei congenitalen genetischen Hörstörungen.

Alter für Implantationen gesenkt

In den letzten Jahren wurde, bedingt durch das nahezu flächendeckende Neugeborenenhörscreening, das Implantationsalter der Kinder deutlich gesenkt. Mehr und mehr Kinder werden durch das Zusammenspiel von Screening, rascher Überweisung an eine HNO-Abteilung mit CI-Programm, frühzeitiger audiologischer sowie genetischer Abklärung und Miteinbeziehung von Kinderärzten bereits vor dem ersten Lebensjahr einseitig oder bilateral implantiert. Die simultane bilaterale Implantation von Säuglingen bringt sicher eine gewisse Herausforderungen an die Chirurgie und die kinderanästhetische Versorgung. Trotzdem ist und bleibt die CI einer der sichersten und komplikationslosesten Eingriffe im HNO-Bereich.

Frühe akustische Reizsetzung ist von Vorteil

Wir beobachten eine Gruppe von 15 Kindern, die vor dem 12. Lebensmonat bilateral implantiert wurden und keine Zusatzbehinderung aufweisen. Diese sehr früh bilateral implantierten Kinder zeigen eine nahezu und mitunter sogar eine tatsächlich gleiche audioverbale Entwicklung wie normalhörende Kinder gleichen Lebensalters. Offensichtlich ist der zusätzliche akustische Input im sehr frühen Lebensalter der beste Reiz für die Hör-/Sprachentwicklung. Kinder, die zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat bilateral implantiert sind und keine zusätzliche Behinderung aufweisen, zeigen im 3. Lebensjahr de facto eine unauffällige Hör-/Sprachentwicklung!

Aufgrund dieser Erfahrungen und Datenlage, die langsam auch international Bestätigung findet, ist die Cochlea-Implantation, insbesondere die bilaterale Implantation, bereits zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat sinnvoll und sowohl für Kind als auch für Eltern ohne zusätzliche Risiken erfolgreich.

 

Prof. Dr. W. Baumgartner ist an der HNO-Universitätsklinik Wien und als Visiting Professor an der Malayan University in Kuala Lumpur tätig.

 

 www.hearingpreservation.com

www.implantsaustria.com

Von Prof. Dr. Wolf-Dieter Baumgartner, Ärzte Woche 37 /2009

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